Bundestagswahl 2017 : Gequirltes, Lesben und Tomaten

Das sucht Deutschland zur Wahl: Was über die Spitzenkandidaten gegoogelt wird, ist oft sehr persönlich und absurd

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20. September 2017, 20:45 Uhr

Die Karriere von Christian Lindner als Küchengeräte-Vertreter begann unerwartet und plötzlich. Mit erhobenen Zeigefingern und diesem „Achtung, jetzt sage ich etwas sehr sehr Bedeutsames“-Politikerblick dozierte der FDP-Chef in der Sendung „Anne Will“: „Und jetzt kommt das Beste: Mit dem Thermomix können Sie wirklich ALLES zubereiten“

Wie bitte? Der Spitzenkandidat als Spitzenwerbekraft? Natürlich nicht. Tatsächlich ging es in der Talkshow um das berührende Thema Energiewende und Lindner wetterte: „Zu sagen, dass wir nicht gewarnt haben, kann man nicht.“

Doch auf Twitter drapierte der Nutzer „@wankelmut“ das Bild mit dem Küchengeräte-Spruch – und das Netz rührte die Werbetrommel munter weiter. Unter #thermilindner versahen Nutzer Gesten und Auftritte jenes Mannes, der bundesweit wie ein Oberhemden-Model von Plakaten auf das Volk blickt, mit immer neuen volksnahen Botschaften („Und wenn Sie heute zuschlagen, gibts den zweiten Mixtopf gratis dazu“). Und die Energiewende? Vergessen.

Wenn Google-Nutzer nach den Topleuten der Parteien suchen, tippen sie nicht etwa „Lindner“ und „Wirtschaftskonzept“ in die Suchmaske. In den vergangenen vier Wochen schrieben sie gerne mal „Lindner“ und „Thermomix“. Auf www.2q17.de/#/ sind die meistgesuchten Begriffe in Verbindung mit den Spitzenkandidaten aufgelistet. Das Interesse rankt sich – Überraschung – nicht um Rente, Mindestlohn und Anti-Terror-Konzepte.

 

Die Google-Gemeinde möchte viel lieber wissen, wie alt Sahra Wagenknecht (Linke) ist (schon 48?!), welches Privatvermögen sie besitzt, ob vielleicht Bikini-Bilder von ihr kursieren, wie es Oskar Lafontaine geht und wie sie sich gefühlt hat, als ihr eine Sahnetorte um die Ohren flog.

 

In der Google-Liste von Angela Merkel (CDU) fehlt das Wort Bikini. Stattdessen liest sie sich wie ein Weg der Grausamkeiten und Häme: Tomaten, Merkel muss weg, Torgau, Heidelberg, Rosenheim, Finsterwalde, Quedlinburg... All die Orte, in denen der Bundeskanzlerin Ablehnung und Gemüse entgegenschlugen. Nach ihrer störungsfreien Stippvisite in Mecklenburg-Vorpommern stehen auch Schwerin und Wismar in den Top Ten. Zum Durchatmen sind außerdem harmlose Suchbegriffe wie die von der Kanzlerin eröffnete Computerspielmesse Gamescom oder ihr Alter (immerhin 63?!) dabei. Klartext? Auch das suchen die Internetfans. Ebenso bei Martin Schulz (SPD). Meist vergebens. Oder war doch nur die gleichnamige ZDF-Sendung gemeint?

 

Auch wenn sich SPD-Spitzenkandidat Schulz lieber um Golffahrer als um Golfspieler kümmern möchte (Suchwort „Golf“) – die nach Antworten Dürstenden beschäftigt vielmehr die wenig schmeichelhafte und ewige Frage nach „Alkohol“ und „Alkoholiker“. Oder wie das so ist, mit Martin allein zu Hause, als Ehefrau Inge („mein Anker im normalen Leben“).

