70. Filmfestival in Cannes : Ade, Akin und Haneke

Der Festivalpalast in Cannes mit dem Poster des 70. Internationalen Filmwettbewerbs
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Der Festivalpalast in Cannes mit dem Poster des 70. Internationalen Filmwettbewerbs

Heute beginnt das 70. Filmfestival in Cannes – zum Jubiläum sind viele deutschsprachige Filmemacher vertreten

svz.de von
17. Mai 2017, 12:00 Uhr

Vielleicht kann Fatih Akin in diesem Jahr den Bann brechen. Mehr als drei Jahrzehnte ist es her, dass ein deutscher Regisseur den Hauptpreis in Cannes gewonnen hat. Nun hat es Akin in den Wettbewerb des wichtigsten Filmfestivals geschafft – und tritt dort unter anderem gegen Michael Haneke an. Überhaupt waren selten zuvor so viele deutschsprachige Filmemacher in Südfrankreich vertreten: Nach ihrem Kritikererfolg mit „Toni Erdmann“ im vergangenen Jahr gehört jetzt auch Maren Ade zur Wettbewerbs-Jury unter Vorsitz von Pedro Almodóvar. Und Valeska Grisebach schaffte es mit einem von Ade mitproduzierten Film in eine bedeutende Nebenreihe.

Den Auftakt macht heute aber erst einmal das französische Liebesdrama „Les Fantômes d’Ismaël“ mit Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg. In den folgenden Tagen steht dem Filmfest dann ein Spagat bevor: Einerseits ist es die 70. Ausgabe, das wird natürlich mit zahlreichen Stars gefeiert. Nicole Kidman scheint mit vier Projekten fast omnipräsent, außerdem stehen Robert Pattinson, Kirsten Dunst, Julianne Moore, Jake Gyllenhaal, Colin Farrell, Joaquin Phoenix, Vanessa Redgrave und Roman Polanski auf der Gästeliste.

Andererseits lässt sich bei all dem Glamour und der Feierlaune am Prachtboulevard der Croisette auch die aktuelle politische Wirklichkeit nicht ausblenden. Bis zum 28. Mai stehen auffallend häufig politische Themen in den Kinos an: Der Österreicher Haneke, der als erster drei Goldene Palmen gewinnen könnte, erzählt in „Happy End“ eine Geschichte vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise. In „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin verliert Diane Kruger bei einem Anschlag ihre Familie – verdächtigt werden Neonazis. Der Ungar Kornél Mundruczó hingegen fokussiert in „Jupiter’s Moon“ auf das Leid eines illegalen Einwanderers, während außerhalb des Wettbewerbs Dokumentationen über Al Gores Kampf gegen den Klimawandel und Claude Lanzmanns Blick auf Nordkorea hinzukommen.

„Nicht das Festival ist politisch, sondern die Filmemacher“, betonte Leiter Thierry Frémaux bei der Vorstellung des Programms. Dennoch macht die diesjährige Auswahl auch klar, dass das Festival nicht nur auf bekannte Namen setzen kann, sondern offen für Trends und Neues sein muss. So gehören zu den 19 Beiträgen im Wettbewerb zwar Werke etablierter Regisseure wie Haneke, François Ozon, Todd Haynes und Sofia Coppola – eine von drei Frauen. Doch es gibt auch unbekanntere Gesichter wie den in Berlin lebenden Ukrainer Sergei Loznitsa und die US-Brüder Benny und Josh Safdie, die Robert Pattinson als Bankräuber zeigen.

Die größten Überraschungen aber betreffen die Produktionsfirmen und Formate. So zeigt Cannes zum ersten Mal in der 70-jährigen Geschichte zwei Serien in Sondervorführungen: Teile der zweiten Staffel von „Top of the Lake“ der Oscarpreisträgerin Jane Campion sowie David Lynchs Fortsetzung der bahnbrechenden Serie „Twin Peaks“, die zu Beginn der 90er Jahre ein Meilenstein in der TV-Unterhaltung war.

Noch bemerkenswerter ist allerdings, dass im Wettbewerb große Hollywoodstudios wie Sony, Warner und Fox fehlen. Stattdessen ist der Streamingdienst Netflix gleich mit zwei Produktionen im Palmenrennen vertreten: mit dem Drama „The Meyerowitz Stories“ mit Ben Stiller und Emma Thompson sowie dem südkoreanischen Beitrag „OKJA“ mit Tilda Swinton und Jake Gyllenhaal. All das sind Belege für den Wandel in der Filmwelt, die neue Finanzierungswege beschreitet und in der Serien zur Konkurrenz des Kinos werden.

Die Goldene Palme

• Die Goldene Palme ist Hauptpreis des Filmfestivals und wird seit Jahren von dem Schmuckunternehmen Chopard gefertigt. Der Palmenstengel  läuft am Ende in eine Herzform über.

• Erst eine Frau wurde bislang mit der Trophäe ausgezeichnet: Die Neuseeländerin Jane Campion gewann 1993 für „Das Piano“ – und musste sich den Preis teilen mit dem Chinesen Chen Kaige („Lebewohl, meine Konkubine“).

• Zwei Goldene Palmen gingen bislang nach Deutschland: Als erster deutscher Regisseur wurde Volker Schlöndorff 1979 für „Die Blechtrommel“ ausgezeichnet (und teilte sich den Preis mit dem Amerikaner Francis Ford Coppola; „Apocalypse Now“). 1984 gewann Wim Wenders mit „Paris, Texas“.

• Sieben Handwerker arbeiten bei Chopard in der Schweiz rund 40 Stunden an jeder Goldenen Palme.

• Der Materialwert der Trophäe ist unbekannt. Er wird aber auf über 20 000 Euro geschätzt.

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