zur Navigation springen

Bundestwagswahl 2017 : Die große Unsicherheit

vom
Aus der Onlineredaktion

Wie ein Wirt des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz und der Leiter der Hamburger Davidwache versuchen, Glühweinbude und Kiez sicherer zu machen.

svz.de von
erstellt am 27.Aug.2017 | 05:00 Uhr

In vier Wochen wird gewählt ...

... und wir haben uns gefragt: Wie geht es Deutschland vor der Wahl? Mit dieser Frage im Gepäck haben wir Reporterinnen und Reporter losgeschickt, um Deutschland den Puls zu fühlen. Herausgekommen ist ein Deutschland-Essay. Aufschlussreiche Geschichten aus dem Inneren der Republik, die wir Ihnen heute in dieser besonderen Ausgabe Ihrer Zeitung präsentieren.

Es ist nicht nur eine spannende politische Themen-Zeitung entstanden, es ist auch ein in Deutschland bislang einmaliges journalistisches Projekt: Sechs Medienhäuser haben gemeinsam jungen Kolleginnen und Kollegen auf acht Zeitungsseiten und einem zugehörigen Internet-Dossier das Feld überlassen. 

Zieht los und schreibt einen Essay vor der Wahl! Das war der Auftrag aus den Chefredaktionen. Die Kollegen kannten sich bereits von der Aktion „Reportertausch“ aus dem vergangenen Jahr, an dem sich ein junger Redakteur unserer Zeitung beteiligte. Eine Woche wechselten sie damals quer durchs Land, die Stadt und die Redaktion. Aus den „Tausch-Reportern“ entstand nun ein Team, das sich aufmachte, um losgelöst von der Kurzatmigkeit der Tagespolitik eine große Deutschland-Geschichte zu erzählen. Am Stammtisch, auf dem Berg, im Taxi, an der einstigen innerdeutschen Grenze ... die Kolleginnen und Kollegen haben vor allem Menschen in der ganzen Republik gut zugehört. Unsere Zeitung profitiert so von der Kollegialität einer großen Gemeinschaft von Regionalzeitungen.

Wir Chefredakteure bedanken uns bei den Kolleginnen und Kollegen. Tolle Arbeit! Und wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine spannende Lektüre, Ihr Michael Seidel und die Kollegen Michael Bröcker, Ralf Geisenhanslüke, Wolfram Kiwit, Stefan Kläsener, Jost Lübben, Horst Seidenfaden

Es ist der 19. Dezember 2016, 20.02 Uhr, als der IS-Terror Deutschland erreicht. Ein Lkw rast durch die Menschenmenge des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz. Zwölf Menschen sterben, 60 werden verletzt. Ein halbes Jahr nach dem Anschlag ist Axel Kaiser wieder am Breitscheidplatz und erinnert sich, was sich nur wenige Meter von seiner Glühweinbude zugetragen hat. Axel Kaiser schenkt damals Glühwein aus, als der islamistische Attentäter Anis Amri in einem Sattelschlepper mit 25 Tonnen geladenem Stahl etwa fünf Meter von ihm entfernt in eine Glühweinbude kracht. „Da war dieses seltsame Geräusch. Ich dachte erst, eine Gasflasche wäre explodiert“, erinnert sich Kaiser. „Der Lkw ist auf meinen und auf den Stand des Kollegen zugefahren. Dann hat er das Lenkrad rumgerissen und ist wieder auf die Straße gefahren.“ Er zeigt auf die Betonpoller, die nach dem Anschlag aufgestellt wurden und am Breitscheidplatz eine Art Anti-Terror-Sperre zur Budapester Straße bilden sollen.

Nur einen Steinwurf entfernt von Grablichtern, Plakaten, Bildern und Blumen – dem Gedenkort für die Opfer am Eingang der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – hatte Kaiser seine Bude. Mit seiner „Weihnachtsmarktterrasse“ hatte er als einziger Stand auf dem Breitscheidplatz die Treppen vor der Gedächtniskirche überbaut. Von dort blickt der Mann mit der weiß gepunkteten Fliege und dem grauen Hemd in die Richtung, aus der der Lkw durch die Besuchergasse raste. Heute weiß man, für die 70 Meter hat er nur vier Sekunden gebraucht: „Dabei ist er durch die Hütte meiner Nachbarin Susanne gefahren. Sie selbst war an dem Tag Gott sei Dank nicht vor Ort, und ihre Mitarbeiterin hat das wie durch ein Wunder überlebt“, erinnert sich Kaiser. „Ich hörte sie rufen, dann haben wir geholfen.“ Seine Mitarbeiter zogen Verletzte unter dem Lkw hervor. 120 Gäste waren in der Bude, die er nun zum Sanitätszelt machte.

