Klimawandel, AfD und historische Vergleiche : Historiker-Vorsitzende: „Bis jetzt ist der Weltuntergang ausgeblieben"

Von den Nazis nachgestellter Fackelzug zur Feier der Machtergreifung 1933 - wie statthaft sind Vergleiche mit der AfD? Foto: dpa
Von den Nazis nachgestellter Fackelzug zur Feier der Machtergreifung 1933 - wie statthaft sind Vergleiche mit der AfD? Foto: dpa

AfD-Politiker als Nazis, Klimaschützer als neue Generation der RAF, ein Diskussionsklima wie in der DDR: Der historische Vergleich ist Dauergast in Politik, Postings und Smalltalk. Was ist von ihm zu halten? Wir machen den Faktencheck mit der Vorsitzenden des Historikerverbandes, der Mittelalter-Professorin Eva Schlotheuber.

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22. November 2019, 05:00 Uhr

Schwerin | Angesichts des Klimawandels rief die Wissenschaftlerin in unserem Interview zu Besonnenheit und Zuversicht auf. „Gesellschaften hatten schon immer ihre Schreckensvisionen, in jeder Zeit“, sagte sie. „Die aktuellen Herausforderungen fühlen sich für jede Zeit groß und unbewältigbar an.“ Am Ende sei der Weltuntergang bisher ausgeblieben, sondern die Menschen hätten sich durch Anpassung, Technik und neue Regeln des Zusammenlebens weiterentwickelt.

Vergleiche zwischen der AfD und der NSDAP könne sie einerseits verstehen, sagte Schlotheuber. Fachlich seien sie aber unpräzise und irreführend und würden auch politisch nicht wirklich helfen. Wichtiger sei, zu erkennen, was die AfD so erfolgreich sein lasse und sich diesen Themen zu widmen.

Das Interview hat folgenden Wortlaut:

Frau Prof. Dr. Schlotheuber, historische Vergleiche sind in vielen Diskussion beliebt. Was ist von ihnen zu halten?
Oft handelt es sich bei historischen Vergleichen um den simplen Versuch, Aufmerksamkeit zu erregen oder den Standpunkt des Gegenübers in Misskredit zu bringen. Dabei werden meist Äpfel mit Birnen verglichen. Die Zeitumstände sind immer einmalig und wiederholen sich nicht, auch wenn historische Prozesse sich ähneln können. Der Blick in die Geschichte kann aber trotzdem sehr nützlich sein, wenn er Ebenen aufdeckt, die wir bisher nicht wahrgenommen haben. Mit der neuen Perspektive merken wir dann: oh, da ist ja etwas dran, so habe ich es noch nicht gesehen. Dann kann der Vergleich eine Position der Gegenwart demaskieren. Auch Ideen und Philosophien aus der Vergangenheit können unser Leben heute sehr bereichern.

Lassen Sie uns auf einige aktuelle Beispiele blicken. Ist der AfD-Politiker Björn Höcke ein „Nazi“, als den ihn unter anderem der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak bezeichnet hat?
Das ist der Versuch, jemanden aus dem Diskurs auszuschließen und ihn als Partner auch für andere zu disqualifizieren. Dabei kann es durchaus hilfreich sein, wenn zum Beispiel rassistische Bemerkungen als solche offen gekennzeichnet werden. Der Rückgriff „Nazi“ suggeriert freilich, dass die Rechte seit der Zeit des Nationalsozialismus gleich geblieben ist und sich nicht weiterentwickelt hat. Er verdeckt vielleicht eher aktuelle Strategien, Ziele und Netzwerke der neuen Rechten, als dass er sie entlarvt. Nicht zuletzt wird die Zeit des Nationalsozialismus verharmlost, wenn „Nazi“ zunehmend als politischer Kampfbegriff herhalten muss.

Wie sieht es auf Ebene der Parteien aus? Die AfD in den Parlamenten nicht komplett zu schneiden, komme der Einbindung der NSDAP in den 30er Jahren gleich, kann man derzeit lesen. Richtig oder falsch?
In den vergangenen 70 Jahren hat sich gezeigt, dass eine klare Abgrenzung besser vor einem Rechtsdrift schützt als der Versuch der politischen Einbindung. Insofern kann man den Vergleich nachvollziehen. Trotzdem hilft er letztlich nicht weiter. Man muss akzeptieren, dass die AfD im Bundestag und außerhalb inzwischen eine relevante politische Kraft ist. Die Frage muss lauten: Warum? Was verschafft ihr diesen Zuspruch? Wir brauchen eine ehrliche und tiefergehende Analyse der aktuellen Situation, die nicht die (Ideal-) Vorstellung von unserer Gesellschaft, sondern die Wirklichkeit in den Blick nimmt. Beides stimmt derzeit nicht überein. Dazu trägt auch die affirmative Haltung der Medien bei. Angesichts der großen globalen Probleme und Unsicherheiten werden Putin oder Trump zur Negativfolie, um das eigene politische Prinzip zu verteidigen. Für eine offene Verhandlung der eigenen aktuellen Probleme wie das ‚Veröden‘ der Kleinstädte oder die Situation der alten Menschen ist da dann natürlich kein Platz. Diesen Widerspruch spüren die Menschen.

Geschichtliche Bildung verschafft Gelassenheit, sagt die Historiker-Vorsitzende Eva Schlotheuber. Sie ist Mittelalter-Professorin und Kirchenexpertin an der Universität Düsseldorf und stammt aus Bad Iburg. Foto: André Havergo
André Havergo
Geschichtliche Bildung verschafft Gelassenheit, sagt die Historiker-Vorsitzende Eva Schlotheuber. Sie ist Mittelalter-Professorin und Kirchenexpertin an der Universität Düsseldorf und stammt aus Bad Iburg. Foto: André Havergo

Beliebt ist es auch, angesichts der Aufrufe von Aktionsbündnissen wie „Sand im Getriebe“ oder „Extinction Rebellion“ von der frühen Phase der RAF zu sprechen und an deren berühmte Legitimation von Gewalt gegen Sachen zu denken. Trifft das zu? Können diese Bewegungen einen vergleichbaren Nährboden für Extremismus bilden?
Das Aufkommen großer religiöser oder weltanschaulicher Bewegungen ist in der Geschichte ein wohlbekannter Prozess. Wenn zentrale neue Anliegen nicht hinreichend in den Diskurs der Gesellschaft integriert werden können, kommt es zur Radikalisierung. Insofern liegt in jeder großen neuen Bewegung das Potential für Extremismus. Wie es konkret verläuft, hängt sehr von uns ab und unserer Fähigkeit, unsere Gewohnheiten, Bequemlichkeiten und auch das, was wir unter Fortschritt verstehen, zu hinterfragen. Aber: Es wird immer Splittergruppen geben, denen der Wandel nicht schnell oder nicht weit genug geht. Trotzdem liegt hier meines Erachtens auch die Chance, dass wir uns grundsätzlich fragen, wohin wollen wir als Gesellschaft eigentlich?

Das Weltbild radikaler Umweltschützer entspreche dem in totalitären Regimen, heißt es in einem weiteren Vergleich. Freiheitsrechte hätten sich dem Erhalt der Menschheit unterzuordnen. Was ist von solchen Vergleichen zu halten?
Die eigene Meinung als absolut zu setzen, ist keine gute Voraussetzung für einen Dialog, und permanent Ängste zu schüren kein guter Lösungsansatz. Auf der anderen Seite können sich neue gesellschaftliche Gruppen ohne klare Forderungen und Formulierungen kaum Gehör verschaffen. Wie sollen sie sonst auf ein Umdenken hinwirken? Das zu tun, ist nicht totalitär, im Gegenteil: Demokratie lebt davon, dass Gruppen ihre Meinung klar äußern und die Gesellschaft mit ihnen in den Dialog tritt. Veränderungen sind dann natürlich ebenfalls in demokratischer Weise umzusetzen.

Klimaschutz funktioniert wie eine Religion, heißt es – eines Ihrer Spezialgebiete. Stimmt der Vergleich?
Der Vergleich ist Unsinn, zumindest im engeren Sinne. Klimaschutz ist keine Religion und kann deren Funktionen auch nicht leisten. Dem Thema fehlt die spirituelle Tiefe, die philosophische Durchdringung von Leben und Tod im tieferen Sinne. Ich würde aber zustimmen, dass der Klimaschutz zur Sinnstiftung und – wie die Religion – zur Schaffung von Gemeinschaft beiträgt. Es ist sicher förderlich, wenn wir uns – ungeachtet politischer Unterschiede – als gemeinsame Basis darauf verständigen können, die Umwelt und den eigenen Lebensraum zu schützen und erhalten zu wollen. Die Menschen suchen nach sinnvollen Bezugspunkten für das eigene Handeln, der Klimaschutz kann das für bestimmte Aspekte bieten. Aber als neue Religion oder eine Ersatzreligion eignet er sich nicht.

