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Bundestagswahl 2017 : Gratwanderung zum Gipfeltreffen

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Aus der Onlineredaktion

Stefan Brutscher ist der einzige Kommunalpolitiker im höchsten Ort der Republik, im oberallgäuischen Oberjoch. Politik ist für ihn eine Gratwanderung.

svz.de von
erstellt am 26.Aug.2017 | 16:00 Uhr

In vier Wochen wird gewählt ...

... und wir haben uns gefragt: Wie geht es Deutschland vor der Wahl? Mit dieser Frage im Gepäck haben wir Reporterinnen und Reporter losgeschickt, um Deutschland den Puls zu fühlen. Herausgekommen ist ein Deutschland-Essay. Aufschlussreiche Geschichten aus dem Inneren der Republik, die wir Ihnen heute in dieser besonderen Ausgabe Ihrer Zeitung präsentieren.

Es ist nicht nur eine spannende politische Themen-Zeitung entstanden, es ist auch ein in Deutschland bislang einmaliges journalistisches Projekt: Sechs Medienhäuser haben gemeinsam jungen Kolleginnen und Kollegen auf acht Zeitungsseiten und einem zugehörigen Internet-Dossier das Feld überlassen. 

Zieht los und schreibt einen Essay vor der Wahl! Das war der Auftrag aus den Chefredaktionen. Die Kollegen kannten sich bereits von der Aktion „Reportertausch“ aus dem vergangenen Jahr, an dem sich ein junger Redakteur unserer Zeitung beteiligte. Eine Woche wechselten sie damals quer durchs Land, die Stadt und die Redaktion. Aus den „Tausch-Reportern“ entstand nun ein Team, das sich aufmachte, um losgelöst von der Kurzatmigkeit der Tagespolitik eine große Deutschland-Geschichte zu erzählen. Am Stammtisch, auf dem Berg, im Taxi, an der einstigen innerdeutschen Grenze ... die Kolleginnen und Kollegen haben vor allem Menschen in der ganzen Republik gut zugehört. Unsere Zeitung profitiert so von der Kollegialität einer großen Gemeinschaft von Regionalzeitungen.

Wir Chefredakteure bedanken uns bei den Kolleginnen und Kollegen. Tolle Arbeit! Und wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine spannende Lektüre, Ihr Michael Seidel und die Kollegen Michael Bröcker, Ralf Geisenhanslüke, Wolfram Kiwit, Stefan Kläsener, Jost Lübben, Horst Seidenfaden

 

Vielleicht scheint dieses Land, scheint diese Welt von hier oben zu schön. Zu schön, um wahr zu sein. Die sattgrünen Wiesen, die Ruhe, die nur vom steten Läuten der Glocken unterbrochen wird, die die Kühe um den Hals tragen. Dazu die warme Sonne, die diesen zauberhaften Flecken Erde, den Stefan Brutscher Heimat nennt, mit ihren Strahlen zu streicheln scheint.

Oberjoch, Allgäu, 1200 Meter über dem Meer – höchstes Bergdorf Deutschlands. Es ist eine schmale Gratwanderung bis zu unserem Ziel, dem Gipfeltreffen auf dem Hausberg Namens Iseler. Kilometer über felsigen Untergrund, auf dem sich manchmal ein Weg nur mit allerbestem Willen abzeichnet.

Eine Gratwanderung ist es auch in der Politik. Stefan Brutscher, einziger Kommunalpolitiker im höchsten Ort der Republik, weiß das. Hier vor Ort, wo er sich als unabhängiger Kandidat im Gemeinderat Bad Hindelang für die Oberjocher Interessen engagiert. Aber auch in der Bundespolitik, die vor der Wahl ihre Schatten in das sonnige Hochtal wirft. „Als Politiker“, sagt Brutscher, der über eine Ortsliste in den Rat gezogen ist, „kannst du es gar nicht allen recht machen.“

Eine Gratwanderung ist es bis oben auf 1876 Meter, wo das Kreuz steht. Dahin wollen wir, Brutscher – Gemeinderat, Löwenwirt in fünfter Generation, dreifacher Familienvater – und ich, Reporter. „Bist du eigentlich schwindelfrei?“ Das ist die Voraussetzung für unser, für dieses Gipfeltreffen. Eines, das so anders ist als jenes, zu dem sich 20 Staatschefs in Hamburg getroffen haben. Friedlicher. Mit diesem prächtigen Blick auf das weite Land. Ohne Streit, ohne Despoten, ohne Staatschefs, vor denen sich Menschen fürchten. „Dieser Trump, der Putin oder der Erdogan“, sagt Brutscher, „das ist Wahnsinn.“

Bald ist Bundestagswahl. Eine, von der Brutscher, der erst nach seinem Einzug in den Gemeinderat in die CSU eingetreten ist, glaubt, dass die alte Kanzlerin auch die neue ist: „Im letzten Jahr habe ich noch gesagt, dass die SPD eine Chance hat, wenn sie den Schulz aufstellt. Jetzt glaube ich daran nicht mehr.“

Das, was in der Hauptstadt entschieden wird, ist den Menschen im Allgäu nah. Die Sache mit den Motorrädern zum Beispiel. „Da diskutieren wir darüber, ob wir Straßen sperren können, damit es ruhiger in den Orten wird“, sagt Brutscher. „Aber warum ist es in Deutschland erlaubt, Motoren zu bauen, die so einen Krach machen?“

Wann immer die Heimat in Gefahr gerät, ist Brutscher da. Der Familienvater, der Feuerwehrmann und das Mitglied im Jodler-Chor sitzt seit drei Jahren für Oberjoch im Gemeinderat: „Einmal im Leben wollte ich das machen. Ich habe mich verpflichtet gefühlt in dieser schwierigen Zeit für Oberjoch.“ Dass Brutscher seit einiger Zeit auch ein CSU-Parteibuch hat, spielt dabei keine Rolle. Die Liebe zu seiner Heimat hat ihn in die Kommunalpolitik gespült. Und die Menschen haben ihn gewählt, weil er als jemand gilt, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält.

Der Berg ist es, der unseren Schweiß fordert. Gipfeltreffen sind anstrengend. Erst recht die Wege dorthin. Brotzeit mit Bergkäse, Leberkäs und Semmeln. „Ich bin schon ein politischer Mensch“, sagt Stefan Brutscher und blickt von der Blumenwiese hinab auf seinen Ort. Es gibt dieses Gebäude, das sofort ins Auge fällt. Und vielleicht waren es die Tage, als ein Investor von außen kam, sich an neuen Liften beteiligte und diesen Hotelkomplex mitten auf eine grüne Wiese im Ort setzte, die den Ausschlag gegeben haben, sich selbst zu engagieren. „So ein großer Komplex, das lockt neue Gäste, das hat wirtschaftliche Vorteile“, sagt Brutscher, „aber wir müssen sehen, dass wir ein Gleichgewicht hinbekommen. Wir dürfen unsere 250 Einwohner bei 2500 Gästebetten nicht überfordern. Für mich ist Oberjoch Heimat, für einen Investor nur ein Platz, an dem sich Geld verdienen lässt.“

Eine Mehrheit im Ort war für den üppigen Neubau. Eine Mehrheit flucht jetzt über die Erweiterungen und den noch anstehenden Anbau, der nötig wird, weil die Mitarbeiter nicht wie zugesagt aus der Umgebung, sondern aus allen möglichen Ländern der Europäischen Union kommen. Die Öffnung der Grenzen spielt eine Rolle. Die Freizügigkeit. Und die Situation auf dem Arbeitsmarkt. „In unserer Region haben wir Vollbeschäftigung.“

Es weht ein frischer Wind an diesem tropisch heißen Tag über den schmalen Grat. Wobei das mit dem Wetter hier so eine Sache ist. Der Winter kommt nicht mehr so wie früher. 80 Schneekanonen im Skigebiet helfen nicht, wenn es nicht knackig kalt wird. Das ist für die Menschen ein Problem: „Wir bräuchten mal wieder durchgehend Schnee vom 15. Dezember bis zum 1. April“, sagt Stefan Brutscher, „das wäre ein Traum.“

Es sind Vorboten des Klimawandels, die das Bergdorf zu treffen scheinen: „Eigentlich halte ich nichts von den ständigen Diskussionen“, sagt Brutscher. „Aber ein bisschen was ist schon dran. Der Winter verschiebt sich immer weiter nach hinten. Das Geld, was uns da durch die Lappen geht, kann man kaum mehr reinholen.“

Wie die Menschen ihn hier sehen? Brutscher grübelt. „Ich glaube, es gibt viele Oberjöchler, die mich schätzen, weil ich mich nicht verbiegen lassen und für meine Heimat einstehe“, sagt er dann. „Aber es gibt auch viele, die mich als Verhinderer sehen. Ich habe den Ruf, die Dinge erstmal skeptisch zu sehen. Wenn du deine Meinung sagst und auch dabei bleibst – dann ist mal dicke Luft. Ich bin ja nicht der Vorsitzende eines Faschingvereins.“

Abstieg. Runter vom Berg. Der Weg führt durch die Wiesen, auf denen die Kühe grasen. Irgendwie alles zu schön, um wahr zu sein.

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