Buchtipp: „Buntland – 16 Menschen, 16 Geschichten“ : Bleiben Sie bunt!

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Frank Dähling ist Sammler, Naturschützer, Geschichtenerzähler und noch vieles mehr. Seit über vierzig Jahren lebt er in einer jahrhundertealten Wassermühle im Kraichgau. Hier rettet er das, was vom Fortschritt bedroht ist.
Frank Dähling ist Sammler, Naturschützer, Geschichtenerzähler und noch vieles mehr. Seit über vierzig Jahren lebt er in einer jahrhundertealten Wassermühle im Kraichgau. Hier rettet er das, was vom Fortschritt bedroht ist.

Zwei Jahre lang ist der Journalist Oliver Lück auf der Suche nach Geschichten durch alle Bundesländer gereist. Ein Gastbeitrag des Autors

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07. Oktober 2018, 05:00 Uhr

Ich möchte ganz ehrlich sein: Lange hatte es für mich nur einen Gedanken gegeben, wenn es ums Reisen ging – möglichst weit weg. Nur dort konnte das Abenteuer warten. Nicht in Berlin oder Bad Nauheim. Und schon gar nicht dort, wo ich aufgewachsen war, wo Schleswig-Holstein noch nicht schön ist und Hamburg nicht mehr. Deutschland? Was kümmerte mich Deutschland! Viel zu klein, viel zu eng – das Land und seine Leute. Ich musste erst nach Indien, Angola oder Costa Rica, nach Indonesien, Russland und in die Türkei, um zu verstehen, warum Menschen um die ganze Welt fliegen und bei uns Urlaub machen wollen.

oliver lück
Oliver Lück
 

Doch manchmal ist es ja so, dass man erst seinen Blickwinkel ein Stück verändern – oder besser gleich das Land verlassen – muss, um eine freie Sicht auf die Dinge zu bekommen. Man richtet sich neu aus. Das Herumkommen weitet den Blick. Denn wer von außen schaut, tut das immer mit einer Mischung aus Staunen, Belustigung und Schrecken. Und Gefühle für das eigene Land entstehen ja auf vielfältigste Weise – auch das Essen kann da eine Rolle spielen:

Der Gedanke an Omas Schmalzgebäck aus der runden Dose oder an das von Mama geschmierte Butterbrot in der blauen Tupperbox löst etwas Wohliges aus. Es gibt regelrechte Trostrezepte, die das Heimweh erträglicher machen. Es gibt Menschen, die sich Bratwürste um die halbe Welt schicken lassen, damit die Sehnsucht nach Zuhause nicht zu groß wird. Der vertraute Geschmack dieser Würste soll trösten. Andere haben für den Notfall heimische Brezeln in der Tiefkühltruhe. Manch einer beginnt zu weinen, wenn er in der Fremde ein Bier aus seiner Heimatstadt trinkt. Und man kennt auch den Geruchstrost von Kindern, die auf Reisen ein Schmusetuch dabeihaben, das nie gewaschen werden darf. Wussten Sie, dass das Heimweh zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch als schwere, nicht zu heilende und daher tödliche Krankheit galt?

Jedes Bundesland hat sein eigenes Kapitel

In „Buntland“ geht es nicht um die Suche nach einer gemeinsamen Identität. Und keine Sorge, ich werde Ihnen auch nicht das Land erklären – das müssen Sie schon selber versuchen. Nur eine Frage: Welche Farbe sehen Sie, wenn Sie auf Deutschland blicken? Schwarz-Rot-Gold? Etwas zu simpel und auch ein bisschen langweilig. Schwarz und Weiß? Einige denken ganz sicher so – selber schuld! Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Es ist viel einfacher: Deutschland ist bunt. Zum Glück.

Oft werde ich gefragt, wie ich die Menschen finde, über die ich schreibe. Ganz ehrlich: Ich weiß das gar nicht so genau. Häufig ist es nämlich so, dass sie plötzlich da sind. Selbst in Muschwitz, Süderbrarup oder in Wakendorf II. Man sitzt irgendwo, hört etwas und fragt nach. Man nimmt sich Zeit und kommt ins Gespräch. Viele Begegnungen haben genau so angefangen. Auch das Bayern-Kapitel in meinem neuen Buch: Ich saß in einer Würzburger Weinstube, bestellte Schoppen und Brotzeit. Ein Mann setzte sich zu mir an den Tisch. Und schon bald erzählte Josef, wie er mal drei fremden Rumänen, die eine Panne auf der Autobahn hatten und unbedingt nach Hause zu ihren Familien mussten, sein vollgetanktes Auto lieh. Den Fahrzeugschein gab er ihnen auch gleich mit. Es war kurz vor Weihnachten. Und Josef wollte helfen. Und was glauben Sie: Hat er seinen Wagen zurückbekommen? Am Ende unserer ersten Begegnung in Würzburg sagte er jedenfalls einen schönen Satz: „Buntland ist überall.“

