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Bundestagswahl 2017 : Das Kreuz der Union

vom
Aus der Onlineredaktion

Das Oldenburger Münsterland ist das Paradebeispiel eines katholischen Milieus. Hier wird die Zwickmühle zwischen Erhalten und Erneuern deutlich.

svz.de von
erstellt am 26.Aug.2017 | 16:00 Uhr

In vier Wochen wird gewählt ...

... und wir haben uns gefragt: Wie geht es Deutschland vor der Wahl? Mit dieser Frage im Gepäck haben wir Reporterinnen und Reporter losgeschickt, um Deutschland den Puls zu fühlen. Herausgekommen ist ein Deutschland-Essay. Aufschlussreiche Geschichten aus dem Inneren der Republik, die wir Ihnen heute in dieser besonderen Ausgabe Ihrer Zeitung präsentieren.

Es ist nicht nur eine spannende politische Themen-Zeitung entstanden, es ist auch ein in Deutschland bislang einmaliges journalistisches Projekt: Sechs Medienhäuser haben gemeinsam jungen Kolleginnen und Kollegen auf acht Zeitungsseiten und einem zugehörigen Internet-Dossier das Feld überlassen. 

Zieht los und schreibt einen Essay vor der Wahl! Das war der Auftrag aus den Chefredaktionen. Die Kollegen kannten sich bereits von der Aktion „Reportertausch“ aus dem vergangenen Jahr, an dem sich ein junger Redakteur unserer Zeitung beteiligte. Eine Woche wechselten sie damals quer durchs Land, die Stadt und die Redaktion. Aus den „Tausch-Reportern“ entstand nun ein Team, das sich aufmachte, um losgelöst von der Kurzatmigkeit der Tagespolitik eine große Deutschland-Geschichte zu erzählen. Am Stammtisch, auf dem Berg, im Taxi, an der einstigen innerdeutschen Grenze ... die Kolleginnen und Kollegen haben vor allem Menschen in der ganzen Republik gut zugehört. Unsere Zeitung profitiert so von der Kollegialität einer großen Gemeinschaft von Regionalzeitungen.

Wir Chefredakteure bedanken uns bei den Kolleginnen und Kollegen. Tolle Arbeit! Und wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine spannende Lektüre, Ihr Michael Seidel und die Kollegen Michael Bröcker, Ralf Geisenhanslüke, Wolfram Kiwit, Stefan Kläsener, Jost Lübben, Horst Seidenfaden

 

Es ist fast alles, wie es immer war. Die Glocken läuten, die Kirchgänger verlassen die St. Vitus-Kirche im niedersächsischen Löningen – und können auf dem Marktplatz gar nicht an der CDU vorbei, die an diesem Sonntag den Beginn ihres Bundestagswahlkampfs feiert. Mitten zwischen den über hundert Leuten steht Silvia Breher, „Datt is sie“, sagt ein älterer Herr, der aus der Kirche kommt und etwas skeptisch auf die Frau mit der wasserstoffblonden Kurzhaarfrisur blickt. Die 44-Jährige wird am 24. September für die CDU erstmals in den Bundestag einziehen. Das steht schon fest, obwohl die Wahl noch gar nicht stattgefunden hat. Denn Breher kandidiert in dem Wahlkreis, in dem die CDU bei der Bundestagswahl 2013 die meisten Zweitstimmen geholt hat: 63,2 Prozent. Der Rekord stammt aus dem Jahr 1961 als hier rund 82 Prozent ihr Kreuz bei der Union machten. „Ich will 60+ holen“, sagt Breher.

Das Oldenburger Münsterland, aus dem sie stammt, gilt als ländlich, konservativ und katholisch. Seit Jahrzehnten ein Nährboden für die Union– und nun das: Eine junge Frau mit Tattoo am Handgelenk, die von sich sagt, dass sie den Bauern schon mal erkläre, dass sich die Union erneuern müsse. In der Partei sei sie angesprochen worden, wie sie als Frau denn kandidieren könne, sie habe doch drei Kinder. Und außerdem arbeite sie noch Vollzeit. Breher lacht darüber. Für sie ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein „Riesenthema“ – und auch sonst gibt sie sich modern: Sie sei für die Ehe für alle, sagt sie, aber das solle man lieber nicht schreiben. Ihr Vorgänger hatte im Bundestag noch gegen die Homo-Ehe votiert.

So verändert sich die Union in ihrer Hochburg, in der die Wahl-Ergebnisse langsam nachlassen. Bei den Kommunalwahlen 2015 lag die Union unter 60 Prozent, und verlor bis zu zehn Prozent ihrer Wählerstimmen – so viel wie keine andere Partei. Wird die Modernisierung der Union in einer Region wie dem Oldenburger Münsterland zum Problem für die Partei? Wird es hier kritisch gesehen, wenn sich die CDU weiter von ihren klassischen christlichen Werten entfernt? Verlassen deswegen auch alte konservative Mitglieder die CDU?
„Nein“, sagt Silvia Breher.

