Sebastião Salgado : Anwalt der Unterdrückten

Sebastião Salgado vor einem Foto aus seinem „Genesis“-Projekt
Sebastião Salgado vor einem Foto aus seinem „Genesis“-Projekt

Für Prominente hat sich Sebastião Salgado, der heute 70 wird, nie interessiert. Er schaut mit der Kamera auf Umweltzerstörung und Armut

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08. Februar 2014, 00:36 Uhr

Er ist der wohl berühmteste und meistdiskutierte Fotograf der Gegenwart, in höchsten Tönen gepriesen, aber auch immer wieder kritisiert: Sebastião Salgado. Heute wird er 70 Jahre alt. Er kam 1944 in der kleinen brasilianischen Gemeinde Aimorés zur Welt, lebt aber schon lange in Paris.

Im vergangenen Jahr hat Salgado sein größtes Projekt vollendet, an dem er viele Jahre arbeitete: „Genesis“ (Schöpfung). Es zeigt, wie die Welt aussah, bevor die Zerstörungen der Industrialisierung begannen. Nach der ersten Präsentation im April 2013 in London tourt die „Genesis“-Schau durch bedeutende Museen. Deutschland steht noch nicht auf dem Ausstellungsplan, aber es sind Bucheditionen im Kölner Taschen-Verlag erschienen.

Salgado studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften in Brasilien. 1969 emigrierte er mit seiner Frau nach Paris, das Paar hatte sich gegen die Militärdiktatur in Brasilien engagiert. Als Angestellter der Internationalen Kaffeeorganisation in London – einer Handelsvereinigung, die unter UN-Federführung gegründet wurde – kam Salgado dann häufig nach Afrika. Er begann, als Autodidakt zu fotografieren.

Ab 1973 wurde daraus sein Beruf. Seitdem hat er die ganze Welt bereist und eine Unzahl brillanter Schwarz-Weiß-Fotografien mitgebracht – die Farbe liegt ihm nicht. Bald berühmt geworden, war der Vater von zwei Söhnen von 1979 bis 1994 Mitglied von Magnum, der weltweit wichtigsten Fotoagentur. 1994 machten er und seine Frau Lélia Wanick Salgado sich mit der Agentur „Amazonas Images“ selbstständig.

Sebastião Salgado hat nie Prominente aufgenommen. Was ihn interessierte, waren Zuckerrohrarbeiter in Kuba, Fischer am Mittelmeer, Arbeiter in Bangladesch, die Schiffe abwracken. Er fotografierte Schwefelsammler in Indonesien, Goldgräber in Brasilien, aber auch die Männer, die nach dem Golfkrieg die Ölquellen in Kuwait wieder verschlossen. Salgado galt als Anwalt der Unterdrückten, Entrechteten, Ausgebeuteten, und der Aufruf zu mehr Gerechtigkeit war auch die erste Botschaft seiner Bilder.

Aber Salgado vertraute oft zu wenig dem, was zu sehen war. Er flüchtete sich in eine extreme Inszenierung und Stilisierung, bevorzugte Licht- und Nebeleffekte, hatte immer ein Gespür für den wirkungsvollsten Bildaufbau. So wurden die Armen und die von ihrer Arbeit restlos Erschöpften zu Heldenfiguren, die gleich in den nächsten Hollywood-Film hätten überwechseln können. Wichtigstes Zeugnis dieser häufig kritisierten Phase ist der monumentale Bildband „Workers – Arbeiter“ von 1993.

Seitdem aber deutet sich ein Wandel an. Seit Mitte der 90er-Jahre sind die Aufnahmen immer noch perfekt, verzichten aber weithin auf äußere Brillanz und Effekte. Salgado wird hier seinem Ruf als sozial engagierter Fotokünstler gerecht. Der Band „Terra“ von 1997 etwa ist den verarmten Landarbeitern in Brasilien gewidmet. Vor allem die vielen stillen Aufnahmen berühren den Betrachter: Kinder beim Spiel oder traurig in die Kamera blickende alte Leute, von Arbeit und Armut gezeichnet.

Für sein Projekt „Migranten“ (2000) bereiste Salgado sechs Jahre lang Krisenregionen. Er dokumentierte die Flucht- und Wanderungsbewegungen in der globalisierten Welt, aber auch die schrecklichen Folgen von Kriegen. Obdachlose, Waisenkinder im Kongo, Flüchtlinge im Kosovo. Und als Sonderbotschafter des UN-Kinderhilfswerks UNICEF war er auch ganz praktisch tätig.

Das „Genesis“-Projekt, sein bedeutendstes Werk, ist fast schon ein Vermächtnis. Es erweckt zu Recht biblische Assoziationen. In ihm vereinen sich die beiden fotografischen Tendenzen Salgados. Die Meere und die Wüsten, die Arktis und den Amazonas, die Seelöwen, die Wale, die Rentiere, inszeniert Salgado in meisterhaften Aufnahmen.

Die Bilder aber der Menschen inmitten der Natur sind ganz einfach. Die Männer, Frauen, vor allem auch die Kinder, stehen unbefangen und selbstbewusst vor der Kamera. Die Frage allerdings, wie es mit ihrem Leben weitergeht, kann auch Salgado nicht beantworten.

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