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Themencheck Bundestagswahl 2017 : Höhere Preise für mehr Tierwohl

vom
Aus der Onlineredaktion

Daran führt kein Weg vorbei: Wer höhere Auflagen fordert, muss bereit sein, dafür mehr zu bezahlen, meint Landwirt Rüdiger Thee aus Grebs

svz.de von
erstellt am 13.Sep.2017 | 05:00 Uhr

Er kann es nicht lassen: Kein Quiecken mehr im Stall, keine schmatzenden Ferkel, keine Sauen – „da fehlte auf einmal etwas“, erinnert sich Rüdiger Thee an die Zeit vor zwei Jahren, als der Landwirt in Krisenzeiten am Fleischmarkt seine Schweine abschaffen musste. „Eine meiner schwersten Entscheidungen“, meint der Chef der Landerzeugergesellschaft in Grebs im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Zu sehen, wie die Tiere vom Hof gebracht werden – das möchte er nicht noch einmal erleben. Und doch blieb ihm kaum eine andere Wahl. Schweinepreise von nur wenig mehr als einem Euro je Kilogramm, dazu ein nicht gerade guter Gesundheitszustand seiner Tiere: „Die Krisenzeiten auf dem Fleischmarkt werden immer länger, die guten Phasen kürzer“, begründet er den Ausstieg . Mehr als 100 Jahre standen in Thees Region Borstenviecher im Stall. 2015 für wenige Monate nicht mehr. „Die Misere war zu groß.“ Inzwischen haben die Preise wieder angezogen. Und Thee hat seine Schweine zurück – 700 Sauen und die Nachzucht. „Wir hatten die Ställe und gute Mitarbeiter, da haben wir wieder angefangen“, sagt er.

Es soll sich wieder lohnen: Millionen hatten Thee und sein Geschäftspartner Detlef Möller zuvor in ihre Schweine- und Kuhställe investiert – für mehr Tierwohl, für mehr Effizienz im Stall. Bevor die neuen Schweine kamen, gaben sie noch einmal eine halbe Million aus. Eine der ersten GmbHs in der Region hatten die beiden noch vor der Wiedervereinigung gegründet. Doch spätestens seit den Lebensmittelskandalen in den 90igern und der Debatte über Tierhaltungsbedingungen wird das Geschäft für Thee schwieriger. „Immer neue Anforderungen, die machen es schwer“, meint er. Auch im Kuhstall mit den 230 Milchkühen: Auf dem Höhepunkt der Krise zahlten die Molkereien in MV Milchpreise von 20 Cent je Liter – damit lässt sich nicht auskömmlich wirtschaften. Als kostendeckend gelten Preise von 40 Cent. „Wir müssen Geld verdienen“, erklärt Thee. Seit die Gesellschaft zu hinterfragen begann, wie die Lebensmittel produziert werden und die Anforderungen an gesunde Lebensmittel größer wurden, ist das aber immer schwieriger geworden. Eine bessere Tierhaltung und mehr Umweltschutz fordern die Verbraucher. Doch das führt zu Widersprüchen und Widerständen, die viele Bauern verzweifeln lassen.

Kritik an der Massentierhaltung in Ställen mit 10 000 Schweinen, für Thee nachvollziehbar. „Ich bin für eine Bestandsgrenze entsprechend der Flächen eines Betriebes“, sagt der Praktiker und lehnt solche Megaställe ab: „Das muss passen.“ Nur die Schlussfolgerungen und neuen Ideen, die sich aus der Debatte um die Tierhaltung ergeben, sind für ihn dann aber oft „nicht mehr von dieser Welt“. So würden ohne ausreichende Rücksprache mit Praktikern immer neue Bestimmungen erlassen. Die höheren Auflagen führten aber dazu, dass viele Betriebe aufgeben würden, sagt Thee und fordert längerfristige Regelungen, die den Betrieben die Chance einräumten, die Kosten für die Investitionen auch zu erwirtschaften. Bislang stellen die widersprüchlichen Erwartungen und Ansprüche der Gesellschaft Thee und seine Berufskollegen vor Probleme. Längst seien die Verbraucher in den Städten vom Landleben getrennt. „Vielen fehlen die Kenntnisse über die Landwirtschaft“, weiß Thee. Wunsch und Wirklichkeit liegen in der Landwirtschaft teilweise weit auseinander. Der Wunsch vom idyllischen Bauernhof mit nur wenigen Tiere im Stall und auf der Weide, „das allein funktioniert nicht“, meint Thee.

