Ein Angebot des medienhaus nord

Vom Möbelhaus zum Lebensberater Nach 70 Jahren ausgedient: Ikea-Katalog – Bau Dir Dein Leben!

Von Ralf Döring | 01.09.2020, 18:15 Uhr

Egal ob auf dem Tablet oder auf Papier: Der Katalog bewirbt keine Möbel, sondern zeigt Lebensentwürfe auf.

Fürs Billy-Regal musst Du dich bis Seite 76 im neuen Ikea-Katalog vorarbeiten. Dort taucht der Klassiker aller Ikea-Klassiker im Wohnzimmer einer Frau auf, die Dir sicher bekannt vorkommt. Sie lebt allein in ihrer lichtdurchfluteten Wohnung mit großer Wohnküche, Schlafzimmer, Bad. Für diesen Tag hat sich Besuch angekündigt, vermutlich ein befreundetes Pärchen aus einer anderen Stadt und einer anderen Zeit, denn sie deckt nicht nur den Tisch Mörby Långa in seiner grob gezimmerten Holzfällereleganz, sondern hat auch das Sofa Vimle zum Bett ausgeklappt und die namenlosen Kissen mit der Bettwäsche Ängslilja bezogen. Was es noch über unsere Singlefrau zu sagen gibt? Sie kocht gern, denn für die Einbauküche Metod mit Voxtorp-Front hat sie stolze 5340 Euro angelegt. Und ja: Von der Standleuchte Skurup über die Obstschale Drömsk bis zum Handtuch Flodalen stammt alles, alles von Ikea. Der gusseiserne Topf Vardagen mag sogar zum Hoffnungssignal werden: Der hat seinen Deckel gefunden. Ikea ist mehr als nur Möbel. Ikea, das ist eine Geschichte. Deine Geschichte.

Warum wir uns duzen

Wohnst Du noch, oder lebst Du schon? hat Ikea vor ein paar Jahren gefragt. Und bevor wir uns weiter mit dem Möbelhaus beschäftigen noch ein Wort zum vertraulichen „Du“. Die Schweden duzen sich, und wo Ikea ist, ist Schweden. Also sagen wir „Du“, einverstanden?

Wie auch immer: Mit dem eben erschienenen neuen Katalog geht ein Paradigmenwechsel einher. Brüstete sich Ikea einst damit, der Katalog sei das auflagenstärkste Druckerzeugnis überhaupt – 220 Millionen Exemplare wurden in Spitzenzeiten gedruckt und so ungefragt wie flächendeckend verteilt –, findest Du die neueste Ausgabe nicht mehr automatisch im Hausflur. Zugestellt wird er nur, wenn Du das wirklich und ausdrücklich möchtest; die Ikea-Zukunft findet online statt. Liest Du noch, oder wischst Du schon? Vielleicht ist die Variante fürs Tablet ja viel ökologischer und nachhaltiger als die 288 bunten Seiten auf Papier zu drucken.

Weiterlesen: Ikea-Katalog wird nach 70 Jahren nicht wieder gedruckt

Das grüne Image

Überhaupt, die Ökologie: Auf einer der letzten Seiten, im Epilog gewissermaßen, wirbt der Katalog für das Angebot der Ikea-Restaurants, die zu den Möbelmärkten gehören wie der Inbusschlüssel zum Ikea-Paket. Dort serviert man Dir jetzt Plantbullar, die aussehen wie die guten alten Köttbullar, aber nicht aus Rinder- und Schweinehack bestehen, sondern aus Erbsenprotein, Hafer, Kartoffeln, Zwiebeln und Äpfeln. Auch der Hotdog im Bistro ist seit letztem Jahr vegetarisch. Das passt zum grünen Image.

Allerdings durchziehen kräftige Schrammen das farbenfrohe Hochglanzbild vom liebenswerten Öko-Vorzeigeunternehmer. Mal ist Pferdefleisch in die Köttbullar gerutscht, wenn auch nur in Tschechien, mal hieß es, Billy und ein paar seiner Schwestern und Brüder seien verseucht mit Formaldehyd. Dass in DDR-Gefängnissen politische Häftlinge Ikea-Möbel produzierten oder Ikea-Gründer Ingvar Kamprad Mitarbeiter bespitzelt hat und der Konzern nur sehr widerwillig Steuern zahlt, trübt das Bild vom netten Unternehmen ebenfalls gehörig. Immerhin: Den derzeit niedrigeren Mehrwertsteuersatz gibt Ikea an Dich weiter. Das unterscheidet die Möbelfabrik zum Beispiel von Apple.

Aber zurück zu unserer Freundin aus dem neuen Katalog. „Eine neue Stadt, ein neues Zuhause, ein neuer Anfang“ schreibt ihr der Ikea-Katalog zu, und so wie sie da bei einer Tasse Tee im Ruhesessel „Ekolsund“ sitzt und ein bisschen traurig ein Loch ins Billy-Regal starrt, wird uns klar: Die Arme sitzt nicht freiwillig allein in der kleinen Wohnung. Aber so hübsch - das muss man ja auch mal sagen - das Zuhause eingerichtet ist: Den Trennungsschmerz lindert das kaum. Wie sind wir überhaupt auf sie gekommen? Ach ja, auf der Suche nach dem Billy-Regal.

Die Ikea-Geschichten

Die Geschichte dieser Frau ist die traurigste, die der neue Ikea-Katalog zu bieten hat. Ein anderes Kapitel erzählt von einer Frau, die mit dem – übrigens schwarzen, soviel Diversität muss sein – Sportlehrer ihres Sohnes eine Patchwork-Familie gründet. Ein Langhaar-Vollbart-Hipster und seine Partnerin wachsen vom Pärchen zur Kleinfamilie, und Ikea eint all die Lebensentwürfe. Die fröhlich-funktionale Buntheit wird zum gemeinsamen Nenner von Studentenbude, Single-Wohnung und Familienappartement. Alles auf preiswert getrimmt? Keineswegs; der Studentenbude ist Ikea längst entwachsen. Wenn der Konzern überhaupt jemals sein Kernpublikum dort gesucht hat.

Vor siebzig Jahren ist der erste Ikea-Katalog erschienen. Das Jubiläum nimmt der Konzern zum Anlass, alle siebzig Kataloge im Netz auf ikeamuseum.com verfügbar zu machen, und jenseits aller Steuer-, Öko- und anderer Fragen rund um Ikea laden diese Kataloge zum Rundgang durch eine kleine Geschichte der Innenarchitektur ein. Fazit: Ikea auf den Billigmarkt für die Duz-Generation an der Schwelle zur Erwachsenenwelt zu reduzieren hieße, den Wald vor lauter Billy-Regalen nicht zu sehen. Wuchtige Sofas mit bizarren Blumenmustern wie aus Tante Annas guter Stube gehören genauso zum Angebot wie Möbel von derart zeitloser Gültigkeit, dass Freundinnen und Freunde heutiger Retrowellen für ein Original aus den 1960-ern die Privatinsolvenz riskieren würden. Wen stört es da schon, wenn Ikea dafür gelegentlich bei berühmten Kollegen abgekupfert hat?

Wer ohne Ikea ist...

Der Unterschied zum Heute besteht in einem schlichten Umstand: Damals wohnten die Menschen noch. Zum Livestyle wird Ikea ab Mitte der 1980-er Jahre. Seit dieser Zeit verkauft Ikea nicht nur alles, was Du zum Wohnen brauchst, vom Sofa bis zum Bettlaken, von Teppich bis zur Wohnzimmerlampe, sondern auch was du zum Leben brauchst – die Schöpfkelle und den Teekessel, den Topflappen und den Suppenlöffel. Wohnst Du noch? Jetzt kannst Du Ikea leben.

Der Katalog spiegelt das wider. Die Möbel sind das eine, die Blickfänger. Am meisten Geld verdient Ikea aber mit dem Drumherum des täglichen Lebens, und da gibt es nichts, was es nicht gibt: Teelichter, Blumenvasen und „Smakrik“, das Rapsöl mit Buttergeschmack, die Schreibtischlampe „Tertial“ und die Blechtonne „Knodd“. Die Duscharmatur heißt Brogrund, und das Induktionskochfeld inklusive Dunstabzug Förderlaktig. Selbst das Lachsfilet gibt es mittlerweile, es hört auf den Namen Sjörapport, und für Vegetarierer hat Ikea „Huvudroll“ im Angebot, „Proteinbällchen aus Erbsenprotein“, steht in der Beschreibung. Alles das wird Teil einer Geschichte, Deiner Geschichte, die Du, das muss wenigstens erwähnt werden, selbst zusammenbaust. Und wer ohne Ikea ist, der werfe den ersten Inbusschlüssel.

Mehr Informationen:

Lust auf 70 Jahre Ikea-Design?

Hier geht es zum Archiv mit sämtlichen Katalogen seit 1950.