Zisch : Deutsch lernen mit der Zeitung

Was steht in der Zeitung? Lehrerin Birgit Müller (l.) hat mit ihren Schülern die Artikel unterschiedlichen Kategorien zugeordnet.
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Was steht in der Zeitung? Lehrerin Birgit Müller (l.) hat mit ihren Schülern die Artikel unterschiedlichen Kategorien zugeordnet.

Integrationsklasse aus Schwerin ist beim Bildungsprojekt des medienhaus:nord dabei. Die Schüler berichten über ihre Träume und Wünsche für die Zukunft

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26. Januar 2018, 12:00 Uhr

„Morgen soll es regnen“, sagt die 18-Jährige Abier aus Syrien, während sie die Wettersymbole in der Zeitung entschlüsselt. „So wie jeden Tag“, fügt sie lachend hinzu.

Im Unterricht von Birgit Müller an der Beruflichen Schule Technik in Schwerin wird viel gelacht. Die Stimmung ist gut, fast familiär. Dabei haben alle Schüler eine schwierige Geschichte. Sie stammen aus Afghanistan, Syrien sowie der Türkei und sind als minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. In einem zweijährigen Kurs lernen sie nun Deutsch und machen ihren Hauptschulabschluss.

Ich liebe Beethoven und klassische Musik ( Abdul Moumen Al Habash)

Ich heiße Abdul, bin 20 Jahre alt und komme aus Syrien.

Zurzeit lerne ich Deutsch  und mache den Abschluss der 9. Klasse sowie eine Berufsvorbereitung an der Beruflichen Schule Technik in Schwerin. Klavierspielen ist für mich ein tolles Hobby.

Als ich sieben Jahre alt war, habe ich das Klavierspielen mit der Hilfe meiner Eltern gelernt. Ungefähr ein Jahr später, als ich dann schon ganz gut spielen konnte, bin ich bei  drei Konzerten in Damaskus mit einer Band aufgetreten. Es war ein total komisches  Gefühl, als ich auf die Bühne gekommen bin und vor dem Publikum Klavier gespielt habe.

Ich dachte, dass jetzt alle genau beobachten, was ich  falsch mache. Beim ersten Mal hatte ich damals ganz schön Lampenfieber. Aber ich habe es geschafft.

Wenn ich eine Chance bekomme, noch einmal Klavier zu spielen, dann würde ich das gern machen. Besonders liebe ich klassische Musik, z.B. von Beethoven.

 

Damit ihre Schüler gut auf die B1-Deutschprüfung am Ende des Schuljahres vorbereitet sind, hat sich ihre Lehrerin etwas Besonderes ausgedacht. Sie hat ihre Klasse bei „Zisch“, dem Bildungsprojekt unseres Verlags, angemeldet. So wie alle teilnehmenden Schüler bekommen die Berufsschüler nun täglich ihre Lokalzeitung ins Klassenzimmer geliefert. „Wir lesen gemeinsam die Artikel und ich stelle dann Fragen. Das ist eine gute Übung für meine Schüler“, berichtet Birgit Müller. Dabei hatte nicht jeder von Anfang an einen Bezug zur Zeitung. So etwa Mojtaba aus Afghanistan. Mittlerweile ist der 18-Jährige aber mit großem Eifer dabei. „Gemeinsam mit meinen Mitschülern macht mir das Zeitunglesen Spaß“, sagt er.

Wunschberuf Altenpfleger oder Erzieher (Mojtaba Heydari)

Ich bin Mojtaba, komme aus Afghanistan und bin gerade 18 Jahre geworden. Seit  zwei Jahren bin ich in Deutschland. Als ich hier angekommen bin,  wünschte ich mir, dass ich auf eine Realschule  komme.   Leider hat es  nicht geklappt, weil  ich damals kaum Deutsch konnte. Deswegen konnte ich auch meinen Betreuern nicht erklären,   was ich will und was ich brauche –  mir fehlten einfach die Wörter… Deshalb habe ich versucht,  so schnell wie möglich Deutsch zu sprechen. Nun bin ich an der Berufsschule Technik in Schwerin, da mache ich das Berufsvorbereitungsjahr. 2016 habe ich mein Deutsches Sprachdiplom B1 erhalten, und  ich hoffe, dass ich dieses Jahr auch meinen Hauptschulabschluss erreichen kann. Wenn es möglich ist, werde ich dann die 10. Klasse  machen. Danach möchte ich eine Ausbildung  entweder als Erzieher oder als Altenpfleger antreten, weil es mir Spaß macht, mit Menschen umzugehen und mich um sie zu kümmern. Das ist mein Ziel und ich hoffe, dass ich es erreichen werde.

