Sport : Stollenschuhe waren verpönt

Die Frauen-Nationalelf ist sehr erfolgreich. Hier kämpft Anja Mittag (r.) bei einem WM-Spiel gegen Thailand um den Ball.
Die Frauen-Nationalelf ist sehr erfolgreich. Hier kämpft Anja Mittag (r.) bei einem WM-Spiel gegen Thailand um den Ball.

Vor 60 Jahren noch war Frauenfußball in der Bundesrepublik offiziell verboten.

svz.de von
29. Juli 2015, 23:50 Uhr

Gerade erst ist die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen zu Ende gegangen. Auch, wenn das deutsche Team in Kanada nicht den Titel geholt hat, zählt es seit Jahren zu den besten Mannschaften der Welt. Aber wieso eigentlich Mannschaften? Da fängt es ja schon an. Sollte es nicht besser „Frauschaften“ heißen? Immer noch ist Fußball für viele Leute eine Männersache. Kein Wunder: War es doch vor 60 Jahren noch Frauen in der Bundesrepublik Deutschland verboten, Fußball zu spielen.

1954 holten die westdeutschen Männer den Weltmeister-Titel. Die Begeisterung war groß. Auch bei den Frauen. Sie wollten ebenfalls kicken. Bis ihnen der Deutsche Fußball Bund (DFB) am 30. Juli 1955 das offiziell verboten hat. In dem Verband saßen schon damals viele ältere Herren. Denen gefiel es nicht, wenn Frauen schwitzten. „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ Das war damals die Begründung. Vereinen war es „aus ästhetischen Gründen und grundsätzlichen Erwägungen“ verboten, Frauen-Teams zu gründen. Sogar unter Androhung von Strafen.

In der DDR gab es so ein Verbot nicht. Allerdings wurde Frauenfußball auch nicht gefördert. Weil es sich nicht um eine olympische Sportart handelte und keine Medaillen zu holen waren. Erst 1968 gründete sich mit Empor Dresden-Mitte der erste Verein im Osten. Im selben Jahr erkannte der Deutsche Fußballverband der DDR (DFV) Frauenfußball an. 1979 dann wurde erstmals eine Meisterschaft ausgespielt. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen.

Aber Dr. Hubert Claessen war seinerzeit im Westen DFB-Vorstandsmitglied, er war im Juli 1955 als Delegierter in Berlin dabei und erinnert sich genau: „Das war schon eine schwere Sünde, dass die Mädchen da mit einem wackeligen Busen übers Feld liefen und dann auch noch gegen den Ball traten oder sich gegenseitig foulten. Nach Vorstellungen der alten Herren war das unmöglich. Man wollte keine Damenfußballabteilungen und keine Damenwettbewerbe, weil man sagte, das ist kein Sport, der sich für Frauen eignet, weil der Körper der Frau für den Kampfsport – denn Fußball wurde immer noch als Kampfsport angesehen – weder physisch noch seelisch geeignet ist.“

Gespielt haben die Frauen natürlich trotzdem. „Da musste man sich schon mal die Backe putzen, da wurde man schon mal angespuckt und von oben bis unten angeguckt und gefragt: Was macht ihr Weiber auf’m Sportplatz“, erinnert sich Helga Nell, die damals bei Rhenania Essen spielte. Immer mehr Frauen schnürten die Stiefel. Der Druck nahm zu. Darum wurde das Verbot vom DFB im Oktober 1970 aufgehoben. Allerdings durften Frauen anfangs nur 70 Minuten statt 90 spielen, keine Stollenschuhe tragen und die Bälle waren leichter als die der Männer.

Autor: Welf Grombacher










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