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Geschichtsträchtig : 400 Jahre Zeitungsstadt Berlin

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Berlin blickt in diesem Jahr auf 400 Jahre als Zeitungsstadt zurück. 1959 erschien im Ullstein Verlag Peter de Mendelssohns erste umfassende Geschichte über die «Zeitungsstadt Berlin». Jetzt gibt es eine aktualisierte Neuauflage dieses Standardwerkes.

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erstellt am 22.Aug.2017 | 11:34 Uhr

Mit der 1617 erschienenen «Frischmann-Zeitung», einem Vorläufer der ehrwürdigen «Vossischen Zeitung» («Tante Voss»), trat Berlin als Zeitungsstadt in die Mediengeschichte ein.

Auch wenn die einstige preußische Residenz- und heutige deutsche Hauptstadt inzwischen zu einem Zentrum der Kreativ-, Medien- und Start-up-Szene geworden ist, lohnt ein Blick zurück auf die geschichtsträchtige Entwicklung der «Zeitungsstadt Berlin» mit Aufblühen, Triumphen, Verboten, Niederlagen, Zensur und Auflehnung. Ein gleichnamiges Standardwerk über «Menschen und Mächte in der deutschen Presse» von Peter de Mendelssohn (1908-1982) erschien erstmals 1959 im traditionsreichen Ullstein Verlag.

Im nicht weniger historischen Ullsteinhaus in Berlin-Tempelhof, in dem in den 20er Jahren mit der «B.Z. am Mittag» die «schnellste Zeitung der Welt» und im April 1945 mit dem «Panzerbär» noch das letzte NS-Kampfblatt gedruckt wurden, ist jetzt eine aktualisierte Neuausgabe vom Herausgeberkreis des dort etablierten Deutschen Pressemuseums vorgestellt worden. Darin werden auch ausführlich die teils chaotischen Zeitungs- und Medienjahre in der alten und neuen Hauptstadt seit dem Mauerfall geschildert.

Auch wenn die Geschichte der Zeitung wohl 1605 in Straßburg begann, so könne Berlin doch als weltweit erste Zeitungsmetropole gelten, wie die Herausgeber der Neuausgabe in ihrem Nachwort betonen. Und was für eine Geschichte das ist, die hier facettenreich und mit großer Detailkenntnis von Experten und Insidern erzählt wird - bis hin zum Epochenumbruch im Zeitungs- und Verlagsgewerbe in der digitalen Welt, der wohl größten Umwälzung in der Branche seit der Erfindung des Buchdrucks. Dies alles wird erzählt am Beispiel der 400-jährigen Geschichte der Zeitungsstadt Berlin, wo sich nach Einschätzung vieler Experten auch entscheiden wird, welche Rolle Europa in der digitalen Zukunft spielt.

Denn Berlin war bisher nicht nur der vielfältigste, sondern zunehmend auch der am heftigsten umkämpfte und veränderungswütigste Pressemarkt Europas, wie es im Buch heißt. Inzwischen seien über 2000 Medienunternehmen seit dem Mauerfall in der deutschen Hauptstadt gegründet (und wohl so manche auch wieder geschlossen) worden, darunter zahlreiche junge und ebenso innovations- wie risikofreudige Start ups. Und dass Zeitungen wie «Bild» und ein Magazin wie «Focus» ihre Hauptredaktionen nach Berlin verlegt haben, sind weitere Beispiele für die Sogwirkung der neuen Medienstadt Berlin am Sitz von Regierung und Parlament inklusive umtriebiger Lobbyisten.

Dabei hat Berlin nie Zeitungen von nationaler Bedeutung hervorgebracht, wie im Buch betont wird, wenn man von einer überragenden Bedeutung einzelner gewichtiger Feuilletons und deren Autoren wie Alfred Kerr, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky absieht. Es ist der legendäre «Geist der Kochstraße» der Ullstein-Mosse-Scherl-Epoche vor allem in den 20er Jahren.

Der Journalist und Autor der «Zeitungsstadt», Peter de Mendelssohn, auch Verfasser einer bedeutenden Thomas-Mann-Biografie, spannt einen weiten Bogen vom Beginn des Dreißigjährigen Krieges über die Glanzzeiten der großen Zeitungshäuser mit ihren leidenschaftlichen Verlegern und Autoren, die von den Nazis vertrieben wurden, bis zur Nachkriegszeit mit neuem Aufblühen und auch Einschnitten wie dem Mauerbau von 1961.

Weitererzählt und aktualisiert haben das Standardwerk jetzt die Medienexperten Lutz Hachmeister, Leif Kramp und Stephan Weichert. Leider fehlen in der Neuausgabe aus verständlichen wirtschaftlichen Gründen die aufwendigen Faksimile-Beilagen alter Zeitungstitel, die noch die Erstausgabe geschmückt haben, die Neuausgabe aber fast unbezahlbar oder jedenfalls nur schwer verkäuflich machen würden.

Mendelssohn erzählt von der «schnellsten Zeitung der Welt», der «B.Z. am Mittag», die bei ihrem Start 1904 noch mit dem altertümlichen und zudem unter «amtlicher Fürsorge» stehenden deutschen telegrafischen Nachrichtenwesen zu kämpfen hatte und sich daher einen Stamm eigener schneller Korrespondenten zulegte. Als am 17. Oktober 1913 um 11.00 Uhr vormittags in Berlin-Johannisthal ein Zeppelin-Luftschiff verunglückte, war die «B.Z. am Mittag» bereits eine Stunde später mit einem ausführlichen Bericht über das Unglück in den Händen ihrer Leser.

Ein Kapitel ist natürlich dem in den 20er Jahren erbauten und mit damals spektakulären 85 Meter hohen Ullstein-Turmhaus in Tempelhof gewidmet, dem ersten in Eisenbeton gegossenen Hochbau Deutschlands. Das Ullsteinhaus am Teltowkanal wurde das größte Verlags- und Druckhaus Europas als neue Dependance des alten Zeitungsviertels in der Kochstraße mit den anderen Verlagen, das im letzten Krieg in Schutt und Asche fiel. Dort eröffnete später Axel Springer, der den Ullstein Verlag, den einstmals größten Zeitungskonzern Europas, wenn nicht der Welt, nach dem Krieg übernommen hatte, in den 60er Jahren sein neues Verlagshochhaus. Quasi nebenan ließ sich die linksalternative «tageszeitung» (taz) nieder, und heute treffen hier die Axel-Springer-Straße auf die Rudi-Dutschke-Straße, wie ein Teil der Kochstraße heute heißt, damit auch einen Teil der Geschichte der Zeitungsstadt Berlin symbolisierend.

In ihrem Epilog beschreiben die neuen Herausgeber die aktuellere Geschichte der Zeitungsstadt bis hin zur Digitalwirtschaft. Außerdem geben sie ein informatives Porträt von Peter de Mendelssohn, der fast sein ganzes Leben mit Zeitungen und die entscheidenden Jahre in Berlin verlebt hat, bevor er vor den Nazis fliehen musste und später als alliierter Presseoffizier zurückkehrte.

- Peter de Mendelssohn: Zeitungsstadt Berlin. Menschen und Mächte in der deutschen Presse. Erweitert und aktualisiert von Lutz Hachmeister, Leif Kramp und Stephan Weichert. Ullstein Verlag, Berlin, 812 Seiten, 42,00 Euro, ISBN 978-3-550-08157-6.

Zeitungsstadt Berlin

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