Reise zurück in eine düstere Zeit

 <fettakgl><strong>Zahlreiche Jugendgruppen</strong> besuchen</fettakgl> die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen in Oranienburg, so auch Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums aus Wittenberge. <foto>dpa</foto>
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Zahlreiche Jugendgruppen besuchen die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen in Oranienburg, so auch Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums aus Wittenberge. dpa

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13. Juni 2012, 08:00 Uhr

Wittenberge | Angespannt stehen wir auf dem unerwartet großen Platz. Um uns herum ein paar übrig gebliebene Gebäude, große Rasenflächen, Stacheldrahtzäune und eine Mauer. Wir sind im Konzentrationslager Sachsenhausen. Dem Ort, an dem tausende Menschen umkamen und welcher einer der schwarzen Punkte in der deutschen Geschichte darstellt.

Es ist Donnerstag, der 7. Juni, kurz nach 10 Uhr. Mit einem Reisebus haben sich die Klassen 8.1 und 9.3 des Marie-Curie-Gymnasiums Wittenberge auf den Weg nach Sachsenhausen gemacht, um den dritten Wandertag dem KZ zu widmen. Herr Neumann, einer der betreuenden Lehrer, erzählt uns einiges über das Lager. Nun stehen wir direkt auf dem Platz, an dem es jeden Morgen für die Gefangenen begann: der Lagerauflauf. Durch den Stacheldrahtzaun um uns herum flossen zwischen 1933 und 1945 mindestens 1000 Volt. Eine Flucht war also beinahe ausgeschlossen. Nach der Einleitung haben wir Zeit, uns das Lager anzusehen. Wir begeben uns auf den Weg in eine ehemalige "Judenbaracke." Einstöckige, lange Häuser mit dünnen Fenstern und einer schmalen Tür. Der erste "Raum" ist eine Besenkammer. Klein, dreckig, stickig und absolut kein Platz, an dem man gern seine Zeit verbringt. Auf der Beschreibung steht, dass auch dies ein Ort der Folter war. Grausam.

Wir gehen weiter, vorbei an Massentoiletten und Massenwaschsälen, bei denen sich niemand vorstellen kann, auch nur ein paar Minuten darin zu verweilen. Wir sehen hunderte hinterbliebene Schuhsohlen, hören Originalaufnahmen von Häftlingen und sehen Karikaturen mit provokanten Schriften der Aufseher. Nachdem wir das Gebäude besichtigt haben, dürfen wir uns aussuchen, welcher unser nächster Besichtigungsort sein soll: Krematorium, "Kino" oder weitere Zellenflügel?

Wir entscheiden uns für das Zweite und nach einer halben Stunde haben wir lauter neuer Eindrücke und Informationen über das KZ erfahren. Dann gehen wir weiter zum Erschießungsgraben, vorbei an anderen Zellen, von denen jede ihre ganz eigene Geschichte erzählt. Nach einem kleinen Fußmarsch im Graben angekommen, herrscht eine bedrückende Leere. Es fehlen die Worte. Denn einerseits ist es einem kaum noch vorstellbar, dass genau an diesem Ort Menschen in unmittelbaren Abständen erschossen wurden, aber andererseits fragt man sich, wie so etwas vor nicht allzu langer Zeit passieren konnte. Neben dem Erschießungsgraben finden wir das Krematorium. Unter einem neu hergestellten "Dach" sieht man die Baracken, in denen sich die Öfen befanden. Bis zum Schluss wussten die Gefangenen nicht, was hier in "Station Z" passierte. Das Gleiche gilt für die Erschießungsgräben. Übertönt wurden Trug und Grausamkeit mit schallender, fröhlicher Musik, bis die Personen niemals wieder diese Musik hörten.

Wir hören den Leiter einer anderen Gruppe über "den ständig süßlichen Geruch" erzählen, welcher hier immer durch die Luft zog. Der Tod war im Konzentrationslager nicht nur ein Besucher, sondern ein Mitbewohner, beinahe ein Kamerad. Wohin man in diesem KZ auch sieht, nichts mag einem positiv vorkommen. Nicht einmal im Krankenflügel hörte es auf, von der harten Arbeit gar nicht erst angefangen. Nur eine Sache ist bewundernswert: Das Kämpferische, welches jeder der damaligen Häftlinge tief in seinem Herzen versteckt hat und welches ihn jeden Tag auf das Neue wieder auf die Beine brachte.

Als die Zeit vorbei ist, gehen wir durch das Tor hinaus, worauf "Arbeit macht frei" steht. Welche Ironie dahinter liegt, ist nur schwer zu verfehlen. Einen letzten Blick werfen wir auf den immensen Turm, der inmitten des Lagers hinter einer Gedenkstatue steht.

Als wir im Nachhinein über diesen Wandertag reden, stellen wir fest, dass es wirklich sehr interessant war. Die Schülerin Luisa Gierz sagt: "Ich hab ein wenig mehr erwartet. Es war sehr informativ, und ich fand die Ausstellung in der ersten Baracke sehr gut, aber man konnte sich kaum alles durchlesen. Das war so unglaublich viel", womit sie die gesammelten Schriftstücke, Bilder und Filme meint.

Die anderen Schüler und Schülerinnen schließen sich ihr an und Ela Prokop fügt noch hinzu: "Einerseits bin ich froh, dass es nicht allzu schrecklich war, was man sehen konnte, obwohl es sicher noch abschreckender gewesen wäre." Im Endeffekt waren sich die meisten allerdings einig: Ein sehr aufschlussreicher, informativer Wandertag, bei dem man sich aber schon im Voraus über Sachsenhausen informiert haben sollte.

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