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„Irgendwann schon“, meint hingegen Rüdiger Lessel. Der 42-Jährige ist Fraktionsvorsitzender der AfD in Vechta. Er sei nach fast zehnjähriger Mitgliedschaft in der CDU gegangen, weil ihm die Partei nicht national-konservativ genug ist. Für Lessel ist klar, dass die Union zerbricht – aber auch, dass „der letzte in der Union die Tür hier in Cloppenburg und Vechta zuschlagen wird. Dennoch wählen schon jetzt viele die CDU nicht mehr, weil sie sich immer weiter von ihren Werten entfernt: für die einen war der Grund der Umgang mit der Finanzkrise, für die nächsten die Flüchtlingswelle, für die nächsten die Homo-Ehe“, sagt Lessel. Allerdings könne die AfD davon nur zum Teil profitieren. „Es ist leichter für uns, in rote Hochburgen einzubrechen.“ Normalerweise sei es ein Vorteil für die AfD, wenn in einer Region der Begriff Heimat etwas zähle. „Hier hilft uns das nicht, weil die Heimatvereine alle mit der CDU verwoben sind“, sagt der Katholik.

Katholisch ist auch Werner Münch – und wie. In den 90ern war er ein paar Jahre lang Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, hat aber 32 Jahre im Oldenburger Münsterland gelebt. „Ich bin letztlich nach 37 Jahren aus der CDU ausgetreten, weil sie in einer Pressekonferenz Papst Benedikt XVI. gedemütigt hat.“ Sie – das ist Angela Merkel. Münch ist jetzt seit acht Jahren parteilos. „Es gibt viele wie mich, die keine politische Heimat mehr haben.“ Immer wieder bekomme er Anrufe oder E-Mails, in denen sich Menschen, an ihn wenden, und fragen: „Was soll ich armer, verlassener, christlicher Konservativer nun machen?“ Münch schnauft dann durch und antwortet: „Nimm’ von den schlechtesten die beste Lösung und geh’ wählen.“ Auch das ist vielleicht ein Grund, warum im Oldenburger Münsterland so viele an der CDU festhalten: Sie glauben trotz mancher Kritik an der Union, keine Alternative zu haben.

Die Region ist das Paradebeispiel eines katholischen Milieus. Zwei Drittel der Bevölkerung in den Kreisen Cloppenburg und Vechta sind katholisch, mitten im stark protestantisch geprägten Niedersachsen. Spätestens seit 1848 bildete sich im Oldenburger Münsterland eine spezifische Gemeinschaft heraus, die die Kirche weltanschaulich und bisweilen auch politisch auflud. In einem dichten Gewebe aus katholischen Vereinsstrukturen, Netzwerken, gemeinsamen Erzählungen, Gottesdiensten und Glaubensbekenntnissen fanden die Menschen Halt. Ein bisschen ist das bis heute so, wie man in Löningen beim Wahlkampfauftakt der CDU sehen kann. „Ich bin auch bei den Kolpingbrüdern organisiert“, sagt der ältere Mann, der nun zum CDU-Stand gegangen ist. „Schon sechs Kilometer von hier, da ist die Mehrheit protestantisch. Und irgendwie sind die Menschen da auch anders“, sagt er. Wie anders? Seine Frau sagt: „Manche nennen uns stur.“ Ihr Mann sagt: „Ich nenne das prinzipientreu.“

Solche Leute mag Stephan Siemer. Gerade auf dem Land habe das Vereinswesen noch eine große Bedeutung, sagt der Landtagsabgeordnete. Die Union profitiere von der Heimatverbundenheit der Leute. Dazu sei die Arbeitslosenquote niedrig, die Verdienstmöglichkeiten gut. Routiniert rattert Siemer herunter, dass in seinem Wahlkreis 80 Prozent der Menschen Wohnungseigentümer seien. Die höchste Geburtenrate der Republik mache die Region zu einer der jüngsten Deutschlands.

Jung, das will auch die Junge Union sein. Ein paar Aktive stehen beim Wahlkampfauftakt auf dem Marktplatz am Bierpilz. Warum die CDU so erfolgreich ist? Ein junger Mann mit schicker Brille sagt: „Ich kenne keinen Jugendlichen, der nicht mindestens in drei Vereinen ist – egal ob Schützen-, Sport- oder Heimatverein.“ Das Christliche sei nicht mehr wichtig, entscheidender sei, dass man dort entscheidende Leute treffe. „In den Vereinen ist auch immer einer von der CDU. Und wenn du ein Problem hast, dann weiß der, wie man es lösen kann – oder zumindest kennt er einen, der dir weiterhelfen kann.“

Silvia Breher will genau so jemand sein. Dass sie gut vernetzt ist, sei vielleicht ein Grund dafür gewesen, dass sie aufgestellt worden ist. In den Vereinen laufen viele Fäden zusammen, überkreuzen sich und stärken so die Bande der Menschen untereinander. Breher ist ein Kind der Verbände und Vereine, sie prägt das Milieu, modernisiert es aber weiter. Seit neun Jahren ist sie Vorsitzende des Kreisreiterverbandes, arbeitet als Geschäftsführerin beim Landvolk. In der CDU sei sie „eigentlich schon immer“ gewesen: „Schon mein Opa war CDU-affin.“ Und natürlich ist sie katholisch und gehe auch in die Kirche. Breher zeigt ihr goldenes Kreuz, das sie um den Hals trägt. Jemand aus der Partei habe ihr beim Shooting der Fotos für die Wahlplakate geraten, es abzulegen. Das komme besser rüber. Breher hat sich geweigert.

Das Kreuz um den Hals, das Kreuz bei der Union. So halten das immer noch viele im Oldenburger Münsterland.

 

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