Hamburg : 100 Tage Elbphilharmonie: Pro und Kontra

Die Elbphilharmonie  kurz vor Sonnenaufgang im Hamburger Hafen
Die Elbphilharmonie kurz vor Sonnenaufgang im Hamburger Hafen

Was läuft gut – was läuft nicht so gut? Hamburger und Touristen staunen über das neue Klangwunder.

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21. April 2017, 08:00 Uhr

Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano hatte sich schon vor der Eröffnung weit aus dem Fenster gelegt, als er meinte: „Die Elbphilharmonie wird der beste Saal der Welt.“ Seit 100 Tagen begeistert das neue Konzerthaus Hamburger und Touristen gleichermaßen. Doch an manchen Ecken hapert's noch – vor allem Karten fehlen.

Was läuft gut:

Akustik: Die Akustik im großen Konzertsaal wird heiß diskutiert. Die meisten Kritiker und Musiker stellen dem neuen Konzerthaus ein positives Zeugnis aus und schwärmen vom „glasklaren Klang“ und der „Transparenz“. Fest steht, dass der Saal keine Fehler verzeiht. Wenn ein Musiker oder Sänger den Ton nicht genau trifft, dann fällt das auf. Das heißt aber auch: Je besser ein Orchester, desto besser der Klang. Was man als Zuhörer unbedingt vermeiden sollte: husten oder rascheln, denn auch das ist nur allzu gut zu hören. Die Beurteilung scheint auch davon abzuhängen, wo man sitzt.

Programm: In den Eröffnungswochen gab sich das „Who is Who“ der Klassikszene die Klinke in die Hand: von den Wiener Philharmonikern bis zum Chicago Symphony Orchestra, von Yo-Yo Ma bis Cecilia Bartoli.

Hinzu kamen anspruchsvolle Themenfestivals mit verschiedenen Schwerpunkten wie „New York Stories“ oder „Salam Syria“. Und so wird es in der kommenden Saison weitergehen, wirft man einen Blick auf die Abokonzerte, die man schon jetzt buchen kann: So sind das London Symphony Orchestra und das Cleveland Orchestra zu Gast, zu den Solisten gehören Anne-Sophie Mutter und Hélène Grimaud. „Wir könnten auf Kämmen spielende Putzfrauen präsentieren und der Saal wäre voll“, scherzte Intendant Christoph Lieben-Seutter.

Resonanz/Karten: Die Nachfrage nach Karten für die Elbphilharmonie ist so groß, dass schon vor der Eröffnung sämtliche Konzerte bis Juli ausverkauft waren. Und immer, wenn es neue Karten gibt (Sommerkonzerte, Schleswig-Holstein Musikfestival etc.), bricht der Server wegen Überlastung zusammen. Was die Veranstalter freut, sorgt bei zahlreichen Elphi-Fans für Frust, weil sie regelmäßig bei der Kartenvergabe leer ausgehen. Damit es in der kommenden Saison „etwas gerechter“ zugeht, werden vom 8. bis 22. Mai die Anfragen für Abos gesammelt, danach entscheidet das Los. Dieses Verfahren soll auch für ausgewählte Sonderveranstaltungen gelten, der Einzelkartenverkauf für alle Konzerte in der Elbphilharmonie startet am 12. Juni.

Architektur: Tausende Menschen strömen auch ohne Konzertkarte jeden Tag auf die öffentliche Plaza in 37 Metern Höhe, um den Rundumblick über den Hamburger Hafen zu genießen. Bisher wurden bereits 1,5 Millionen Besucher auf der Plaza gezählt – rund 250 000 Besucher konnten ein Konzert im Großen Saal erleben.

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Was läuft nicht so gut:

Treppen: Die einzigartige Architektur der Schweizer Herzog & de Meuron führt aber auch zu einigen Problemen. So ist es wegen der steilen Treppen, die manchmal wie eine einzige Fläche wirken, schon zu etlichen Stürzen gekommen. Hier wollen die Verantwortlichen nun mit baulichen Maßnahmen nachbessern. „Wir arbeiten zusammen mit den Architekten an einer Lösung“, sagt Pressesprecher Tom R. Schulz. So soll die Erkennbarkeit der Stufen verbessert und zusätzliche Geländer sollen angebracht werden. Die Theaterärzte, die bisher ehrenamtlich gearbeitet haben, wurden bereits durch professionelle Sanitäter ersetzt, die sich besser um verletzte Besucher kümmern können.

Toiletten und Garderoben: Vor den Toiletten und den Garderoben der Elbphilharmonie bilden sich regelmäßig lange Schlangen. Das hat bereits zu einigem Unmut bei Besuchern geführt. Dabei steht die Elbphilharmonie im Vergleich zu anderen Konzertsälen gut da: 125 Toiletten (51 für Damen, 74 für Herren) kann die Elphi vermelden, in der Hamburger Staatsoper sind es bei 1690 Plätzen nur 66 Toiletten (28 für Damen, 38 für Herren), in der Laeiszhalle bei 2025 Plätzen 28 für Damen, 28 für Herren. „Die Leute haben noch nicht verinnerlicht, dass es auf jeder Etage Toiletten gibt. Man muss sich nicht unbedingt in die längste Schlange stellen“, sagt der Sprecher der Kulturbehörde, Enno Isermann.

An- und Abfahrt: Ein von drei Seiten von Wasser umgebenes Gebäude ist schwer zu erreichen – das war von Anfang an klar. Wenn bei Konzertende 2100 Menschen nach Hause wollen, kann es schon mal eng werden. Die nächste U-Bahnstation am Baumwall ist 450 Meter entfernt, bei Sturm und Regen kann der Weg dorthin ungemütlich werden – vor allem im Abendkleid. Auch der Platz für Taxen vor dem Konzerthaus ist begrenzt.

