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Junge Zeitung

16. Dezember 2017 | 12:19 Uhr

Flucht : Nasir hatte Todesangst

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In kleinen Booten begeben sich Flüchtlinge aus Afrika auf eine gefährliche Fahrt übers Meer

svz.de von
erstellt am 18.Sep.2014 | 17:27 Uhr

Als Kind träumte Nasir Khalid davon, später als Arzt in Afrika zu arbeiten. Doch es kam anders: Seit einiger Zeit lebt der 22-Jährige als Flüchtling in Berlin. „Immer muss ich fürchten, von hier weggeschickt zu werden“, sagt er und beginnt zu erzählen, wie er hierherkam. „Ich komme aus der Stadt Kaduna in Nigeria.“ In dem Land in Afrika gibt es immer wieder Gewalt zwischen Menschen, die den Religionen Christentum und Islam angehören. „Meine Eltern starben bei dem Konflikt. Da war ich zehn Jahre alt.“ Mit seinem Bruder und seiner Schwester zog er zu seiner Oma. Doch es kam wieder zu Gewalt: „Eines Tages kam ich nach Hause und unser Haus brannte. Jemand hatte es angezündet. Meine Oma starb.“

Wo seine Geschwister waren, wusste er nicht. Nasir Khalid war damals 18 Jahre alt und beschloss, Nigeria zu verlassen. „Ich hatte Angst um mein Leben.“ Sein Weg führte ihn nach einiger Zeit in das Nachbarland Niger. Dort lebte Nasir Khalid auf der Straße. „Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Aber ich wusste: Ich will nur noch Frieden.“ In Niger traf Nasir Khalid auf einen Mann – einen Schlepper. So nennt man Leute, die Menschen in andere Länder schmuggeln. Etwa wenn die keine Papiere haben, mit denen sie reisen dürfen. Die Schmuggler wollen für ihre Dienste Geld. Auch Nasir Khalid sollte zahlen, um nach Libyen zu gelangen.

Der Schlepper brachte Nasir Khalid aber nicht direkt nach Libyen, sondern mit dem Auto nach Algerien. Dort traf Nasir auf viele andere: „Wir waren fast 80 Leute. Mit Wasserbeuteln über den Schultern mussten wir eine weite Strecke nach Libyen laufen. Wir hatten nichts zu essen. Nur 17 von uns schafften es nach Libyen. Die anderen starben, weil es so anstrengend war.“

Die erste Zeit in Libyen war hart für Nasir. Er hatte Angst, weggeschickt zu werden. Doch mit der Zeit fand er Arbeit. Dann aber brach ein Krieg in Libyen aus. Es herrschte Chaos. Nasir sagt, eines Tages kamen Menschen in Militärkleidung zu seinem Zuhause und nahmen ihn mit. „Sie brachten uns zum Meer, zu einem großen Boot. Die Leute da sagten: Wir fahren nach Italien.“ Sechs Tage waren sie unterwegs. Doch dann blieben sie stecken, weil sie auf Grund gelaufen waren. Glücklicherweise kam ein Fischerboot vorbei und entdeckte Nasir Khalids Boot. „Die italienische Rettung kam mit einem großen Schiff.“ Doch dann passierte Schlimmes: „Das Boot kippte um. Ich sah Menschen sterben. Es war traurig. Aber ich war glücklich zu sehen: Ich hatte überlebt.“

Wie Nasir kommen viele Flüchtlinge in Italien an. Dort werden sie in Auffang-Stationen untergebracht. Man hört sich ihre Geschichten an und versucht zu prüfen, ob die wohl wahr sind. Danach wird entschieden: Darf ein Flüchtling bleiben – oder wird er zurückgeschickt. Nasir durfte bleiben. Er bekam Papiere, mit denen er auch nach Deutschland reisen durfte. Er schlief erst in Einrichtungen für Menschen ohne Wohnung und in einem Zeltlager. Seit Juni hat er nun ein eigenes Zimmer in Berlin, das ihm eine Hilfseinrichtung vermittelt hat. „Aber es kann auch sein, dass ich irgendwann zurück nach Italien geschickt werde“, sagt er.  Gerade lernt Nasir die deutsche Sprache. Darüber freut er sich. „Ich bin jung, ich brauche Bildung“, sagt er. „Ich möchte hier in Deutschland bleiben und arbeiten. Dafür kämpfe ich.“

Hintergrund

Warum Menschen flüchten

Einige afrikanische Länder, aus denen Menschen flüchten, sind: Somalia, Eritrea, Sudan, Mali, Nigeria und Libyen. Aber auch aus Syrien fliehen viele Menschen. Syrien ist ein Nachbarland der Türkei. Die Flüchtlinge machen sich auf einen weiten und oft gefährlichen Weg nach Europa.

„Manche Menschen wollen weg aus ihrer Heimat, weil es dort Krieg gibt“, erklärt eine Fachfrau. Die Menschen würden etwa verfolgt, weil sie eine Religion haben, die anderen Leuten nicht passt. Oder weil die Menschen nicht damit einverstanden sind, was Politiker machen und das sagen. Andere Menschen wollen weg aus ihrem Land, weil sie arm sind und auf ein besseres Leben in Europa hoffen.

Eine Menge Flüchtlinge macht sich auf den Weg mit Booten über das Meer. „Doch es ist schwer, überhaupt in Ländern wie Spanien, Italien oder Malta anzukommen“, sagt die Expertin. Manchmal werde verhindert, dass die Boote die Küste verlassen. „Es passiert auch, dass Boote auf dem Meer abgefangen und zurückgebracht werden.“ Eine große Gefahr ist auch, dass die Boote in Seenot geraten. „Oft sind die Boote sehr alt und viel zu vollgepackt mit Menschen. Es gibt dabei immer wieder Tote.“

Und wenn die Flüchtlinge es bis nach Europa schaffen? „Es wird dann überprüft, ob sie bleiben dürfen. Denn es gibt bestimmte Regeln: Es darf niemand weggeschickt werden, wenn ihm etwa wegen eines Krieges Gefahr in seinem Land droht. Solchen Leuten muss man helfen.“ Andere schickt man wieder in ihre Heimat zurück. Armut oder Hunger sind keine Gründe, dass jemand bleiben darf – so steht es in den Regeln.

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