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Lolita-Autor : Ausflug in den Himmel: Nabokovs Berliner Hassliebe

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Mit seinem Roman «Lolita» erlangte er Weltruhm, die Grundlagen dafür legte Vladimir Nabokov in Berlin. Der Autor liebte die Stadt nicht. Aber seine bösen Beschreibungen schärfen den Blick des Touristen.

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erstellt am 29.Aug.2017 | 13:05 Uhr

Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass an der Adresse von Vladimir Nabokovs (1899-1977) letztem Wohnhaus in Berlin «Die kleine Weltlaterne» untergekommen ist.

In der Nestorstraße 22 in Wilmersdorf lebte der Schriftsteller fünf seiner 15 Berliner Jahre, bevor er 1937 der Stadt den Rücken kehrte und über Paris in die USA ging.Die Laterne am legendären Nachtlokal wirft heute ein fahles Licht auf die Gedenktafel, die an der Fassade an Nabokov erinnert. Für eine solche Heimeligkeit hätte der Autor des Klassikers «Lolita» (1955) nicht viel übrig gehabt.

«Das Haus, in dem Fjodor wohnte, war ein Eckhaus und ragte vor wie ein riesiges rotes Schiff, das an seinem Bug ein komplexes Turmgebilde trug, als sei ein langweiliger, solider Architekt plötzlich verrückt geworden und habe einen Ausflug in den Himmel gemacht.» So beschrieb Nabokov sein Wohnhaus im Roman «Die Gabe» (1938). Das Gebäude an der Ecke Nestor- Paulsborner Straße steht noch, die Backstein-Fassade ist verputzt, der Turm wurde aber abgerissen.

Nabokov war im Spätsommer 1922 in die Stadt gekommen, aus tragischem Anlass. Sein Vater V.D. Nabokov, Jurist und bis zur Oktober-Revolution Abgeordneter der Liberalen, war im März bei einem Anschlag in der Berliner Philharmonie getötet worden. Ein Anhänger des Zaren hatte ihn bei einem Treffen von Exilrussen erschossen. Er hatte versucht, den Redner am Pult, dem der Anschlag gegolten hatte, zu schützen. Heute liegt V. D. Nabokov auf dem russischen Friedhof in Tegel. Sohn Vladimir, der damals in Cambridge studierte, zog nach Berlin, um der Mutter beizustehen.

Wirklich heimisch wurde Nabokov aber in der Stadt nie - und doch blieb er 15 Jahre. «Hier wurde er zum Schriftsteller und fand seinen Stil», schreibt der Publizist Dieter E. Zimmer in seinem Buch «Nabokovs Berlin». Die Stadt diente ihm als Inspirationsquelle. In Berlin lernte er seine spätere Frau Vera Slonim kennen, sein Sohn Dmitri wurde hier geboren.

«Überspitzt könnte man sagen, dass er nie etwas erfand», schreibt Zimmer, der Nabokovs Bücher ins Deutsche übersetzt und seine Werke herausgegeben hat. In Berlin legte der Schriftsteller mit Liebesgedichten, Erzählungen und Romanen literarische Spuren.

«Bei der Ankunft in Berlin machte er für einen Augenblick halt, oder vielmehr hatte er das Gefühl, dass er bisher ununterbrochen auf der Flucht gewesen und jetzt erstmals zum Stillstand gekommen war», schreibt Nabokov in seiner Erzählung «Ein Ehrenhandel» von 1927.

Tatsächlich konnte Nabokov in die russische Gemeinschaft eintauchen. Die Vier-Millionen-Metropole war Zentrum des russischen Exils. Rund 350 000 Russen, die vor den Bolschewiki geflohen waren, hatten sich in der Stadt niedergelassen, Vereine, Clubs und Verlage gegründet.

Eines der Zentren dieses «Petrograd an der Spree» war der Wittenbergplatz. An der Bayreuther Straße links am Platz öffnete 1921 die Buchhandlung des Verlags Slovo, in dem die ersten Bücher Nabokovs erschienen. Schräg gegenüber vom KaDeWe lag das russische «Restoran-Kafe Passauer», ein paar hundert Meter weiter der Kurfürstendamm, Nabokovs Revier.

Die Texte greifen den Takt der Stadt auf. «Im Schaufenster der Apotheke machte eine mechanische Reklamefigur Rasierbewegungen, und Straßenbahnen fuhren quietschend vorbei, und es begann zu schneien», beschreibt er die Eindrücke des Flaneurs.

Berlin ist aber nur eine Zwischenstation, die der Autor nicht allzu schmeichelhaft beschreibt. Da befällt ihn bei der Straßenbahnfahrt ein «bösartiger, bedrückender Hass auf die schwerfällige Trägheit dieses unbegabtesten aller Verkehrsmittel». Vom Brandenburger Tor berichtet er: «Da war es, das behäbige Tor. Breithüftige Busse zwängten sich durch seine Öffnungen und rollten weiter über den Boulevard.» Unter den Linden attestiert er einen «pseudoparisischen Charakter».

Und Nabokov hat Geldsorgen, hält sich mit Russisch-Unterricht über Wasser. Auf dem Tennisplatz hinter der Schaubühne am Lehniner Platz arbeitet er als Tennis-Lehrer. Von den Courts zwischen den Zwanzigerjahre-Wohnblöcken des Architekten Erich Mendelsohn (1887-1953) ist heute nicht mehr viel übrig. Gras hat den Sandplatz überwuchert, Bau-Investoren begehren das Filetgrundstück.

Mit Deutschen hat Nabokov wenig Kontakt, er mag sie nicht wirklich, hat aber deswegen auch ein schlechtes Gewissen. «Die Überzeugung der Russen, dass die Deutschen in kleinen Mengen vulgär, in großen unerträglich vulgär seien, war, dass wusste er genau, eine Überzeugung, die eines Künstlers unwürdig war; und dennoch...», schreibt er für eine geplante Fortsetzung seines Romans «Die Gabe». Später wird er dieses harsche Urteil revidieren.

Auch nachdem im Januar 1933 Adolf Hitler an die Macht gekommen ist, bleiben Nabokov und seine Familie in Berlin. Er findet Deutschland zwar «bedrückend wie einen Kopfschmerz», hasst die Nazis und beschreibt Hitlers Stimme als «bestialisches Gebrüll» und «frenetischen Redeschwall». Aber warum wartete er so lange, wo doch der Exodus der deutschen Juden und Nazigegner schon längst begonnen hat?

Nabokovs Versuche, in Frankreich oder in England Arbeit zu bekommen, schlagen immer wieder fehl. Doch dann verliert Vera ihre Stelle. Im April 1937 zieht die Familie aus der Wohnung in der Nestorstraße, am 6. Mai reist sie in Richtung Prag aus. Nach Deutschland kehrt Vladimir Nabokov nie wieder zurück.

Dieter E. Zimmer, Nabokovs Berlin, Berlin 2001, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, ISBN 3-87584-095-X

Gedenktafel für Vladimir Nabokov

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