Applaus: Dürfen die Zuschauer zwischen den einzelnen Sätzen eines Stückes klatschen oder nicht? Um das Verhalten bei Klassikkonzerten ist in Hamburg eine heftige Diskussion entbrannt. Die einen frohlocken: Denn die Elbphilharmonie lockt auch ein Publikum an, das sich bisher nicht so sehr für klassische Musik interessiert hat und daher auch weniger mit den ungeschriebenen Regeln bei Konzerten vertraut ist. Puristen und langjährige Konzertgänger stören sich dagegen an den neuen, lockeren Umgangsformen in der Elbphilharmonie. Sie bestehen darauf, an alten Traditionen festzuhalten.

Hintergrund: Etappen beim Bau der Elbphilharmonie

  • Oktober 2001: Der Architekt Alexander Gérard tritt an den Hamburger Senat mit der Idee heran, eine neue Konzerthalle auf dem Kaispeicher A zu realisieren.
  • Juni 2003: Die Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron präsentieren den ersten Entwurf der Elbphilharmonie: eine «Gläserne Welle» auf dem alten Kaispeicher.
  • Juli 2005: Die erste Machbarkeitsstudie geht von Gesamtkosten in Höhe von 186 Millionen Euro aus. Der Anteil der öffentlichen Hand soll bei 77 Millionen Euro liegen. Geplante Eröffnung 2010.
  • November 2006: Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gibt bekannt, dass die Elbphilharmonie teurer wird als geplant. Die Kosten steigen auf 241,3 Millionen Euro, der Anteil der Stadt auf 114,3 Millionen Euro.
  • 2. April 2007: Grundsteinlegung Elbphilharmonie.
  • November 2008: Kultursenatorin Karin von Welck räumt ein, dass sich die Kosten für den Steuerzahler um 209 Millionen Euro auf 323 Millionen Euro erhöhen. Neuer Eröffnungstermin ist im Mai 2012.
  • Mai 2010: Der von der Hamburger Bürgerschaft eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss nimmt seine Arbeit auf, um die Ursachen der Kostensteigerungen herauszufinden.
  • 28. Mai 2010: Richtfest auf der Baustelle der Elbphilharmonie. Die Feierlichkeiten werden von Protesten begleitet.
  • Juli 2011: Der Baukonzern kündigt erneut eine Verzögerung an. Nun soll die Elbphilharmonie am 15. April 2014 übergeben werden.
  • November 2011: Stillstand auf der Baustelle: Hochtief stellt die Arbeiten am Dach wegen Sicherheitsbedenken ein.
  • 2. Februar 2012: Ex-Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sagt vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss aus. Er übernimmt die politische Verantwortung, würde aber wieder so entscheiden.
  • 14. April 2012: Der Senat legt einen Plan zum Weiterbau der Elbphilharmonie vor. Gleichzeitig setzt die Stadt Hochtief ein Ultimatum, das Dach bis zum 31. Mai abzusenken.
  • 23. November 2012: Das Saaldach der Elbphilharmonie wird erfolgreich abgesenkt, das heißt mit dem Gebäude verbunden. Der Streit darüber war einer der wesentlichen Gründe für den Baustillstand.
  • 15. Dezember 2012: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) verkündet, dass die Stadt die Elbphilharmonie mit Hochtief zu Ende bauen will. Dafür erhält der Baukonzern erneut 200 Millionen Euro, übernimmt aber auch sämtliche Risiken. Fertigstellungstermin: Oktober 2016.
  • Juni 2013: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gibt bekannt, wie viel die Elbphilharmonie insgesamt - mit Hotel und Parkhaus - die Stadt kosten wird: 789 Millionen Euro, zehnmal so viel wie geplant.
  • April 2014: Der Untersuchungsausschuss legt seinen Abschlussbericht vor. Danach sind eine unfertige Planung, Chaos auf der Baustelle und überforderte Politiker für das Baudesaster verantwortlich.
  • 26. Juni 2015: Die öffentliche Plaza in 37 Metern Höhe wird der Presse vorgestellt. Kommentar von Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos): «Da bleibt einem die Spucke weg.»
  • 3. Februar 2016: Die «Weiße Haut» des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota im Großen Saal ist fertig. Die innovative Wandverkleidung soll auf 2100 Plätzen vollen Klanggenuss ermöglichen.
  • 11. April 2016: Generalintendant Christoph Lieben-Seutter stellt das Programm für die erste Saison in der Elbphilharmonie vor. Das «Who is Who» der klassischen Musik will in dem Konzerthaus auftreten.
  • 30. Juni 2016: Der große Konzertsaal mit 2100 Plätzen wird vom Bauunternehmen Hochtief an die Stadt übergeben. Neben Restarbeiten stehen nun die Abnahme des Saals und der technische Probebetrieb an.
  • September 2016: Erste Geheimprobe des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock. Sein Kommentar: «Prima, Herr Toyota. Den nehmen wir!»
  • 31. Oktober 2016: Der Baukonzern Hochtief übergibt intern das fertige Gebäude an die Stadt Hamburg. Auf der gläsernen Fassade erscheint durch erleuchtete Fenster das Wort «FERTIG».
  • 4. November 2016: Festakt zur Übergabe des Gebäudes. Die Plaza, das Hotel und die Gastronomie werden für die Besucher geöffnet.
  • 1. Januar 2017: Uraufführung der Performance «Figure Humaine» von Sasha Waltz & Guests in den Foyers der Elbphilharmonie.
  • 11. Januar 2017: Eröffnung der Elbphilharmonie mit einem Festakt und einem Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock. Erwartet werden auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

>> Internetseite der Elbphilharmonie

>> Hier geht es zur Dossierseite.
 

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