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«Oh Yeah!» : 100 Jahre Popmusik im Museum für Kommunikation

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Es gibt Lieder, die wecken Erinnerungen, Gerüche und Bilder - an den ersten Kuss, modische Verirrungen und Sommerferien. Die Ausstellung «Oh Yeah!» in Frankfurt ist ein musikalischer Trip in die Vergangenheit.

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erstellt am 15.Aug.2017 | 14:55 Uhr

Für eine Ausstellung, in der es ganz um Musik geht, ist es ziemlich still im Museum für Kommunikation in Frankfurt - dank der Kopfhörer für die Besucher.

Bei rund 140 Interpreten deutscher Musikgeschichte von den 20er Jahren bis zur Gegenwart ist das vielleicht auch besser so. Stattdessen können sich die Besucher der Ausstellung «Oh Yeah!» beim Blick auf Schautafeln und Vitrinen buchstäblich einstöpseln für einen musikalischen Trip in die Vergangenheit - und von der Großelterngeneration bis hin zu den jungen Erwachsenen von heute findet wohl jeder klangliche Jugenderinnerungen.

Musik ist eben nicht nur Ausdruck vom Lebensgefühl einer Generation, sie spiegelt auch gesellschaftliche Strömungen wieder. Ob Charleston aus einem knarzendem Grammophon für den Lebenshunger der 20er Jahre oder die Protestballaden der 68er-Generation - die einen verbinden mit dem Klang persönliche Erinnerungen, die Nachgeborenen Bilder aus Geschichtsbüchern oder alten Nachrichtensendungen.

Wenn etwa Heintje mit seinem sehnsüchtigen «Mama» sich in die Herzen von Müttern und Großmüttern trällert, dürften Kids von heute Frisur, Lied und Auftreten des damaligen Kinderstars denkbar uncool finden. Ähnlich mögen die Reaktionen bei der Neuen Deutschen Welle mit 80er Jahre-Frisuren und modischen Verirrungen wie Karottenhosen und Schulterpolster-Shirts ausfallen. Wer damals aufwuchs, denkt dagegen vielleicht eher an den ersten Urlaub ohne Eltern, den ersten Kuss und den ersten Liebeskummer.

Ob Joan Baez mit «Sag mir, wo die Blumen sind», Udo Lindenbergs «Sonderzug nach Pankow», die Scorpions mit «Winds of Change» oder die Toten Hosen mit dem damals von vielen Sendern boykottierten Lied «Sascha» - sie alle stehen für Protest, den Ruf nach Veränderung oder das Anprangern von Missständen. Bei «Oh Yeah!» ist auch mancher Song zu hören, der musikalisch anklagte.

Kurator Jan Christoph Greim hat einige der Helden seiner Ausstellung auf Schwarz-Weiß-Fotos der 30er Jahre ausgemacht. «Für mich sind das die ersten Punks», sagt er und zeigt auf Swing-Kids und Edelweißpiraten. In einer Zeit, als im nationalsozialistischen Deutschland alle Jugendlichen zum Gleichschritt gebracht werden sollten, seien sie ausgeschert, wurden sogar von der Gestapo verfolgt. Ähnlich sei es mit den Beatniks und Punks in der DDR, bei denen die «subversive» Frisur gereicht habe, um von Volkspolizisten zusammengeknüppelt zu werden.

Der geteilten Musik im geteilten Deutschland der Nachkriegszeit sind mehrere Kapitel der Ausstellung gewidmet. Da sollte auch musikalisch die Abkehr vom dekadenten Westen vollzogen werden, sagt Greim vor den Bildern einer Leipziger Tanzschule aus den 50er Jahren, deren Betreiber den «Lipski» erfanden. «Das sollte die sozialistische Antwort auf Twist und Cha-Cha-Cha sein», erläutert Greim das eher kurze musikalische Intermezzo: «Wenn ein Tanz diktiert wird, dann will den natürlich kein Jugendlicher. Nach einem Jahr war Schluss mit Lipski.»

Doch auch im Westen war der Cha-Cha-Cha nicht mehr recht angesagt, als Elvis Presley mit Hüftschwung und Rock'n'Roll die bis dahin eher biedere Bundesrepublik eroberte. Ein Seesack des «King», in dem Fan-Post für den damaligen GI nach Bad Nauheim geliefert wurde, gehört zu den Ausstellungsstücken. Kurator Greim bekommt leuchtende Augen, wenn er davor steht. «Eigentlich fasst man im Museum ja alles mit Handschuhen an», räumt er ein. «Aber den musste ich einfach berühren.»

Museum für Kommunikation

digitaler Ausstellungsbegleiter

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