Taifun „Haiyan“ : Dem Schlund des Drachen entkommen

Lehrer Pascualito Ilagan hat ein Schild mit der Aufschrift „Thanks for ur help“ in seinem Vorgarten aufgestellt.
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Lehrer Pascualito Ilagan hat ein Schild mit der Aufschrift „Thanks for ur help“ in seinem Vorgarten aufgestellt.

Taifun „Haiyan“ hat mit seiner Zerstörungswut die schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Mitten in Trauer und verheerender Verwüstung packen die Menschen aber schon wieder an – und lachen.

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10. Februar 2014, 00:33 Uhr

Mit dem Lachen, das geht schon wieder ganz gut: Flores Elisa albert in Balud nicht weit von Tacloban im philippinischen Taifungebiet mit zwei kleineren Geschwistern herum. Aber wenn die Sprache auf den schrecklichen Tag kommt, den 8. November, dann weiten sich ihre Augen, sie beißt auf die Fingernägel.

An dem Tag im vergangenen Jahr brach Taifun „Haiyan“ über die Zentralphilippinen herein. „Wir haben so eine Angst gehabt“, haucht Flores kaum hörbar. „Als das Wasser kam, sind wir alle den Berg rauf, wir haben einen Tag und eine Nacht dort ausgeharrt, ohne Essen und Trinken“, sagt sie. Als sie zurückkamen, war alles weg - die Hütte vom Wind plattgemacht, die Sachen verstreut. Und die Kokospalmen, sagt Flores. „Alle umgestürzt.“ Was vermisst sie am meisten? Langes Schweigen. „Den Saft der Kokosnüsse“, sagt sie dann leise.

Von den Kokosnusspalmen haben viele Familien hier gelebt. Riesige Haine sind zerstört worden. Jetzt ragen vielerorts nur noch vier, fünf Meter hohe Baumstümpfe in die Luft. Die Palmen, die überlebt haben, sind stumme Zeitzeugen des gewaltigen Taifuns: Die Palmblätter hängen grotesk zerzaust in eine Richtung, als wären die Orkanböen erst gerade vorbeigerauscht.

„Haiyan“ war eines der schlimmsten Unwetter, das je über das Land hereinbrach. Der Taifun zog eine riesige Zerstörungsschneise quer durch das Land. 8000 Menschen kamen wahrscheinlich um. Eine Million Hütten wurden zerstört, vier Millionen Menschen obdachlos.

„Wir kennen uns mit Taifune eigentlich aus“, sagt Bauer Edgar Rojeras (46). „Wir sind alle ins Schulgebäude gegangen, das ist das Evakuierungszentrum. Aber wir hatten keine Ahnung, dass diesmal so eine verheerende Sturmflut kommen würde.“ Mehrere Mega-Wellen schlugen über die Strände herein, das Wasser stand drei, vier Meter hoch in den Straßen. Wer konnte, flüchtete auf die Dächer.

„Meine Enkelin hat uns gerettet“, ist Cilliarina Velliarosa (60) in San Roque überzeugt. Sie hatte mehrere Kinder in die erste Etage gescheucht, als die Siebenjährige herunterrief: „Oma, die Welle ist riesig, sie sieht aus wie der Schlund eines Drachens!“ Velliarosa packte die anderen und rannte ebenfalls nach oben, das kleinste Kind schob sie in letzter Sekunde in die hochgelegene Wasserschüssel hinter dem Klosett. Die Wucht des Wassers riss fast alle Wände ein. Auf dem Trümmerfeld ihres Hauses haust sie heute in einem Zelt.


Zerstörung überstieg alle Vorstellungskraft


Jörg Fischer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) war einer der ersten Helfer, die im Taifungebiet ankamen. „Wir hatten Bilder gesehen, wir wussten, was uns erwartet, aber was wir dann sahen, überstieg alle Vorstellungskraft“, sagt er. Der meterhohe Schutt in den Straßen, überall Leichen, der Verwesungsgeruch, und niemand hatte zu essen oder zu trinken. „Die Menschen waren völlig verstört“, sagt er.