Und so bewegen sich die Bauern in Deutschland in einem Spannungsfeld von Tierwohl, Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit. Viele werden davon zerrissen. Seit Beginn des Jahrzehnts ist die Zahl der Schweinehalter von 33 000 auf 25 000 gesunken, ermittelte die Bundesregierung.

>> Alles rund um die Bundestagswahl lesen Sie in unserem Dossier

Dabei zeigt der Blick in die Wahlprogramme, dass es politisch unstrittig ist, dass sich in der Tierhaltung etwas tun muss. Verbesserungsbedarf sehen nämlich bis auf die AfD alle Parteien. Den radikalsten Wandel in der modernen Landwirtschaft wollen die Grünen. In ihrem Wahlprogramm kündigen sie an, Massentierhaltung binnen 20 Jahren abschaffen zu wollen. Wie genau, bleibt offen. Aber auch unter SPD und CDU müssten sich die Landwirte auf Änderungen einstellen. Die SPD will ein Tierschutzlabel einführen, das sich an Vorgaben des Tierschutzbundes orientiert. Und die sind ein Vielfaches strenger als die bisher bekannten Label-Pläne der amtierenden Bundesregierung, die knapp oberhalb des gesetzlichen Standards ansetzen. Die Union verweist in ihrem Wahlprogramm auf bekannte Projekte der amtierenden Bundesregierung.

Die haben es durchaus in sich. Etwa die Nutztierstrategie aus dem CSU-geführten Bundeslandwirtschaftsministerium. Darin wird dem Tierwohl bei Stallumbauten Vorrang vor Umweltfragen eingeräumt. Politisch und rechtlich umgesetzt ist das aber noch nicht. Außerdem ist von einer flächengebundenen Tierhaltung die Rede. Bauern sollen nur so viele Tiere halten, wie sie Fläche zum Ausbringen der Gülle haben.

Das kommt Thee entgegen: 1400 Hektar bewirtschaften die Grebser Bauern, für Getreide, Kartoffeln aber vor allem Futter – alles was Thees Tiere an Grundfutter brauchen komme aus dem eigenen Betrieb, erzählt er. Auch die anfallende Gülle werde auf den eigenen Flächen ausgebracht, wenn sie nicht in der eigenen Biogasanlage für Strom und Wärme sorgt. Der Betriebschef ist sich sicher: „Wir müssen mehr für die Umwelt tun.“ Nur: Wer höhere Auflagen fordere, müsse auch bereit sein, dafür mehr zu bezahlen. In einem Papier des wissenschaftlichen Beirates des Agrarministeriums mahnen Wissenschaftler einen Umbau der Tierhaltung an. Kostenpunkt: drei bis fünf Milliarden Euro. Wer das bezahlen soll, bleibt aber unklar. 
 

Das fordern die Parteien in der Agrarpolitik:
CDU

Die Unionsparteien bekennen sich zur Agrarbranche in Deutschland. „Landwirtschaft hat Zukunft“ ist das entsprechende Kapitel im Wahlprogramm überschrieben. Das Agrarministerium soll dabei als eigenständiges Ressort erhalten bleiben. Als Ziele geben CDU und CSU eine höhere Förderung von Junglandwirten sowie kleinen und mittleren Betrieben an.  Bei den EU-Agrarsubventionen hält die Union am Zwei-Säulen-Modell fest: Auch nach 2020 soll es Direktzahlungen geben. Diese orientieren sich bislang an der Fläche. Beim Thema Klimaschutz bekennen sich die Parteien zum Pariser Klimaschutz-Abkommen. An den bekannten Zielen soll festgehalten werden: Treibhausgasemissionen sollen demnach bis 2050 um 80 bis 95 Prozent reduziert werden.