 

Aber nicht nur das. Die jungen Leute erfahren so auch, was in der Welt los ist. Und Birgit Müller kann ihnen viel Praktisches vermitteln. Was bedeuten die Abkürzungen in einer Wohnungsannonce? Warum gibt es Werbung in der Zeitung? Und wie lese ich eigentlich den Wetterbericht?

Alles, was Frau Müller ihnen beibringen will, fassen ihre Schüler mit Begeisterung auf. „Das ist eine super Klasse“, schwärmt die 54-Jährige. „Es ist ein schönes Arbeiten mit ihnen, sie sind motiviert und sehr respektvoll.“

Praktikum mit Kopftuch – (k)ein Problem? (Aya Alabdulla)

Ich bin Aya   aus Syrien und bin seit eineinhalb Jahren hier in Deutschland. Während des Berufsvorbereitungsjahres an der Beruflichen Schule Technik in Schwerin müssen wir zweimal ein dreiwöchiges Praktikum machen. Ich möchte euch erzählen, was mir passiert ist, als ich ein Praktikum gesucht habe.

Es gab eine peinliche Situation, als ich in einem Bekleidungsladen wegen eines Praktikums gefragt habe. Die Verkäuferin hat mich lange angeguckt und gesagt: „Ich akzeptiere das mit dem Kopftuch nicht. Ich verstehe nicht, warum du das trägst.“ Ich war sehr sauer und wollte schon weinen, aber habe mich gesammelt. Dann habe ich sie gefragt, ob sie ohne Hose zur Arbeit kommen würde. „Natürlich nicht!“, war ihre Antwort. Dann schaute ich in ihre Augen und sagte: „Ich kann auch nicht ohne Kopftuch zur Arbeit kommen. Mein Tuch ist wie Ihre Hose.“ Dann verabschiedete ich mich.  Ich habe mich nicht wohl gefühlt.

Trotzdem habe ich weitergesucht und ein offenes Ohr bei einem großen Textilmarkt in Schwerin gefunden. Herr Kressmann war sehr nett und höflich, die Kollegen haben mich gleich akzeptiert.

Das Praktikum war sehr gut und interessant, aber auch anstrengend, weil man die ganze Zeit stehen musste.

Es ist etwas schwierig, mit Kopftuch eine Arbeit zu finden, aber ich weiß, dass es in Deutschland auch viele Menschen gibt, die Verständnis haben und mir eine Chance geben.

 

Dabei gibt es auch Schwierigkeiten. Ein Schüler kommt an diesem Tag verspätet und aufgelöst zum Unterricht. Es gäbe Probleme mit den Ämtern. Birgit Müller kennt das – und leidet sichtlich mit dem Jungen. Ob Aufenthaltsgenehmigung, Gelder oder Wohnung – immer wieder fordern existenzielle Dinge die Aufmerksamkeit ihrer Schüler neben dem Unterricht. Dennoch: „Die Anzahl der Fehlstunden in meiner Klasse ist sehr gering. Man merkt ihnen an, dass sie alle Deutsch lernen wollen.“ Sie wissen, dass es das Wichtigste ist, die Sprache ihrer neuen Heimat zu beherrschen. Denn nur so können sie ihre Träume verwirklichen.

Das ist Zisch

„Zeitung in der Schule“ – kurz Zisch – ist das Bildungsprojekt unseres Verlages. Um Schülern im Alter von acht bis 18 Jahren Medienkompetenz zu vermitteln, liefern wir für jeden Teilnehmer drei Monate kostenlos die Zeitung in den Klassenraum, stellen Begleitmaterial für Lehrer und bieten viele interessante Workshops an. Interesse?

Mehr Infos und Anmeldung für die neue Projektphase vom 12. März bis 29. Juni unter Tel. 0385/ 6378 8306 oder per Mail an zischprojektinfo@medienhausnord.de. Unter www.svz.de/zisch-anmeldung ist eine direkte Anmeldung möglich.

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