Das Rote Kreuz hatte sofort aus Manila Konvois losgeschickt, mit Wassertankern, Kettensägen, Nahrung und Plastikplanen, aber die Fahrt dauerte sechs Tage. Das war der Beginn einer umfangreichen Nothilfe- und Wiederaufbauaktion, die das philippinische Rote Kreuz mit Unterstützung der Rotkreuzgesellschaften aus vielen anderen Ländern gestartet hat. Sie wird noch Monate dauern.

Die Zerstörung ist auch drei Monate nach der Katastrophe in der Umgebung der schwer zerstörten Stadt Tacloban noch überall zu sehen. Die Straßen sind freigeräumt. Aber kein einziges Haus ist unbeschädigt. Von vielen Holzhütten ist nur noch ein Berg an zerborstenen Latten übrig. Häusern, die gemauerte Wände hatten, fehlt das Dach. Wände sind eingestürzt, riesige Strommasten liegen im 45 Grad Winkel über der Straße, die Kabel flattern im Wind.

Unzählige Menschen sind traumatisiert. „Kaum fängt es an zu regnen, fangen die Kinder an zu zittern“, sagt Bauer José Tapao. Er hat für sich und seine Frau sowie acht Kinder einen Verschlag in den Lehm unter seiner Hütte gebuddelt. Dort verkriechen sie sich bei jedem Unwetter dicht aneinandergedrängt. Am Stadtrand von Tacloban wurde ein riesiges Schiff ein paar hundert Meter landeinwärts gespült. Die „Cebu“ liegt dort bis heute. Hunderte Familien, die hier ihr ganzes Hab und Gut verloren, haben drumherum inzwischen wieder eine Hüttensiedlung aufgebaut.

Trotz Trauer und unfassbarer Zerstörung ist die Verzweiflung, die Jörg Fischer in den ersten Tagen sah, verflogen. Es wird überall gebaut, geschrubbt, repariert und vor allem gelacht. „Klar bauen wir wieder auf, was sonst“, sagt Melissa Gerilla (33), und sie lacht tatsächlich. Sie steht an einer Rotkreuz-Station, wo es Bezugskarten für Überbrückungsgeld gibt. Sie will jeden möglichen Cent sparen, und irgendwann mit ihrem Mann eine Metzgerei aufmachen.

Der Biologie-Lehrer Pasualito Ilagan balanciert am Stadtrand von Tacloban mit Holzbalken auf dem Dach seiner Schwägerin. „Wenn dies fertig ist, machen wir uns an unser eigenes Haus“, sagt er und zeigt auf die Ruine nebenan. „Hey, wir sind Philippiner, wir wissen, wie man überlebt“, sagt er und lacht. Ilagan hat einen großen Silberstern gebastelt und an seinem Garten aufgestellt. „Danke für eure Hilfe“ steht darauf.

Ada Baylon (53) im Dorf San Fernando lebt noch im Zelt, hat aber davor schon einen wackligen Tisch aufgebaut. Sie verkauft Zigaretten, Moskitospray, Mandarinen. „Wir müssen ja wieder auf die Beine kommen“, sagt sie. Ihr Sohn gab ihr hundert Euro Startkapital. „Wer weiß, ob der Taifun nicht der Zorn des Herrn war“, sagt sie.

Nach der Katastrophe sind Tausende Helfer aus aller Welt auf die Philippinen gekommen. Viele haben in den ersten Wochen Notversorgung geleistet: Trinkwasser aufbereitet, Essen, Zelte, Decken verteilt, Verletzte verarztet. Viele sind schon wieder abgezogen. Das Rote Kreuz hilft noch beim Wiederaufbau. Familien bekommen ein Fundament und Baumaterial und müssen dann selbst anpacken.

Bis heute werden Überlebende mit Hilfspaketen versorgt, zum Beispiel mit Küchenutensilien oder Hygieneartikeln. 10 000 Familien hat das DRK so erreicht. Eine davon ist die Familie der Kindergärtnerin Iris Calupaz (37). „Unser Haus steht noch, aber der Küchenanbau ist komplett weggerissen“, sagt sie. Mit Mann und vier Kindern überlebte sie. Sie nimmt an diesem Tag dankbar Töpfe und Teller in Empfang und strahlt. „Lachen ist doch die beste Medizin“, meint sie.


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