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Hanse Sail und Kieler Woche : Der Windjammerparade droht das Aus

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Die neue Sicherheitsrichtlinie bringt Traditionsschiffe in Gefahr. Die Großsegler können die Forderungen nicht erfüllen.

svz.de von
erstellt am 01.Mär.2017 | 09:15 Uhr

Ist dieses Szenario überhaupt vorstellbar? Eine Hanse Sail in Rostock oder eine Kieler Woche ohne Windjammerparade, ohne die beliebten Oldtimer-Segler? Doch das Schreckensbild könnte tatsächlich schon in diesem Sommer Wirklichkeit werden – falls das Bundes-Verkehrsministerium in Berlin auf die Umsetzung einer neuen Sicherheitsrichtlinie pocht. Michael Saitner sieht darin eine „Gefahr für den Bestand der Traditionsschifffahrt insgesamt“ – und der Vorsitzende der German Sail Training Union (GSTU) mit ihren 15 angeschlossenen Großseglern steht mit seiner Befürchtung nicht alleine im harten juristischen Gegenwind.

Die Windjammerparaden der Hanse Sail in Rostock und der Kieler Woche sind jedes Jahr ein großer Publikumsmagnet. Sollten sie nicht stattfinden, könnte das die Besucherzahlen einbrechen lassen.

So hatte auch Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer bereits im Herbst Alarm geschlagen. Der geplante Erlass „erweckt den Eindruck, die Anforderungen an die ehrenamtliche Arbeit derart nach oben zu setzen, dass die Fortführung vieler Projekte nach meiner Kenntnis nicht mehr gewährleistet werden kann“, schrieb er dem Ministerpräsidenten Torsten Albig. Man muss wissen: Segler wie die „Alexander von Humboldt“, die „Roald Amundsen“ oder die „Thor Heyerdahl“ haben sich der pädagogischen Jugendarbeit und dem Erhalt der traditionellen Schifffahrt verschrieben. Sie fahren keine Gewinne ein. Ganz im Gegenteil: Ohne den Trägerverein im Hintergrund und ohne das freiwillige Engagement der Helfer an Bord wäre kein einziger Törn mehr möglich.

Die Berliner Novelle aber stellt jetzt an die Großsegler die gleichen Anforderungen wie an die Berufsschifffahrt, kritisiert Saitner. Das fange mit der „Seediensttauglichkeitsprüfung“ an, die die Beschäftigung altgedienter Rentner-Seebären an Deck oder in der Maschine erschweren oder verbieten würde. Und die geforderte strenge Erste-Hilfe-Ausbildung für jedes Bordmitglied würde pro Nase mit 4000 Euro zu Buche schlagen, ähnliche Auflagen gelten fürs Funken oder für die Feuer-Bekämpfung.

„Das ist schlichtweg unmöglich“, verweist der GSTU-Sprecher etwa auf die „Thor Heyerdahl“ mit ihren 400 freiwilligen Mitseglern. Saitner vergleicht: Die historischen Reisebusse, die über Land fahren, werden doch auch nicht mit Sicherheitsgurten, Kopfstützen oder Ersatzmaschine nachgerüstet. Und überhaupt: „Es gab in 15 Jahren sieben ernsthafte Vorfälle an Bord der Traditionssegler – keiner wäre mit der neuen Verordnung verhindert worden.“

Natürlich: Von der neuen Richtlinie wäre nicht nur die Landeshauptstadt Kiel betroffen, auch Rostock mit der Hanse Sail oder Hamburg mit seinem Hafengeburtstag müssten um die Attraktivität ihrer Großveranstaltungen fürchten. Das haben die Bundesländer auch schon erkannt. Eine offizielle Initiative, von Schleswig-Holstein und Niedersachsen eingebracht, fand die Mehrheit im Bundesrat, konnte aber die Ministeriellen in der Bundeshauptstadt nicht zum Umdenken bringen.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat seine neuen Sicherheitsvorschriften bereits der EU zur Notifizierung vorgelegt. „Die Verordnung liegt in Brüssel“, erklärte Dobrindts zuständiger Staatssekretär Enak Ferlemann am Montag unserer Zeitung, sie soll noch vor dem Sommer in Kraft treten. Allerdings gebe es trotz der künftig strengeren Auflagen „ausreichend Spielraum“, um weiterhin Traditionsschifffe betreiben zu können. „Es braucht sich niemand Sorgen um die Windjammerparade bei der Kieler Woche zu machen“, erklärte Ferlemann. Das aber sieht Saitner ganz anders: Die Wasserschutzpolizei könnte an Bord kommen und den Segler ganz einfach an die Kette legen.  
 

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