Fernsehtipp : Geschichte der Treuhand: Europas Lumpen waren unterwegs

Sehenswerte Dokumentation über die Geschichte der Treuhand heute auf Arte

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23. Juli 2019, 05:00 Uhr

„Alle Lumpen Europas“ seien damals unterwegs gewesen, heißt es in diesem Film einmal über die Nachwendezeit. Und jeder von ihnen habe versucht, sich ein möglichst großes Stück der DDR-Wirtschaft unter den Nagel zu reißen. Mittendrin: die Treuhand.

Ausschlachtung der DDR-Wirtschaft

Die Anstalt war gegründet worden, um die volkseigenen Betriebe des untergegangenen Staates zu sanieren, zu privatisieren oder ganz abzuwickeln. Die Dokumentation „D-Mark, Einheit, Vaterland – Das schwierige Erbe der Treuhand“, die der deutsch-französische Fernsehsender Arte Dienstag ausstrahlt, zeichnet jene Jahre nach, in denen die Treuhand zum Synonym für Bevormundung und Übernahme des Ostens durch den Westen wurde.

Der Aufschwung Ost, hier auf einer Mauer in Magdeburg beworben, versprach viel. Eine ganze Reihe früherer DDR-Unternehmen wurde allerdings abgewickelt.
Jens Wolf/dpa

Der Aufschwung Ost, hier auf einer Mauer in Magdeburg beworben, versprach viel. Eine ganze Reihe früherer DDR-Unternehmen wurde allerdings abgewickelt.

 

Der sehenswerte Film wirft dabei einen intensiven Blick hinter die Kulissen der stark angefeindeten Anstalt. Er fragt nach ihrer Verantwortung dafür, dass fast drei Millionen Ostdeutsche innerhalb kürzester Zeit ihre Arbeit verloren. Aber auch nach der Rolle der Politik, die die Treuhand einsetzte, bevollmächtigte und lange ziemlich allein ließ mit ihrer großen Aufgabe.

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Treuhand-Chefin wird zur Hassfigur

Die Autoren Inge Kloepfer und Jobst Knigge befragen ebenso hochrangige wie eloquente Gesprächspartner: allen voran die langjährige Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel, die das Amt 1991 – nach der Ermordung ihres Chefs Detlev Rohwedder durch die RAF – übernahm. Zu ihrem Job gehörte auch „die Rolle des Buhmanns“: Birgit Breuel wurde zur Hassfigur, zum Feindbild vieler Ostdeutscher, die sich um ihre Zukunft betrogen sahen – und sehen.

Birgit Breuel 1998 vor dem Privatisierungsausschuss des  Schweriner Landtages
dpa
Birgit Breuel 1998 vor dem Privatisierungsausschuss des Schweriner Landtages
 

Tatsächlich war die CDU-Politikerin und einstige niedersächsische Finanzministerin eine Verfechterin von radikalen Privatisierungen – im Gegensatz zum SPD-Mitglied und Treuhand-Vorstandskollegen Rohwedder, der sich eher um Sanierungen bemühte. Mit Birgit Breuels Übernahme des Chefsessels war klar, welche Richtung die Anstalt einschlagen würde.

Politik mit Wende überfordert

Durchaus offen und selbstkritisch, mit Distanz, aber ganz und gar nicht empathielos blickt die ehemalige Chefabwicklerin zurück auf diese chaotische Zeit Anfang der 1990er-Jahre. Dass ihre Tätigkeit alles andere als ein Traumjob war, wird schnell erkennbar – zumal nach dem Schicksal ihres Vorgängers. Auch dass die Politik heillos überfordert war, aber mit der Treuhand und Breuel als „Erfüllungsgehilfinnen“ einen gut funktionierenden Blitzableiter besaß.