 

Das Google-Leben von AfD-Frau Alice Weidel erscheint irgendwie... anders. Gesucht wird, was die Talkshow-Flüchterin wieder mal per E-Mail, Facebook, Twitter und Youtube vom Stapel lässt. Vor allem aber ihre AfD-untypische Lebenspartnerschaft mit einer Frau (Skandal?!) sorgen für wildes Geklicke. Frau, lesbisch, Partnerin, Lebensgefährtin, Freundin, Sarah Bossard... Wohl selten gab es eine solch immense Neugier auf das Beziehungsleben einer Spitzenpolitikerin. Thematisch herrscht allerdings gähnende Leere im Suchfenster.

Doch dafür springt ja AfD-Kollege Alexander Gauland ein, wenn auch mit kruden Thesen. Seine Liste gleicht einer Aneinanderreihung von Skandalaussagen: Özoguz, Entsorgung, Anatolien, (Gauland wollte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz / SPD, „in Anatolien entsorgen“), Wehrmacht (man dürfe „stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten“ in den Weltkriegen sein), Boateng (den Fußball-Weltmeister, den die Deutschen angeblich nur ungern als Nachbarn hätten), stolz auf Hitler... Die Frage nach Gaulands Alter – 76 – könnte hier einiges erklären. Die Google-Gemeinde fällt ihr Urteil in den Suchbegriffen: Volksverhetzung, Nazi...

 

Bei den Grünen ist vom „heißen Scheiß“, den sich Frontfrau Katrin Göring-Eckhardt wünscht, leider nicht viel zu lesen. Nichts mit Klimaschutz, Flüchtlingen oder E-Autos. Wenn überhaupt jemand nach dem Grünen-Duo mit Cem Özdemir googelt – Merkel liegt bei den Suchanfragen mit großem Abstand vorne, gefolgt von Alice Weidel und Martin Schulz – dann dreht sich auch hier vieles um das Privatleben. Deshalb ganz kurz, damit Sie nicht selbst googeln müssen. Göhring-Eckhard: 51, 1,75 Meter, seit diesem Jahr vom Ehemann getrennt und von neuer Liebe schwärmend. Özdemir: 52, 1,81 Meter, Ehefrau Pia Maria Castro. Aber da, ein politisches Thema! Erdogan, den Özdemir scharf angriff („Erdogan ist kein Präsident, sondern ein Geiselnehmer“), hat sich in die Suchwolke verirrt.

Sorgenfalten sollte seine Liste Dietmar Bartsch von den Linken auf die Stirn treiben. Dietmar wer? Politiker, Linke, die Linke, linke Politiker... und Schluss. So trostlos und kurz. Der Rostocker sollte vielleicht bei Gelegenheit mal empört aus einer Talkshow türmen oder sich einen männlichen Lebenspartner zulegen.

 

Bleibt schließlich noch einmal die Küchengeräte-Ikone („Thermomix first. Alles andere second“). Bei Lindner interessiert abgesehen von seiner Affinität zu Gequirltem in Küche und Talkshow vor allem, wie „kostbar“ ihm seine Zeit mit seiner Ehefrau Dagmar ist, wie üppig sein blonder Schopf in einem plötzlich hervorgekramten Video aus Abiturienten-Tagen scheint („Probleme sind nur dornige Chancen“) und ob der 38-Jährige mit den blauen Augen wirklich so groß ist, wie er im Fernsehen immer wirkt (in echt: 1,86 Meter). Die Vertreter-Karriere nahm Lindner übrigens mit Humor. Mit einem lachenden Smiley schrieb er: „Twitter macht heute hungrig. Wird Zeit, dass ich nach Hause komme.“

Was uns das alles lehrt?

Zumindest im Internet können Merkel, Lindner und Co. noch überraschen und unterhalten.   Wer Wahlkampfinhalte in eine Küchenmaschine wirft, ist am Ende nicht schlauer, weiß aber, wie groß sein Lieblingskandidat ist.  Was im Leben wirklich zählt, ist die Liebe, nicht der Bikini.
 

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