Kirche kritisiert Dokumentation : Papstfilm polarisiert: Was wusste Ratzinger?

Welche Schuld hat Papst Benedikt XVI. am massenhaften Vertuschen von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche? Ein neuer Film versucht, diese Frage zu beantworten.
Welche Schuld hat Papst Benedikt XVI. am massenhaften Vertuschen von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche? Ein neuer Film versucht, diese Frage zu beantworten.

Die katholische Kirche greift den Film über Benedikt scharf an. Gleichzeitig werden neue Vorwürfe gegen ihn öffentlich.

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31. Oktober 2019, 15:49 Uhr

Osnabrück | Stürmischer Applaus, "Benedetto"-Gesänge: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere fährt Papst Benedikt XVI. mit dem Papamobil durch Menschenmassen, die ihm zujubeln. "Wir sind Papst", titelte die Bild-Zeitung 2005.

Acht Jahre später entschwebt Benedikt im weißen Hubschrauber in den Ruhestand und die Kirche steckt in einer tiefen Krise. Tausende Missbrauchsopfer klagen Geistliche und Amtsträger an.

Was wusste Ratzinger?

Wie konnte es dazu kommen? Was wusste Ratzinger? Bei dieser Frage setzt die Dokumentation "Verteidiger des Glaubens" des deutsch-britischen Filmemachers Christoph Röhl an. Ein Versuch, den Missbrauch, das System Kirche und einen ihrer Hauptvertreter, Kardinal Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI. zusammenzubringen. Ein Zusammenschnitt aus Interviews und Archivmaterial.

Im Innersten der Kirche, so Röhls These, geht es um den Kampf zwischen Gut und Böse. Auch für den Papst. Der Jesuit Klaus Mertes zitiert Benedikt: "Der Teufel hat uns im Priesterjahr Dreck ins Gesicht geschmissen." Diabolisch sei das gewesen, meint Ratzingers Privatsekretär Georg Gänswein, dass ausgerechnet im Jahr 2009 derart Widerwärtiges aufgedeckt worden sei. Gemeint ist der tausendfache Missbrauch und seine Vertuschung. Gott und der Teufel. Licht und Finsternis. Wo stand der Papst?

Benedikts Privatsekretär Gänswein distanzierte sich von dem Film

Gänswein distanzierte sich kürzlich von dem Film, bezeichnete ihn als "Sauerei, ein Debakel". Die Deutsche Bischofskonferenz kritisierte gestern, die Dokumentation zeichne ein stark verzerrtes Bild.

Ratzinger wird darin als scheuer Mensch beschrieben, einer, der als Professor vor aufgebrachten 68ern flieht, statt sich ihnen zu stellen. Ein Intellektueller, der Bücher schreiben und den Kern kirchlicher Werte verteidigen will. 23 Jahre lang steht Ratzinger als Kardinal der römischen Glaubenskongregation vor. Der Hüterin der kirchlichen Wahrheit. "Man sieht ja, wie die Welt heute auseinander strebt", sagt Ratzinger in einer Szene. Der gebildete Deutsche arbeitet sein Leben lang daran, sie zusammen zu halten. Als Bischof von München und Freising wählt er das Motto "Cooperatores Veritatis" – Mitarbeiter der Wahrheit.

"Abends missbrauchte er mich - körperlich, sexuell, und am nächsten Morgen reichte er mir die Hostie mit der gleichen Hand, mit der er mich missbraucht hatte." Marie Collins


Rückblick: Ratzinger wächst in einer Familie auf, in der die Eltern Maria und Joseph heißen. Ihren Kindern geben sie die gleichen Namen. Nur Ratzingers Bruder wird ein Georg. Zum Priester wird auch er geweiht. "Ein klarer Glaube, basierend auf der Kirchenlehre wird häufig als Fundamentalismus abgetan", wird Ratzinger in einer anderen Szene zitiert. Problematisch wird es offenbar da, wo der reine, geradezu unschuldige Glaube auf die harte weltliche Realität von sexuellem Missbrauch, Vertuschung und Korruption trifft.