Dennoch wird die aus einer Hamburger Bankiersfamilie stammende Birgit Breuel hier keineswegs von Schuld freigesprochen: Allzu stark war ihr Glaube an die alles regelnde Kraft des Marktes. Daneben zeigt die Dokumentation aber auch, dass sie in ihrer Position eigentlich kaum gewinnen konnte. Ihr eigenes Fazit formuliert die heute 81-Jährige denn auch entsprechend bescheiden: „Es ist der Versuch gemacht worden, was Vernünftiges zu tun.“

Extra: Frühere Treuhandchefin räumt Fehler ein

Die einstige Chefin der Treuhandanstalt, Birgit Breuel, hat Fehler bei der Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft eingeräumt. „Natürlich haben wir Fehler gemacht. Das war sehr bitter“, sagte die inzwischen 81-Jährige der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Dennoch denke sie bis heute, dass der Weg, für den sich ganz Deutschland damals entschieden habe, grundsätzlich richtig gewesen sei. Nur über die Privatisierung seien Innovationen und Kapital in die Betriebe gekommen. Im Osten seien wirtschaftlich sehr erfolgreiche Regionen entstanden. „Ich würde behaupten, unsere Politik von damals hat an den Erfolgen durchaus einen Anteil.“ Nach Überzeugung von Birgit Breuel sollte man jedoch den gesamten Transformationsprozess aufarbeiten, nicht nur die Geschichte der Treuhand.

Die Linke und die AfD im Bundestag wollen, dass dort ein Untersuchungsausschuss zur Treuhand eingesetzt wird. Aus ihrer Sicht hat die Behörde nicht den gesetzlichen Auftrag erfüllt, sondern großen Schaden angerichtet.

Die Linke in Brandenburg forderte zudem einen Treuhand-Untersuchungsausschuss auch im Landtag. Für viele Brandenburger habe das Vorgehen der Treuhand nicht nur den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeutet, „sondern es war auch die Abwicklung und gnadenlose Entwertung ihres bisherigen Lebens“, sagte Brandenburgs Linken-Vorsitzende Anja Mayer am Sonntag.

Großen Respekt zollte Breuel den Menschen im Osten: „In Westdeutschland wäre es nicht möglich gewesen, den Leuten eine Veränderung dieses Ausmaßes zuzumuten. Sie hätten das nicht durchgehalten.“ Zugleich äußerte sie Verständnis für die Nöte der Ostdeutschen in den 1990er- Jahren. „Wir mussten den Menschen wirklich sehr viel zumuten und haben das auch getan, ohne Zweifel“, sagte sie. „Wir hatten nicht die Zeit, uns mit ihren Biografien ausreichend zu beschäftigen. Das war teilweise sehr hart. Sie haben sicherlich enorm gelitten und uns auch gehasst.“

Das gelte vor allem für sie persönlich: „Ich war die Hassfigur im ganzen Land.“

Nach einem Engagement als Chefin der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover hatte sich Birgit Breuel weitgehend zurückgezogen.

Berichte, Anekdoten und Einschätzungen von wichtigen Entscheidern

Neben Birgit Breuel kommen in dem ebenso spannend erzählten wie klug aufgebauten Dokumentarfilm zahlreiche weitere Protagonisten der Nachwendezeit zu Wort: die Treuhand-Mitarbeiter Brigitta Kauers und Norbert Thiele, Helmut Kohls damaliger Wirtschaftsberater Johannes Ludewig, die Politiker Klaus von Dohnanyi, Julius Friedhelm Beucher und Burkhard Hirsch ebenso wie Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR. Als Experten ordnen der Ökonom Hans-Werner Sinn und der Historiker Marcus Böick, der ein Buch über die Treuhand geschrieben hat, das Geschehen ein.

Die ehemalige Treuhand-Zentrale in Berlin
Hubert Link/dpa

Die ehemalige Treuhand-Zentrale in Berlin

 

Die Filmemacher setzen aus den Berichten, Anekdoten und Einschätzungen ihrer durchweg interessanten Gesprächspartner ein Mosaik zusammen, das zunächst ein Bild großer Hoffnungen ergibt – sich aber schon bald zu einem Bild der geplatzten Träume und Chancen wandelt. Vor allem, weil den Politikern in West und Ost unterwegs die Idee abhandenkam, die Ostdeutschen an ihrem Volksvermögen zu beteiligen.

„D-Mark, Einheit, Vaterland“ gibt tiefe, vielschichtige Einblicke in eine höchst turbulente, unübersichtliche Umbruchphase – deren teilweise Naivität und deren Fehleinschätzungen sich bis heute wirtschaftlich wie politisch massiv bemerkbar machen.

„D-Mark, Einheit, Vaterland – Das schwierige Erbe der Treuhand“, Arte, Dienstag, 23.07.2019, 22.05 Uhr

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