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Cappella Gabetta begeistert Publikum im Staatstheater mit Vivaldi-Projekt Argentinische Sonne über Schwerin

Von Michael Baumgartl | 01.08.2011, 07:21 Uhr

"Il Progetto Vivaldi", das Projekt Vivaldi, nennt die Cappella Gabetta ihr Konzertprogramm. Am Sonntagabend erlebte es in einem Konzert der Festspiele MV im Mecklenburgischen Staatstheater eine fulminante Aufführung.

"Il Progetto Vivaldi", das Projekt Vivaldi, nennt die Cappella Gabetta ihr Konzertprogramm mit Kompositionen des Meisters und anderer italienischer Komponisten dieser Epoche. Am Sonntagabend erlebte es in einem Konzert der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin eine fulminante Aufführung.

Ebenso gut hätte auch "Il Progetto Gabetta" über dem Programm stehen können. Nicht nur, weil die im vergangenen Herbst gegründete Cappella Gabetta, ein international besetztes Barockorchester unter der Leitung des argentinischen Geigers Andres Gabetta, gerade seine erste große Tournee absolviert. Vielmehr noch, weil dieses Ensemble gemeinsam mit der Cello-Solistin Sol Gabetta die Italiener der Barockzeit in einer unerhört exzentrischen, radikalen Weise aufführt, die manch landläufige Musikerfahrung irritiert, ja konsterniert, und dabei musikalische Kräfte freisetzt, die uns in

ihrer erschütternden Wucht aus den Angeln unseres brav eingefahrenen Lebens zu reißen vermögen. Es ist die Kunst des abrupten Wechsels, der die uns so lieb gewordene romantische Kunst der allmählichen Veränderung für die Dauer des Zuhörens völlig vergessen macht.

Die beiden Teile des Konzertabends begannen jeweils mit einem Concerto grosso, zuerst "La Pazzia" (Die Torheit) von Francesco Durante und nach der Pause ein Werk aus op. 3 von Geminiani. Die Cappella spielte auf der Vorbühne vor dem prachtvollen Gemälde des historischen Theatervorhangs und demonstrierte eine faszinierende, von Auge und Ohr eines jeden Musikers überwachte Präzision des Zusammenspiels. Die absolute Einheitlichkeit des Atems, das Ineinandergreifen rasanter Läufe, die wie Blitze durch die Instrumentengruppen von den Violinen bis zu den Bässen herabzuckten, extreme dynamische Wirkungen, bei denen sich Wiederholungen bis in die Unhörbarkeit entfernten, überraschende Endungen mit einem mächtigen Schlag aller Instrumente einen verblüffenden Punkt gesetzt bekamen, das waren markante Momente eines fesselnden Stils.

Im Zentrum des Abends aber standen Cellokonzerte von Antonio Vivaldi und dem etwas jüngeren Giovanni Benedetto Platti mit der Solistin Sol Gabetta. Sie fasste den Barockbogen weit vom Frosch entfernt und traktierte mit diesem beinahe gleichgewichteten Bogen ihr Guadagnini-Instrument von 1759 mit geradezu rabiat energischen Bewegungen, die auf den Saiten doch eine federnde Leichtigkeit entwickelten. Was für eine brillante Geläufigkeit in den Arpeggien und Skalen, was für eine Inbrunst im Gesang der Linien! Und was für eine schwindelerregende Heftigkeit im Wechsel zwischen virtuosem Spiel und melodischem Ausdruck.

Gerade in den langsamen Sätzen war nie das Tempo gleichmäßig stabil, die ausgesungenen Linien verband die Virtuosin mit flüchtig huschenden Figuren, denen sie zudem noch kleine Krönchen aus beiläufigen Verzierungen aufsetzte.

Höhepunkt dieses Spiels zwischen den Geschwistern Gabetta wurde "LInverno", der Winter, aus Vivaldis Quattro Stagioni im Arrangement für Violoncello und Orchester. Die Schläge des Anfangs, bis zum bloßen Geräusch verknappt, ließen eine Atmosphäre eisstarrender Weite entstehen, über die sich erst mit dem Soloinstrument lebendige Wärme legte.

Das Publikum war aufs Höchste erregt und steigerte seinen Applaus über zwei Zugaben hinweg bis zum Begeisterungssturm, untersetzt von Bravorufen und Füßetrampeln.