SPD

Die Rolle der Landwirte will die SPD in der Wertschöpfungskette, also gegenüber Verarbeitern oder dem Handel, stärken. So sollen faire Preise sichergestellt werden. Die SPD will ein Tierschutzlabel auf Basis eines entsprechenden Labels des Tierschutzbundes. Das ginge weit über bisherige Pläne der Bundesregierung hinaus. Tierschutzverbände sollen zudem ein Verbandsklagerecht bundesweit erhalten. Eingriffe am Tier wie Schnabelkürzen bei Küken, Schwanzkupieren bei Ferkeln oder Schenkelbrand bei Pferden sollen verboten werden. Direktzahlungen bei den EU-Agrarsubventionen will die SPD bis 2026 schrittweise abschaffen. Auch die Sozialdemokraten bekennen sich zu den Klimaschutzzielen. Konkrete Reduktionsziele nennt die Partei nicht.

Bündnis 90/Die Grünen

In den nächsten sieben Jahren wollen die Grünen den Ökolandbau mit einer Milliarde Euro fördern. Die „Gülleflut aus der industriellen Landwirtschaft“ wollen sie eindämmen. Wie genau, bleibt offen. Auch das Artensterben in Deutschland will die Partei stoppen. Verantwortlich dafür aus grüner Sicht sind Monokulturen auf Feldern und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft. Im Bereich Tierhaltung wollen die Grünen Massentierhaltung binnen 20 Jahren beenden. Auf den Feldern soll Glyphosat nicht länger zum Einsatz kommen. Beim Klimaschutz wollen die Grünen rechtsverbindliche Ziele festlegen. Nach einem Wahlsieg will die Partei 20 Kohlekraftwerke unmittelbar abstellen. Bis 2030 soll der Komplettausstieg aus der Kohle folgen.

Die Linke

Die Linke wendet sich gegen die Globalisierung der Landwirtschaft. Sie soll sozial gerecht und ökologisch sein. Deutschland soll bei Lebensmitteln unabhängig von Exporten werden. Agrargenossenschaften sollen gestärkt werden als Bindeglied zwischen nachhaltiger Landwirtschaft und Dörfern. Nutztierhaltung soll flächengebunden und an heimischer Nachfrage orientiert sein. Tierhaltung soll zudem durch Bestandsobergrenzen in einigen Regionen begrenzt werden. Den Import von Eiweißfuttermitteln wie Soja wollen die Linken verbieten und stattdessen stärker auf heimischen Anbau setzen. Agrarflächen sollen nur noch an Bauern verkauft werden dürfen. Eine Preismissbrauchsgrenze soll Wucherpreise bei Landkäufen verhindern.

FDP

Die FDP spricht sich für moderne Landwirtschaft und modernen Umweltschutz aus. Von Verboten nimmt die Partei generell Abstand. Bei der Pflanzenschutzdebatte rund um Glyphosat will die Partei wissenschaftliche Fakten sprechen lassen. Tierhaltung soll nach dem Willen der Liberalen grundsätzlich möglichst artgerecht sein. Entsprechende Investitionen in Ställe will die Partei fördern. Strenge Vorgaben im Sektor Tierhaltung hält die Partei aber nicht für sinnvoll. Diese würden vor allem Landwirte mit kleinen Viehbeständen zur Aufgabe zwingen.  Bei der Energiewende will die Partei einen Neustart. Der Abstand von Windkraftanlagen zu Wohngebieten soll künftig das Zehnfache der Höhe der Windmühlen betragen. Die Stromsteuer will die Partei senken.

Alternative für Deutschland

Der Ausbau der Windkraft in Deutschland soll nach dem Willen der AfD gestoppt werden. Er sei ökonomisch absurd und ökologisch kontraproduktiv. Der Klimaschutzplan der Bundesregierung soll aufgehoben werden. Die AfD bezweifelt den menschlichen Anteil am Klimawandel. Schon vor der Industrialisierung habe es Kälte- und Wärmeperioden gegeben. Im Bereich Landwirtschaft sieht die AfD die Globalisierung kritisch. Regionale Lebensmittelerzeugung soll gestärkt und der Einfluss der EU zurückgefahren werden. Gentechnik will die Partei im Agrarsektor verbieten. Das Schächten von Tieren – das rituelle Schlachten von Tieren vor allem im Islam und Judentum – soll als tierquälerische Form des Schlachtens nach dem Willen der AfD verboten werden.



 

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