Interview : Aus Charly wird Charlie

Karl/Charlie (Charly Hübner) macht sich aus dem Staub.
Foto:
Karl/Charlie (Charly Hübner) macht sich aus dem Staub.

Charly Hübner, Gastwirtssohn aus Neustrelitz, gehört zu den gefragtesten Schauspielern Deutschlands

svz.de von
08. September 2017, 21:00 Uhr

In Rostock haben gerade die Dreharbeiten für den 17. Fall der „Polizeiruf 110“-Kommissare Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) begonnen. Derweil können Kinofans die Schauspielkunst Hübners auf der großen Leinwand erleben. Der Gastwirtssohn aus Neustrelitz spielt die Hauptrolle in der Verfilmung des Sven-Regener-Romans „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“, angesiedelt in der deutschen Techno-Szene der 90er. André Wesche sprach mit dem 44-jährigen Schauspieler

Was für eine Rolle spielt Musik in Ihrem Leben?
Hübner: Eine große. Ich bin sehr musikalisch. Ich höre ständig Musik und bin sehr früh in die Welt der Stromgitarren geraten. Das war meine Prägung als Teenager. Später haben sich alle möglichen Genres hinzugefügt, außer Disco-Musik. Und irgendwann kam dann auch Rave dazu. Joe Strummer („The Clash“) hatte irgendwo mal gesagt: „Raver sind die besseren Hippies.“

Ihre Filmfigur erlebte die Wende als Trauma. Wie war es bei Ihnen?
Am betreffenden Abend haben wir Generalprobe vom Karnevalsklub gehabt und der Alkohol ist reichlich geflossen. Den Fall der Mauer haben wir gar nicht mitbekommen, ich kenne ihn nur aus der Nacherzählung. Deshalb war „Bornholmer Straße“ so ein Projekt, bei dem ich diesen Moment noch einmal selbst nachholen konnte. Ich war zur Wende 17, da war dieser Aufbruch und das sich Lösen vom Elternhaus eh in den Knochen drin. Weg aus dem Dorf, rein in die Stadt. Deshalb fühlte sich für mich der Aufbruch im ehemaligen Ostteil der Bundesrepublik gar nicht als großer Unterschied an, gerade in einer Stadt wie Berlin, wo es viel mehr Potential gab als auf dem Land. Das Berlin vor dem Mauerfall kannte ich nicht. Und das Berlin, das ich ab 1992 kennenlernte, war eine Stadt, die sich veränderte und verschmolz. Manches ist dabei draufgegangen, manches ist besser geworden.

Spüren Sie trotzdem noch eine DDR-Identität in sich?
Jeder hat natürlich seine eigene Identität. In meiner Generation, aber auch noch bei den zehn Jahre jüngeren und erst recht bei den älteren erkenne ich immer sofort, wenn jemand aus der ehemaligen DDR stammt. Es ist eine andere Form von Direktheit im Alltäglichen, eine andere Prägung. Was sich im Laufe meines Lebens aber immer mehr durchsetzt, sind die Mecklenburger Wurzeln. Dieses Norddeutsche ist noch mal ein anderer Stempel, der über die DDR hinausreicht. Das ist anderswo ähnlich.

Ist es seltsam, wenn eine Filmfigur denselben Namen wie man selbst trägt?
Nee. Ich bin ein Schrift-Mensch und jemand, der viel liest. Für mich ist „Charlie“ ganz anders als „Charly“. Jetzt stellt man mir öfter diese Frage, ich habe vorher nie darüber nachgedacht. Die Figur heißt ja auch im wirklichen Leben Karl und ich Carsten. Deshalb hat sich das für mich nie gebissen.

Die Leute von „Bumm Bumm Records“ stellen fest, dass sich ihre Ideale verändert und dass sie früher größer gedacht haben. Sehen Sie Ihren Beruf heute auch anders als zu Beginn?
Na klar. Als junger Schauspieler war ich sehr froh darüber, dass das überhaupt mal in die Gänge kam. Am Anfang stand so eine spleenige Idee. Damals war es noch selbstverständlich, dass man erst mal auf die Schauspielschule geht. Das ist ja heute nicht mehr so. Mich zog es ursprünglich nach Rostock, weil ich im Norden bleiben wollte. Das Schicksal hat dann drei Räder gedreht, bis ich aus der Empfindung heraus nach Berlin gehen musste. Heute bin ich natürlich total froh, dass ich an der „Ernst Busch“ gelandet bin.

Nach dem Studium hatte man die Sorge, ob einen überhaupt jemand als Schauspieler haben wollte. Ich bin dann nach Frankfurt gekommen. Dort musste man sich mit dem alten Westen auseinandersetzen. Das überdeckte die Arbeit. Der Ehrgeiz änderte sich dahingehend, dass man versuchte, in diesem Schauspielerdasein überhaupt zu überleben. Dann ist man mit dem Theater irgendwann am Ende, weil man die gesteckten Ziele nie erreicht. Ich hatte eine pragmatische Phase, in der ich nur noch mein Geld verdienen wollte. Dann merkt man aber schnell, dass die Ideale doch eine große Rolle spielen. Das Gewicht verändert sich zunehmend. Heute ist es ein Segen, jemanden wie Karl Schmidt spielen zu dürfen oder „Bornholmer Straße“ oder Bukow im „Polizeiruf“ Rostock. Davon hätte ich als 19-Jähriger nicht zu träumen gewagt. Es ist schon toll, dass ich das erleben darf.

Im Film „Magical Mystery“ zapfen Sie Bier. Das dürfte Ihnen aufgrund Ihrer Herkunft nicht schwergefallen sein.
Nee. Ich habe sogar als später Teenie damit mein Geld verdient. Irre, was der Körper sich alles merkt. Man weiß sofort wieder, wie alles geht. Das hat der Vater mir mal beigebracht und das geht immer noch so. Was Hänschen lernt… 

Karl/Charlie büxt gern aus seiner WG aus und gönnt sich etwas Gutes. Sind Sie auch ein Genussmensch?
Bei einem wirklich guten Wein kann ich nicht nein sagen. Das ist meine Achillesferse.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen