Ein Angebot des medienhaus nord

Kunstwerke aus MV Kunst auf Kannen

Von Grit Büttner | 26.11.2015, 12:00 Uhr

Mecklenburgerin bemalt alte Milchgefäße. Auch Briefkästen oder Pfannen werden zu Kunstwerken

In klappernde Deckelkannen füllt schon lange niemand mehr frisch gemolkene Kuhmilch ab. Die meisten dieser über Jahrhunderte verwendeten Blechkannen landeten im Schrott, wenige überdauerten auf Dachböden, in Scheunen oder Ställen. Hobbymalerin Kathrin Finck im Dörfchen Bernitt bei Bützow sammelt seit zehn Jahren alte Milch- und Gießkannen oder kauft sie im Internet. In ihrer Freizeit zaubert sie farbenfrohe Bilder auf das zerschrammte Metall und verwandelt die ausgedienten Haushaltsgeräte mit viel buntem Acryllack in wetterfeste Kunstwerke.

Die Bilder-Kannen aus Bernitt gehen mittlerweile weg wie geschnitten Brot, wie die 52-jährige gebürtige Vogtländerin erzählt. Liebhaber gebe es in ganz Deutschland und auch Österreich. Mindestens 200 Kannen habe sie bisher bemalt, sagt Finck. Neben der Standardgröße von 20 Litern Volumen habe sie auch schon kleinere von zwei oder fünf Litern unter ihren Fittichen gehabt. Die größte Milchkanne von 100 Litern stehe aber noch im Originalzustand auf dem Boden, bisher habe sich kein Interessent für ein solch gewaltiges Werk gefunden.

<bc>4631054568001</bc>

Volker Janke, Ethnologe im Mecklenburgischen Volkskundemuseum Schwerin-Mueß, weiß um die historische Bedeutung der Gefäße. Genutzt wurden Milchkannen aus Weißblech im norddeutschen Raum schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, wie er sagt. Aluminiumkannen kamen im 20. Jahrhundert auf. Ihre Blüte erlebten die Behälter mit der Industrialisierung, damals wurde die Milch von den Höfen täglich in Kannen per Pferdefuhrwerk zur Molkerei transportiert. Aus dieser Zeit stamme auch die Redewendung für eine besonders langsame Fahrt „Er hält an jeder Milchkanne“, erzählt Janke.

Später wurden die Kannen durch Flaschen verdrängt. Glasverpackungen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg massenhaft produziert und wegen strenger hygienischer Auflagen für die Milch verwendet. Später wiederum machten neue Materialien wie Plastikbeutel und Pappkarton, der „Tetrapak“, dem Glas Konkurrenz. Die großen Henkel-Kannen aber gerieten endgültig in Vergessenheit oder wurden zweckentfremdet, wie Janke berichtet.

Mit ihrer Kunst versucht Kathrin Finck, die alten Milchkannen wieder ans Tageslicht zu holen und an prominenter Stelle in oder vor den Häusern zu platzieren. So verbringt die Mecklenburgerin fast jedes Wochenende mit Pinsel, Farben und großen Blechpötten auf den Knien.

Nicht nur Milchkannen verpasst sie ein neues Outfit. Auch Briefkästen, Pfannen oder Töpfe werden mit norddeutschen Ansichten verziert. Fünf Farb- und Lackschichten seien notwendig, damit die Kannenkunst wetterfest wird.

Begonnen hatte sie einst mit der typischen, eher schablonenhaften Bauernmalerei, wie die Künstlerin erzählt. Heute liege ihr eher das freie Malen. Die Ideen hole sie sich aus der mecklenburgischen Landschaft. Die Motive richteten sich nach dem Geschmack der Kunden: Reetgedeckte Bauernhäuser, prächtige Gärten, üppige Blumen-Bouquets, Mohn- und Kornblumen, Porträts von Menschen und Haustieren. Maritimes verewigte sie schon auf dem alten Blech ebenso wie Ansichten aus Venedig, die Dresdner Frauenkirche oder die afrikanische Savanne.