Lilly kann richtig gut kickern

<strong>Die Spielfiguren sind fest</strong> auf den Stangen verschraubt. Bewegt werden sie, in dem man die Stangen hin und her schiebt und an ihnen dreht. <foto>Maurizio Gambarini/dpa</foto>
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Die Spielfiguren sind fest auf den Stangen verschraubt. Bewegt werden sie, in dem man die Stangen hin und her schiebt und an ihnen dreht. Maurizio Gambarini/dpa

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11. Januar 2013, 08:33 Uhr

Die kleine Kugel flippert im Mittelfeld hin und her, wandert dann gezielt die Bande entlang zur Angriffsreihe. Der Außenstürmer stoppt das Geschehen. Ein kurzer Blick, ein Zucken in der Schulter, ein Knall: Der Ball ist drin, innerhalb von Sekundenbruchteilen im Tor versenkt. "Longshot", so heißt der Spezialschlag der besten deutschen Tischfußballerin. Und deshalb wird Lilly Andres auch "Longshot-Lilly" genannt. "Das ist der sogenannte Rechts-Lang im Deutschen. Der Ball wird vom Strafraumeck nach innen gezogen und schlägt diagonal in der langen Ecke ein", erklärt sie, während der metallische Klang vom Torschuss nachhallt.

Lilly Andres weiß, wovon sie spricht. In ihrem Leben dreht sich alles um 22 Figuren an Drehstangen und eine kleine Kugel. Die gebürtige Mainzerin ist mehrfache deutsche Meisterin sowie Weltmeisterin im Damen-Doppel (2010) und mit der Mannschaft (2009 und 2012). Seit einer guten Woche ist sie auch Vize-Weltmeisterin im Einzel.

"Ich weiß nicht mehr, wohin mit all den Pokalen", sagt die Nummer zwei der Weltrangliste. "Im Schrank verstauen wird langsam schwierig." Für ihr neuestes Stück allerdings wird sie auf jeden Fall einen Platz finden. Denn: "Die Konkurrenz ist extrem hart. Die WM ist jedes Jahr eine neue Herausforderung."

Lilly Andres ist 29, sie hat erst vor acht Jahren losgelegt. "Ich hasse Kickern", sagte sie, als Freunde sie an den Tisch baten. Aus der Abneigung wurde Spaß, dann Leidenschaft. "Ich bin da so reingerutscht. Und ich bin furchtbar ehrgeizig." Früher musste sie kellnern und andere Nebenjobs annehmen, "alles nur, um zu den Turnieren fahren zu können". Heute kann sie vom Tischfußball leben, auch wenn die Preisgelder nicht gerade hoch sind. Auf den Turnieren ist sie eine der wenigen Frauen. Dabei eigne sich der Sport gut für das weibliche Geschlecht, findet Lilly Andres: "Weil es im Vergleich mit anderen Sportarten kaum auf die körperlichen Voraussetzungen ankommt."

Den Status als offizielle Sportart hat Tischfußball in Deutschland noch nicht. Dazu fehlen dem Deutschen Tischfußball-Bund unter anderem die vom Deutschen Olympischen Sportbund geforderten 10 000 Mitglieder. Derzeit hat der 1969 gegründete Verband etwa 6500 Mitglieder in mehr als 300 Vereinen. Und trotzdem träumt die Kicker-Gemeinde davon, irgendwann bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Das Internationale Olympische Komitee habe sogar schon mal bei Turnieren vorbeigeschaut, erzählt Andres. "Es wäre einfach großartig, wenn das klappt."

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