Serie : Ein Kinderbuch zum Gruseln

Faszinierend und abstoßend zugleich: Die Struwwelpeter-Geschichten handeln von unartigen Kindern.
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Faszinierend und abstoßend zugleich: Die Struwwelpeter-Geschichten handeln von unartigen Kindern.

Serie über altbekannte Figuren in Kindergeschichten – heute Teil 1: „Der Struwwelpeter“.

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16. Juni 2016, 23:19 Uhr

„Nein, diese Suppe ess’ ich nicht“, schrie der kleine Junge. Er wollte absolut keine Suppe essen, und weil er nichts anderes vorgesetzt bekam, ist der Suppenkaspar am Ende verhungert. Paulinchen verbrennt beim Zündeln, und Robert wird auf Nimmerwiedersehen vom Sturm weggeweht, weil er nicht brav in der Stube hocken will. So enden einige der gruseligen Geschichten aus dem Struwwelpeter-Buch, die von unartigen Kindern erzählen, denen bald grausames Unheil widerfährt.

Jene Geschichten wurden von einem Kinder- und Nervenarzt ausgedacht. Dr. Heinrich Hoffman begab sich im Jahr 1844 auf die Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn. Es sollte ein Kinderbuch sein, das dem Kleinen Freude bereitet. Doch er fand nur Bücher mit langen, faden Erzählungen und Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen. So kaufte er kurzerhand einen Stapel Papier und beschloss, selbst ein Buch zu schreiben. Schließlich erzählte der Doktor schon seit geraumer Zeit in seiner Praxis kurze Bildgeschichten, um die kleinen Patienten abzulenken.

Bald war die erste Fassung fertig. Sie gefiel nicht nur seiner Familie, sondern fand auch Anklang bei Freunden und Bekannten. So beschloss Dr. Hoffmann, „Struwwelpeters Geschichten“ zu veröffentlichen.

Viele Eltern schrieben dem Autor, dass die Kleinen das Buch begeistert. Andere Eltern hielten das Werk für Kinder ungeeignet, da es sich hier nicht um harmlose Geschichtchen handelte, die bis dahin die Kinderbücher füllten.

Hoffmann erklärte seinen Kritikern, dass es besonders die grausigen, übertriebenen Vorstellungen seien, welche die Kinderseele berührten. Darum liebten die Kleinen auch Märchen wie Rotkäppchen oder Schneewittchen. Außerdem könnten sie auf diese Weise lernen, dass die Welt auch manches Übel bereithält. Hoffmanns Geschichten entwickeln sehr schnell einen unglaublichen Schwung, und die grausamen Details wirken faszinierend und abstoßend zugleich. Doch die Kinder erkennen rasch, dass die Erzählungen überzogen sind.

Die Struwwelpeter-Geschichten, die inzwischen in 40 Sprachen übersetzt sind, zogen den bürgerlichen Alltag der Kinder unterschwellig ins Lächerliche. Aber sie sind auch von der Einsamkeit der Kinder geprägt. Denn die Eltern glänzten damals fast ausnahmslos durch Abwesenheit. Die wenigen gemeinsamen Momente mit der ganzen Familie verliefen streng und ernst. In jener Zeit war es nicht üblich, dass die Erwachsenen mit den Kindern spielten oder herumtobten.

Hoffmanns „Struwwelpeter“ war ein Vorbild für viele Autoren. Sie nutzten seine Geschichte als Grundlage, um typische Alltagsprobleme darzustellen oder um auf versteckte Art Kritik an gesellschaftlichen oder politischen Bedingungen zu äußern.

Autor: Ronny Stein

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