AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland : Der alte Mann und der Osten

AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland (hier bei einer Parteiveranstaltung) hat Chancen, bei der Bundestagswahl in Frankfurt/Oder ein Direktmandat zu holen.
AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland (hier bei einer Parteiveranstaltung) hat Chancen, bei der Bundestagswahl in Frankfurt/Oder ein Direktmandat zu holen.

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17. September 2017, 21:00 Uhr

Keine prophetischen Gaben gehören zur Vorhersage, dass die AfD in den nächsten Bundestag einziehen wird. In fast allen Landesparlamenten ist sie schon vertreten. Spannung liegt aber darin, ob die Rechtspopulisten mit Spitzenkandidat Alexander Gauland das Direktmandat im Wahlkreis Frankfurt/Oder gewinnen. In der Grenzregion zu Polen hat sich die AfD als zweite Protestpartei neben „Die Linke“ etabliert – mit einem lebhaften Wähleraustausch zwischen beiden Parteien.

Ob der CDU-Politiker Martin Patzelt sein Bundestagsmandat gegen Gauland behaupten kann, ist fraglich. Als ehemaliger Oberbürgermeister erfreut sich der engagierte Christ Patzelt bei den Frankfurtern zwar großer Beliebtheit. Aber er befürwortet Merkels Flüchtlingspolitik und hat selbst Zuwanderer in seinem Privathaus aufgenommen.

Gauland, AfD-Fraktionsvorsitzender im Brandenburgischen Landtag, profitiert davon, dass junge, männliche Asylanten im Frankfurter Stadtbild und den angrenzenden Gemeinden auffallen. Wähler, die schon unter der starken Kriminalität als Folge der Schengen-Grenzöffnung leiden, sehen sich durch die Zuwanderer überfordert. Unter den überdurchschnittlich vielen Arbeitslosen der Grenzregion entwickelt sich eine aggressive Sozialkonkurrenz gegenüber Flüchtlingen, die der AfD besonders hohe Stimmenanteile im Osten verheißt.

Zwar finden sich auch bei west- und norddeutschen Kundgebungen mit Bundeskanzlern Merkel die organisierten Busladungen randalierender AfD-Mitglieder ein. Aber in den neuen Ländern schlägt der ostdeutschen Kanzlerin von AfD-, NPD- und Pegida-Demonstranten blanker Hass entgegen. Alexander Gauland schlachtet die ostdeutsche Verliererstimmung aus.

Bis zu seinem Einstieg in die Politik war der promovierte Historiker in Brandenburg ein hoch geachteter Mann. Als Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam – einer der wichtigsten Regionalzeitungen Brandenburgs – betrieb er mit dem damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden einen literarischen Salon, bei dem sich Kulturinteressierte trafen. Von der CDU fühlte sich der konservative Intellektuelle nach 40-jähriger Parteimitgliedschaft unverstanden. Ob darin der Grund für Gaulands Wandlung zum pöbelnden Stammtischhelden liegt, wird unter seinen Bekannten diskutiert.

Der AfD-Spitzenkandidat prangert an, dass sich laut jüngstem Jahresbericht der Bundesregierung im Osten ein Rückstand von 73 Prozent des westdeutschen Wirtschaftsniveaus verfestigt. Die starken Russland-Sympathien unter ehemaligen DDR-Bürgern bestärkt Gauland und wirbt um Stimmen von Russlanddeutschen. Seine anti-islamischen Parolen zünden beim verunsicherten Publikum. Die Außenseiterrolle, in die AfD-Politiker von den etablierten Parteien gedrängt werden, nützt ihm. Dass der Bundestag seine Geschäftsordnung änderte, um Gauland als Alterspräsidenten zu verhindern, bestätigt die Parole von AfD-Politikern, alle anderen Parteien fürchteten sich vor „frischem Wind“. Der Streit wird sich bei der Wahl zu den neuen Bundestagsvizepräsidenten fortsetzen. Auch stellen Abgeordnete von Union, Grünen und SPD in Frage, ob die AfD – sollte sie im Bundestag zur stärksten Oppositionspartei avancieren – den Vorsitz des Haushaltsausschusses übernehmen kann, der ihr dann eigentlich zukäme.

Amtierende Vorsitzende ist allerdings Gesine Lötzsch (Linke). In ihrem Wahlkreis Berlin-Lichtenberg erfreut sich die DDR-geprägte Sozialistin der Unterstützung durch Traditionsvereine der Stasi. Die Rehabilitation der SED-Nachfolger zur demokratischen Partei erleichtert AfD-Politikern die Behauptung, im Bundestag werde mit zweierlei Maß gemessen.

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