Jeden Tag vorbei an Bergen von Toten

Neun Jahre alt war Peter Havas, als ihn die US-Armee aus dem KZ Wöbbelin befreite.  68 Jahre später  berichtet er vor Schülern über seine Zeit im Lager . privat
Neun Jahre alt war Peter Havas, als ihn die US-Armee aus dem KZ Wöbbelin befreite. 68 Jahre später berichtet er vor Schülern über seine Zeit im Lager . privat

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22. Mai 2013, 08:34 Uhr

Hagenow | Zu einem ganz besonderen Zeitzeugen- Gespräch begrüßte die 6a der Regionalschule am 3. Mai Peter Havas aus der Slowakei. Havas war Häftling im KZ Wöbbelin - und war bei der Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen im Mai 1945 gerade einmal neuneinhalb Jahre alt. Er ist der jüngste Überlebende.

Peter Havas war nun das erste Mal seit mehr als 65 Jahren wieder in Mecklenburg-Vorpommern und in Wöbbelin. Schon im vergangenen Schuljahr hatten wir im Unterricht die Geschichte eines kleinen jüdischen Mädchens gelesen, die eindrucksvoll im Buch "Hanas Koffer" dargestellt wird. Diese authentische Geschichte hat uns nicht wieder losgelassen, sodass wir anschließend ein Projekt in der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin organisiert haben, um mehr geschichtliche Kenntnisse sowie Hintergründe zu dieser schrecklichen Zeit zu erfahren.

In Wöbbelin erzählte uns die Leiterin Frau Ramsenthaler von Einzelschicksalen, unter anderem auch vom jüngsten Überlebenden, Peter Havas. Da wir auch in diesem Schuljahr unsere Projektarbeit fortführen, ermöglichte sie uns dieses unvergessliche Treffen mit Herrn Havas.

In Vorbereitung auf das Gespräch schrieben wir einen Brief an Havas, um uns vorzustellen und ihn darauf vorzubereiten, dass wir viele, viele Fragen haben werden. Wir erfuhren von ihm sehr berührende Erlebnisse aus seiner Häftlingszeit in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Wöbbelin. Unvorstellbar für uns Schüler ist zum Beispiel, dass er damals als Junge hungerte und ständig vom Essen träumte. Er war froh, wenn er mal rohe Kartoffelschalen bekam. Wir werden sicherlich jetzt zweimal überlegen, bevor wir Lebensmittel wegschmeißen. Tief erschüttert waren wir auch, als wir hörten, dass er beim täglichen Gang zur Latrine an Bergen von Toten vorbeigehen musste.

Sehr aufwühlend war die Episode, in der er schildert, wie er nach der Befreiung nach sechs Wochen Fußmarsch seine Mutter wiederfand, die er fast nicht erkannte, weil sie nur noch 35 Kilo wog und kaum noch am Leben war.

Es ist für uns kaum vorstellbar, in welch grausamer Art und Weise die Nazis die Menschenwürde mit Füßen getreten haben, wie die Häftlinge nur noch Nummern waren und täglich ums Überleben kämpfen mussten. Einzig und allein der Gedanke an die Familie und an eine bessere freie Zukunft habe viele von ihnen am Leben gehalten, sagte Peter Havas. Er selbst konnte, wie viele Leidensgenossen, Jahrzehnte nicht über das Erlebte sprechen. Erst 2005 reiste er nach Ravensbrück und entschloss sich, seine Geschichte an jüngere Generationen weiterzugeben. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit, "damit sich so etwas nicht wiederholen kann und niemals vergessen wird", wie er sagt.

Wir sind froh, dass wir in einer anderen Zeit aufwachsen. Es beeindruckte uns sehr, dass Peter Havas nach all seinen schrecklichen Erlebnissen eine Familie gründete, vier Jahrzehnte als Architekt arbeitete und sogar als Professor an der Universität lehrte. Abschließend luden wir Herrn Havas zu einem weiteren Besuch im nächsten Jahr ein und wünschten ihm viele weitere Zuhörer. Wir bleiben in Kontakt!

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