Marie Collins schildert Missbrauchsfall

Was dann passiert, schildert die Irin Marie Collins eindrücklich. Nach Jahrzehnten des Schweigens erzählt sie einem Bischof von einem Priester, der sie als Jugendliche vergewaltigt hatte. "Abends missbrauchte er mich - körperlich, sexuell, und am nächsten Morgen reichte er mir die Hostie mit der gleichen Hand, mit der er mich missbraucht hatte." Der Bischof reagierte überraschend – er sei in erster Linie entsetzt gewesen, weil hier die Hand eines Sünders die heilige Kommunion ausgeteilt hatte. "Aber mein Körper hätte ebenso heilig sein müssen", empört sich Collins im Film.

Ratzingers persönliches Verschulden wird im Film mehr angedeutet, als konkret belegt. Beispiel: die Legionäre Christi. Eine geistliche Gemeinschaft, in erster Linie junge Priester, die bisweilen zu Dutzenden innerhalb einer Messe geweiht werden. Ihr Anführer: der Mexikaner Marcial Maciel. Ein Mann, dem ehemalige Legionäre später massiven sexuellen Missbrauch vorwarfen. Jemand, der laut Film zwei Ehefrauen und mehrere Kinder hatte und einer der engsten Gefährten von Ratzingers Vorgänger, Johannes Paul II. war. Ratzinger habe im Gegensatz zu anderen hohen Amtsträgern keine Bestechung von den Legionären angenommen, heißt es. Als er ein Jahr Papst ist, enthebt Benedikt Maciel seiner Ämter und befiehlt ihm ein zurückgezogenes Leben.

"Sie nahmen es lieber in Kauf, dass acht Opfern Ungerechtigkeit erleiden, als dass Millionen Katholiken vom Glauben abfielen."


Allerdings, so heißt es im Film, hätten zwei Männer, ehemalige Legionäre, schon 1997 ihren Missbrauch und den von sechs weiteren Jugendlichen direkt in Ratzingers Büro in der Glaubenskongregation gemeldet. Ein Gerichtverfahren sei nicht eröffnet worden. Der Missbrauch ging weiter. Ein Ex-Legionär sagt: "Sie nahmen es lieber in Kauf, dass acht Opfern Ungerechtigkeit erleiden, als dass Millionen Katholiken vom Glauben abfielen." Zeugen beschreiben, wie die Kirche in Irland systematisch daran arbeitete, dass Täter strafrechtlich nicht verfolgt werden konnten.

"Sie nahmen es lieber in Kauf, dass acht Opfern Ungerechtigkeit erleiden, als dass Millionen Katholiken vom Glauben abfielen."


Als die Missbrauchsvorwürfe in den USA und Irland immer massiver werden, spricht Papst Benedikt im Flugzeug vor Journalisten darüber, wie sehr ihn die Enthüllungen schockiert hätten. "Sie machen mich sehr traurig und es ist schwierig zu begreifen, wie es möglich war, das Priesteramt so zu pervertieren."

Wollte der Papst nicht sehen, was passierte? Oder war er aktiv an Vertuschung beteiligt? Doris Wagner, eine Ex-Ordensfrau, die zwei Priestern vorwirft, sie sexuell missbraucht zu haben, sagt am Ende des Films: "Jeder, der eine Frage stellt, greift die Heilsmission der Kirche als solche an."

Dokumentation mit reichlich Zündstoff

Genau das tut der Film. Er oszilliert zwischen sachlicher Dokumentation und Krimi, Interpretationen von Zeitzeugen und irritierenden Aufnahmen Ratzingers. Starke Thesen werden vom Sprecher oder Interviewpartnern vorgebracht. Der Papst dient als Symbolfigur, als Stellvertreter eines Systems, in dem Schicksale Einzelner hinter einer kirchlichen Wahrheit zurückstehen müssen. Bisweilen fehlt jedoch der Blick hinter die letzte Tür, fehlt der letzte Beleg dafür, wie verstrickt Benedikt selbst war.

Die "Bild" titelte in dieser Woche: "Hat Papst Benedikt Sextäter im Vatikan gedeckt?" Demnach soll ein Prälat im Staatssekretariat des Papstes über Jahre Priester im Vatikan sexuell bedrängt haben. Hinweise darauf sollen beim Privatsekretär des Papstes eingegangen sein. Der Prälat sei versetzt worden. Unabhängig davon, ob sich dieser Vorwurf bewahrheitet – das letzte Kapitel in der Geschichte Joseph Ratzingers dürfte mit der Dokumentation noch nicht geschrieben sein.

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