Opfer von Fake News : August Wilhelm Schlegel wird neu entdeckt

August Wilhelm Schlegel (1767-1845) in einer zeitgenössischen Darstellung.
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August Wilhelm Schlegel (1767-1845) in einer zeitgenössischen Darstellung.

Bis heute leidet der Ruf von August Wilhelm Schlegel unter den Diffamierungen seines Schülers Heinrich Heine. Zum 250. Geburtstag rückt eine Ausstellung den Universalgelehrten und Gefährten von Madame de Staël in ein neues Licht.

svz.de von
03. September 2017, 12:01 Uhr

Als «Dilettanten» mit goldgelber Perücke und Fett am Bauch hat Heinrich Heine einst August Wilhelm Schlegel (1767-1845) verspottet. Die öffentlichen Diffamierungen seines einstigen Schülers haben das Bild Schlegels, einem der führenden deutschen Romantiker, bis heute getrübt.

«Aus Rache hat Heine Schlegel physische und künstlerische Impotenz vorgeworfen», sagt Claudia Bamberg.

Zum 250. Geburtstag Schlegels am 5. September will die Literaturwissenschaftlerin der Universität Marburg zusammen mit anderen Forschern in einer Ausstellung in Frankfurt das schiefe Bild von Schlegel geraderücken. Schlegel war 1819/20 an der damals neugegründeten Universität Bonn Professor für Literatur. Als er Heines literarische Dichtungsversuche kritisierte, war dieser zutiefst gekränkt.

Dass Schlegel lange im Schatten seines jüngeren Bruders Friedrich stand, ist auch entsprechenden Äußerungen Heines mitzuverdanken. Die beiden Brüder haben damals von Jena aus der deutschen Romantik ganz wesentliche Impulse gegeben. Beide leben dort zusammen mit ihren Frauen in einer Wohngemeinschaft.

August Wilhelm Schlegel gilt heute als der Universalpoet der damaligen Epoche. Er war Autor, Satiriker, Gelehrter und Übersetzer der Werke von Shakespeare und Cervantes ins Deutsche. Zugleich war er Kosmopolit: Er lebte - durch politische Verfolgung oft dazu gezwungen - an verschiedensten Orten in ganz Europa und verbreitete in vielen Ländern die Ideen der Romantik.

Viele Jahre lang war Schlegel der französischen Schriftstellerin Germaine de Staël eng verbunden, die durch ihr Deutschland-Buch («De l'Allemagne») berühmt wurde. Schlegel war ihr literarischer Berater und bereiste mit ihr später den Kontinent.

Unter den 700 Briefpartnern Schlegels waren die in Weimar lebenden Dichterfürsten Goethe und Schiller, der Schlegel einst nach Jena gelotst hatte. In seiner letzten Lebensphase in Bonn wurde er schließlich noch Begründer der deutschen Indologie. Schlegel hat zwei wichtige indische Epen aus dem Sanskrit übersetzt.

«Seine Bedeutung für die Romantik ist bis in die jüngste Zeit unterschätzt worden», sagt Kuratorin Bamberg. Gerade der weltläufige Schlegel stehe für die Neugier der damaligen Epoche auf andere Kulturen - im  Widerspruch zum Klischee von der romantischen Innerlichkeit.

Die teils multimedial angelegte Schau im Goethe-Museum zeigt bislang weitgehend unbekannte Originale wie Werkmanuskripte, Korrespondenzen sowie Stücke der indischen Sammlung.

Die Schau unternimmt auch den Versuch, das Briefnetzwerk Schlegels interaktiv zu visualisieren. Seit 2012 wird die Korrespondenz Schlegels in einem großen Forschungsprojekt an den Universitäten Marburg und Trier ediert und digitalisiert. Die Arbeit ist noch nicht beendet: Schlegels Briefe sind weltweit in 100 Archiven verstreut.

Digitales Forschungsprojekt zu August Wilhelm Schlegel

Goethemuseum Frankfurt

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