Historische Vergleich zu ziehen ist die eine Methode, um seine Argumentation zu stützen. Eine andere ist es, ein Geschehen als historisch unvergleichlich und insofern besonders erwünscht oder bedrohlich zu deklarieren. Auch das geschieht mit dem Klimawandel, er sei die größte, die existenziellste Krise, der sich die Menschheit je gegenübersah…
Gesellschaften hatten schon immer ihre Schreckensvisionen, in jeder Zeit. Und sie brauchen sie wohl auch. Unser kulturelles Gedächtnis hat viele reale und fiktive Schrecken bewahrt: Der Weltuntergang und das Jüngste Gericht im Christentum, die große Pest des 14. Jahrhunderts, die ein Drittel der Menschen hingerafft hat, Weltkriege, Flucht und Vertreibung. All diese Erfahrungen, Erzählungen und Vorstellungen gehören in jeder Generation zum Leben dazu. Die aktuellen Herausforderungen fühlen sich für jede Zeit groß und unbewältigbar an. Hier kann Geschichte Mut machen, denn sie ordnet Ängste der Gegenwart ein: Am Ende ist der Weltuntergang bis jetzt ausgeblieben, die Menschen konnten sich retten durch Anpassung, Technik, neue Regeln des Zusammenlebens. Jede Gesellschaft hat eine Vorstellung vom Idealzustand wie Wohlstand für alle und Seelenruhe für den Einzelnen, der aber niemals erreicht werden kann. Gesellschaften sind immer defizitär und müssen sich verändern – das ist ganz normal und an sich kein Grund zur Sorge.

Historie als Therapie gegen Hysterie?
Sie verschafft einem zumindest Gelassenheit und die Gewissheit, dass der Mensch letztlich die Folgen seines Handelns nicht in dem Maße bestimmen kann, wie er oftmals meint. Die Stadt Brügge wurde reich und groß, als eine Springflut einen Zugang zum offenen Meer ermöglichte. Im 15. Jahrhundert versandete dieser Zugang wiederum endgültig durch eine neue Springflut, Brügge verarmte und „schlief“ gleichsam ein, während der Aufstieg Antwerpens begann. Das mittelalterliche Stadtbild und die reiche Kultur blieben deshalb weitgehend erhalten und ziehen heute Touristen an. Veränderungen sind normal, es bleibt uns nichts anderes übrig als das zu akzeptieren, zumal sich daraus durchaus auch Chancen ergeben können. Eines der großen Probleme jeder Gesellschaft ist, dass ein Idealbild, das sich unter bestimmten Umständen gebildet hat, als Bezugspunkt unhinterfragt bestehen bleibt, die Geschichte aber weitergeht. Wenn das Ideal nicht der aktuellen Zeit angepasst wird, strebt die Gesellschaft sozusagen nach rückwärts, in vermeintlich bessere frühere Zeiten zurück. Dann verliert sie an Integrationskraft, woraus soziale Krisen und Spaltungen folgen. Es braucht Mut, Veränderungen zu akzeptieren – sowohl von Küstenlinien als auch im Zusammenleben. Es hat wenig Sinn, sich dagegen zu wehren, sondern wir müssen versuchen, die neu entstandene Situation möglichst gut zu verstehen und, so gut es geht, mitzugestalten. Ebenso offenkundig ist es, dass zu unserer Vorstellung einer zukünftigen Gesellschaft eine neue Form von Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit gehören sollte.

Brügge wurde groß und reich, als eine Flut der Stadt im Mittelalter plötzlich Zugang zum Meer verschaffte. Ein Beispiel dafür, dass Unglücke auch Chancen bedeuten können. Foto: dpa/Jens Rufenach
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Brügge wurde groß und reich, als eine Flut der Stadt im Mittelalter plötzlich Zugang zum Meer verschaffte. Ein Beispiel dafür, dass Unglücke auch Chancen bedeuten können. Foto: dpa/Jens Rufenach
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