Nicht immer bloß reden, dachte sich Josef Heeg. Also lieh er fremden Rumänen sein vollgetanktes Auto. Den Fahrzeugschein gab er ihnen auch gleich mit. Seine Nachbarn sagten: Du spinnst! Deinen Wagen siehst du nie wieder! Sie sollten sich wundern.
Oliver Lück
Nicht immer bloß reden, dachte sich Josef Heeg. Also lieh er fremden Rumänen sein vollgetanktes Auto. Den Fahrzeugschein gab er ihnen auch gleich mit. Seine Nachbarn sagten: Du spinnst! Deinen Wagen siehst du nie wieder! Sie sollten sich wundern.
 

Zwei Jahre lang bin ich durch Deutschland gereist und habe 16 Geschichten aus 16 Bundesländern mitgebracht: Eine ehemalige Lehrerin aus Sachsen-Anhalt, die spät Englisch lernte, heute Romane schreibt und damit Tausende Fans weltweit erreicht. Eine Umweltaktivistin aus Lüneburg, die ihren Protest zum Beruf gemacht hat. Sie seilt sich von Brücken ab, steigt auf Strommasten, besetzt Abrissbagger und stoppt Züge mit radioaktivem Müll. Und: Sie ist schwerbehindert. Ein Mann aus der Nähe von Heilbronn, der weit mehr als 1000 Mausefallen gesammelt hat. Eine achtköpfige Familie, die vor der Schulpflicht aus Hessen nach Portugal geflüchtet ist. Ein Obdachloser aus Wuppertal, der mit seinem Fahrrad quer durch Europa fährt und davon lebt, dass er Kuscheltiere tauscht. 200 begleiten ihn regelmäßig. Täglich bekommt er neue geschenkt und gibt sie für ein paar Euro weiter. In Schleswig-Holstein erfüllte ich mir übrigens einen Kindheitstraum und besuchte Peter Röders. Einst war er Samson, der zottelige Bär aus der Sesamstraße. Doch vor allem ist er ein begnadeter Puppenbildner. Gemeinsam mit seiner Frau Claudia lebt er in Idstedt unweit von Schleswig und entwirft mit großer Liebe zum Detail die fabelhaftesten Fantasiewesen, Tiere oder Gemüse.

Oder auch die unglaubliche Geschichte des Liberianers George Jalo, der vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat flüchtete und als blinder Passagier an Bord eines Frachters vor vielen Jahren nach Hamburg kam. Heute führt er ein geheimes, weil illegales Leben. Er hat weder Papiere, noch Rechte und ständig Angst. Und man fragt sich: Wie viel Leid passt in das Leben eines einzelnen Menschen?

Keine exklusiven, aber auch keine alltäglichen Geschichten

Solche Begegnungen und Erzählungen sind es, die ein Land sehr viel greifbarer machen als Zahlen, Farben oder Politik. Und diese Menschen sind auch sehr viel spannender als 99,9 Prozent derer, die im Fernsehen unterwegs sind. Weil sie echte Geschichten zu erzählen wissen. Nichts Exklusives dabei. Schon gar nichts Prominentes. Aber ganz alltäglich sind diese 16 Menschen aus 16 Bundesländern eben auch nicht. Und vielleicht umschreiben ja auch zwei Zeilen der Band Element of Crime den Umgang mit der Heimat und der eigenen Sicht darauf gar nicht so schlecht, wenn es im Song „Blick aus dem Fenster“ heißt: „Wer nicht geht, kommt nie wieder, und wer bleibt, ist nie weg.“ Der Rest liegt im Auge des Betrachters.

„Buntland – 16 Menschen, 16 Geschichten“

buntland ab september 2018
Oliver Lück
 

(256 Seiten plus 32 Bilder, 10,99 Euro), Rowohlt-Verlag. Alle Termine der deutschlandweiten Lesereise von Oliver Lück finden Sie auf www.lueckundlocke.de

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