Der Anschlag des Tunesiers im Namen des Islamischen Staats ist dennoch kein Anlass für ihn, um für ein rigoroses Vorgehen gegen Flüchtlinge und Muslime einzutreten. Natürlich komme bei ihm jetzt immer wieder dieses Gefühl hoch, nach mehr Sicherheit zu verlangen. Allerdings wolle er sich dafür auch nicht in seiner Freiheit beschneiden lassen. „Man muss sich zwischen diesen beiden Polen aber irgendwo in der Mitte treffen. So, wie es im Moment ist, kann es nicht weitergehen.“ Eine Videoüberwachung des Breitscheidplatzes etwa würde ihm helfen, sich sicherer zu fühlen.

Sicherheitspolitik – dieses Thema wird die Bundestagswahl stark beeinflussen, glaubt Kaiser, der jüngst beim sogenannten Townhall-Meeting auf RTL diese Fragen mit Kanzlerin Angela Merkel erörterte. „Viele Leute werden dort ihr Kreuz machen, wo sie sich am meisten verstanden und von Leuten vertreten fühlen, die das Problem am besten in den Griff bekommen. Ein paar Betonpoller können das Problem sicher nicht lösen.“ Terror müsste schon im Ursprungsland bekämpft werden, findet er. Schlaue Leute mit einer guten Schulbildung begingen solche Taten ja gar nicht, glaubt er. Daher müsse ein Teil der Rüstungsausgaben für Schulen in Ländern ausgegeben werden, in denen der Islamische Staat seine Wurzeln hat. Für den Weihnachtsmarkt in diesem Jahr zieht er Konsequenzen: Künftig wird seine Bude jeden Tag von einer Sicherheitskraft bewacht.

Seit fünf Monaten Leiter der Davidwache auf dem Hamburger Kiez: Ansgar Hagen.
Seit fünf Monaten Leiter der Davidwache auf dem Hamburger Kiez: Ansgar Hagen. Foto: Jena-Charles Fays
 

Genauso groß wie auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin ist die Terrorgefahr wohl auch auf der größten Party-Meile Deutschlands. Verantwortlich für die Reeperbahn und den Kiez in Hamburg ist der Revierleiter der Davidwache in St. Pauli, Ansgar Hagen. An einem Wochenende gehen bis zu 200 Strafanzeigen in der Wache ein, und obwohl es das kleinste Revier Deutschlands ist, werden dort die meisten Straftaten Hamburgs begangen. Der Kiez liegt mit rund 1300 Einsätzen im Monat auf einem Spitzenplatz in Hamburg. 14  000 Einwohner leben hier, an den Wochenenden drängt sich aber ein Vielfaches an Party-Touristen durch das Viertel. Hagen blickt von seinem Büro im zweiten Stock direkt auf die Reeperbahn mit ihren Sex-Shops und Tabledance-Bars. Seit fünf Monaten leitet der 49-Jährige Deutschlands wohl bekannteste Wache.

Zwar wurde schon vor dem Berliner Terroranschlag die Videoüberwachung der Reeperbahn wieder in Betrieb genommen. Allerdings kommt sie nur bei Schwerpunkteinsätzen sowie freitags und samstags zum Zuge. So auch an diesem Freitag Ende Juni, es sind „Harley-Days“, die Biker haben sich die Reeperbahn als Treffpunkt erkoren. Das Geknatter der schweren Maschinen ist auch in Hagens Büro nicht zu überhören. Betonpoller wie am Breitscheidplatz sind an der Reeperbahn bislang nicht vorgesehen. Hagen hält sie nicht für nötig. Er sagt: „Absolute Sicherheit kann es nicht geben. Da helfen auch die effektivsten Gesetze nicht.“ Man müsse gemeinsam an einem Strang ziehen, um die Sicherheit zu erhöhen. Dabei sei nicht nur der Staat, sondern vor allem auch die Zivilgesellschaft gefragt. Wiederbeleben will er das Bild der Polizei als Freund und Helfer: „Der Bürger soll vertrauensvoll die Polizei rufen, wenn er etwas Auffälliges bemerkt.“ Er betont: „Ein engeres Zusammenhalten zwischen Polizei und Bürgern ist wichtig, um Straftaten möglichst im Keim zu verhindern.“ Darum läuft er auch als Revierleiter so oft wie möglich Streife, um sein Revier mit allen Sinnen zu spüren.

Größtmögliche Sicherheit geht für ihn nur durch eine auch deutlich sichtbare polizeiliche Präsenz und eine bessere Vernetzung mit anderen Partnern für innere Sicherheit. Dazu müssten Gesetze vorangebracht werden; und er hofft, dass die Gesellschaft „den schwierigen Spagat zwischen größtmöglicher Sicherheit und gleichzeitig größtmöglicher Freiheit“ schafft. Dabei denkt er besonders an Videoüberwachung, die er gerade an Brennpunkten für sinnvoll hält. „Mein Hauptwunsch aber wäre mehr Personal, um mit der Polizei noch präsenter auf der Straße zu sein“, sagt er.

Mehr zur Bundestagswahl 2017 in unserem Dossier!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen