Leben in der DDR : Kampf um die Freiheit

Kampf für Demokratie: Auch viele andere protestierten gegen das Leben in der DDR. Bei der ersten Schweriner Montagsdemo am 23. Oktober 1989 zogen etwa 40 000 Schweriner vom Alten Garten über die Werderstraße zum Pfaffenteich.
Kampf für Demokratie: Auch viele andere protestierten gegen das Leben in der DDR. Bei der ersten Schweriner Montagsdemo am 23. Oktober 1989 zogen etwa 40 000 Schweriner vom Alten Garten über die Werderstraße zum Pfaffenteich.

Im Interview berichtet der gebürtige Bützower Uwe Kaspereit über seine Gefangenschaft in der DDR.

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29. März 2015, 17:15 Uhr

Der gebürtige Bützower Uwe Kaspereit empfand das Leben in der DDR als eingeengt und bedrückend. Man wurde bevormundet und hatte die sozialistische Ideologie anzunehmen und zu vertreten, die von der SED* vorgegeben war. Diese Beeinflussung spürte er in der Schule, in der Freizeit und später im Berufsleben. Aber es gab für ihn auch viele schöne Momente in seiner Kindheit und Jugendzeit. Julia Heidebruch von der Schülerzeitung ClaRo (Lindenschule Lübtheen) sprach mit Uwe Kaspereit über seine Erfahrungen:

Was ist damals alles passiert?

Uwe Kaspereit: Als ich mir als junger Erwachsener die Frage stellte, warum wir eingesperrt sind und nicht dahin fahren dürfen, wohin wir wollen, entstand bei mir der Wunsch, im Westen leben zu wollen. Dort, wo man frei war und seine Meinung sagen konnte. Da, wo nicht auf Menschen geschossen wird, nur weil sie das Land verlassen wollen. Ich war der Meinung, das Recht zu haben, dafür einen Antrag stellen zu dürfen, ganz legitim und gewaltfrei. Flucht wollte ich nicht riskieren wegen der Minen und des Schießbefehls an der Grenze.


Warum sind Sie in das Gefängnis gekommen?

Weil der Antrag dann abgelehnt wurde, plante ich eine demonstrative Handlung in meiner Heimatstadt. Ich wollte auf die Einhaltung der Menschenrechte hinweisen. Letztendlich brachte ich dann in der Nacht vor dem 1. Mai im Stadtgebiet selbstgefertigte Zettel an Haustüren an, auf denen ich gemeinsam mit einem Freund Losungen schrieb: „Kämpft für den Frieden! Gegen Aufrüstung! Für die Einhaltung der Menschenrechte“ usw. Daraufhin wurde ich verhaftet und eingesperrt und bin dann zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden.


Wie war der Tagesablauf im Gefängnis?
Die ersten drei Monate war ich in Untersuchungshaft der Staatssicherheit. Das war furchtbar zermürbend, eintönig und einsam. Man sah keine anderen Häftlinge, wurde eingeschüchtert und ständig verhört, obwohl ich alles zugegeben und meine Gründe genannt hatte, nicht in der DDR leben zu wollen. Der Tagesablauf war monoton. Aufstehen, Zelle fegen, waschen, frühstücken, Mittag essen, Abendbrot und wieder schlafen. Dazwischen Totenstille und keine Kommunikation mit anderen Menschen, einfach grausam. Ständig wurde ich durch den Türspion beobachtet, auch in der Nacht, wozu dann natürlich ständig das Licht angemacht wurde. Ich hatte auf dem Rücken zu liegen, Gesicht zur Zellentür und die Hände auf der Decke. Später im Strafvollzug, im Zuchthaus und im Arbeitslager musste ich im Schichtsystem arbeiten und war zuerst mit vier Gefangenen auf einer Zelle, später dann mit 25 Strafgefangenen.


Wie war es für Sie, als Sie nach Jahren wieder nach Schwerin gekommen sind und erfahren haben, dass Sie dort im Gefängnis waren?
Als ich das erste Mal das Untersuchungsgefängnis in Schwerin wieder sah und die Zelle erkannte, in der ich fast acht Wochen in Einzelhaft saß, war ich sehr aufgewühlt und die Erinnerungen kamen sofort wieder hoch. Es war aber auch ein sehr befreiendes Gefühl, weil die Stasi* und die Wärter weg waren und mich nicht mehr bedrohen konnten. Diese Stätte hatte ihre Bedrohung und die schlimmen Erinnerungen für mich verloren. Damals war ich dort mit 19 Jahren eingesperrt und wurde als „feindlich negatives Element“ bezeichnet, wurde nicht mehr mit meinem Namen angesprochen, war nur noch eine Nummer. Aber jetzt war und bin ich frei und hatte erreicht, was ich wollte.


Waren die Erlebnisse in der DDR belastend?

Meine Kindheitserlebnisse und später die als Jugendlicher waren sehr schön, weil ich immer einen großen Freundeskreis hatte, mit dem ich in meiner Freizeit viel unternahm. Als ich kritischer zu den gesellschaftlichen Verhältnissen im Land wurde, geriet ich in das Visier der SED und der Staatssicherheit, galt als unbequem und dekadent. Ich entsprach nicht den Vorstellungen eines angepassten, sozialistischen Bürgers. Somit galt ich als Feind der sozialistischen Gesellschaft und sollte umerzogen werden. Das entsprach nicht meinen Vorstellungen von einer freien und toleranten Gesellschaft und war sehr belastend für mich.


Wie geht man mit Bespitzelungen durch eigene Freunde und Arbeitskollegen um?
Von den Bespitzelungen durch Bekannte und Arbeitskollegen erfuhr ich erst am Ende der DDR aus meiner Stasiakte. Natürlich waren bei mir schon damals Vermutungen vorhanden, dass verdeckte Spitzel auf mich angesetzt waren, um bestimmte Dinge zu erfahren. Als ich später die Namen der inoffiziellen Stasimitarbeiter erfuhr, welche Berichte über mich angefertigt hatten, war ich erst einmal darüber froh, dass keiner meiner engen Freunde und auch keine Familienmitglieder darunter waren. So etwas gab es auch sehr oft. Für mich war es dann wichtig, unter vier Augen mit den IMs* zu sprechen, sie zu befragen und ihre Beweggründe zu erfahren, die sie veranlasst haben, mich zu täuschen und zu verraten. Jeder hatte seine eigene Geschichte und so individuell sollte man das auch betrachten, nicht pauschal verurteilen, aber schon hinterfragen und bewerten.


Ihr Fazit?
Ich war immer von der Richtigkeit und Berechtigung meines Handelns überzeugt und würde mich auch heute immer für Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung einsetzen.

 

* Anm. der Redaktion:

SED – Sozialistische Einheitspartei Deutschland, allein regierende Staatspartei in der DDR
Stasi – Ministerium für Staatssicherheit

IM – Inoffizieller Mitarbeiter, eine Person, die in der DDR verdeckt Informationen an das Ministerium für Staatssicherheit lieferte.

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