Aussichtloser Wahlkreis? : „Aufsteigerin“ Laura Schieritz kämpft für ihre Region - und die FDP

Kein einfacher Wahlkampf: Laura Schieritz (23) kandidiert in der Lausitz im Südosten Brandenburgs für die FDP.
Kein einfacher Wahlkampf: Laura Schieritz (23) kandidiert in der Lausitz im Südosten Brandenburgs für die FDP.

Im Süden Brandenburgs fürchten sich viele vor dem Kohleausstieg und davor, dass hier alle wegziehen, die es können. Die FDP-Politikerin Laura Schieritz sieht das anders - und kandidiert hier für den Bundestag.

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25. August 2021, 08:47 Uhr

Cottbus | Laura Schieritz steigt in Cottbus aus einem neuen silbernen Mercedes, an ihrer Hose funkelt die Schnalle eines Gürtels von Dolce und Gabbana. Sie ist 23 Jahre alt, hat gerade geheiratet und lebt mit ihrem Mann, dem stellvertretenden FDP-Landesvorsitzenden Jeff Staudacher, in einer der früheren Tuchmachervillen, wie es sie hier in der Gegend wie Sand am Meer gibt. "Ich wollte immer eine Aufsteigerin sein", sagt Laura Schieritz, die für die FDP in den Bundestag will.

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Es ist ein Satz, wie man ihn in dieser Ecke Deutschlands eher selten hört. Laura Schieritz' Heimatstadt Cottbus und ihr Wahlkreis Cottbus-Spree-Neiße gelten in der Sprache der Politik als "strukturschwache Region". Der beschlossene Kohleausstieg schwebt wie ein Damoklesschwert über allem, er ist das bestimmende Thema im Bundestagswahlkampf.

Im Video: Persönliche Fragen an Laura Schieritz

Lässt man die hübsch sanierte Altstadt von Cottbus hinter sich, geht es durch dünn besiedelte Landstriche und vorbei an vollen Parkplätzen der Arbeiter des Tagebaus, die es bald nicht mehr geben wird. Und es geht vorbei an Laternen mit Wahlplakaten, die Laura Schieritz zeigen, strahlend in der Sonne, darunter der abgewandelte FDP-Slogan: "Nie gab es für die Lausitz mehr zu tun."

Kaum eine Laterne in der Lausitz ohne ein Plakat von Laura Schieritz.
Foto: Rena Lehmann
Kaum eine Laterne in der Lausitz ohne ein Plakat von Laura Schieritz.

Ihr Wahlkreis ist wie viele Regionen im Osten Deutschlands eher keine Hochburg der Liberalen. Schieritz ist sich ziemlich sicher, dass der AfD-Kandidat das Direktmandat holen wird. Sie selbst steht auf Listenplatz drei und könnte es, wenn überhaupt, knapp in den Bundestag schaffen. An mangelndem Einsatz soll es nicht scheitern. Mit einem Team von 30 Unterstützern hat Laura Schieritz mit ihrer FDP so viele Plakate aufgehängt wie kaum eine andere Partei hier. Jedes Wochenende steht sie am Marktplatz und versucht am Infostand Menschen davon zu überzeugen, der FDP ihre Stimme zu geben. "Gut sieht sie ja aus, aber ob das reicht?" Nicht selten kriegt sie solche Kommentare zu hören.

Nur Dächer für die Fahrräder der Lehrer

Laura Schieritz wurde mit 16 Jahren Mitglied der FDP. "Es ist doch großartig, dass man in einer Demokratie nicht nur alle paar Jahre wählen kann, sondern theoretisch jeder auch Bundeskanzler werden kann." Die Entscheidung, sich politisch zu engagieren fiel, nachdem sie als Schülersprecherin ihres Gymnasiums die Erfahrung gemacht hatte, dass es sich lohnt, sich einzumischen. An ihrer Schule gab es nur eine Überdachung für die Fahrräder der Lehrer, die der Schüler wurden regelmäßig pitschnass vom Regen. Nachdem ihr gesagt wurde, dass für überdachte Fahrrad-Parkplätze kein Geld da sei, organisierte Schieritz eine Spendenaktion. Plötzlich war dann doch Geld da für die Dächer - und von den Einnahmen der Aktion konnten zusätzlich noch Uhren für alle Klassen gekauft werden, die die Schüler sich ebenfalls gewünscht hatten. "Sie hängen bis heute", sagt Schieritz.

Streit mit TV-Moderator Jan Böhmermann

Ihre Erfahrung mit den Dächern für Fahrräder war nachhaltig. Erfolgreich hat sie in Brandenburg gegen ein von der Landesregierung geplantes Paritätsgesetz geklagt. Sie streitet seit Jahren für eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und hält es für Blödsinn, dass man mit Kritik am ÖRR leicht in der rechten Ecke landet. Dafür hat sie sich erst kürzlich mit TV-Moderator Jan Böhmermann auf Twitter angelegt. "Ich verstehe einfach nicht, warum ich für die Produktion von Sendungen wie Traumschiff und Musikantenstadl so viel zahlen soll wie für eine Abo von Netflix und Spotify zusammen."

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Sie erzählt, dass sie schon in der Schule davon überzeugt war, dass man sich nur selbst genug anstrengen muss, um etwas zu erreichen. Das hat sie sich selbst bewiesen, indem sie einen Abiturschnitt von 1,0 hinlegte. Sie studierte Deutsch und Politik auf Lehramt in Dresden und wurde stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen. Als sie gerade ihre Doktorarbeit in Politik in Angriff nahm, bekam sie das Angebot, für den FDP-Bundestagsabgeordneten Jens Brandenburg als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit zu arbeiten. Es war für sie die Chance, tiefer einzutauchen ins politische Geschäft, das sie zunehmend faszinierte. Sie hält es für wichtig, dass Schüler politische Bildung erfahren. Aber so, dass ihr Interesse dafür geweckt wird. Nicht viele Abgeordnete im Bundestag hätten allerdings das Talent, mit Jugendlichen auf Augenhöhe zu sprechen.

Dass jemand einfach Geld vom Staat bekommt, ohne zu arbeiten, habe ich damals nicht verstanden. Wenn man will, gibt es immer einen Weg, so dachte ich. Laura Schieritz über ihre Gedanken zu Hartz IV als Schülerin

Wer wie sie 2014 in die FDP eintrat, muss entweder masochistisch veranlagt oder echter Überzeugungstäter sein. Ein Jahr zuvor waren die Freien Demokraten aus dem Bundestag geflogen, Zukunft ungewiss.

Als Schülerin, so erzählt Laura Schieritz, hatte sie kein Verständnis dafür, dass Menschen von Hartz-IV-Leistungen leben. Sie selbst hat damals Zeitungen ausgetragen und bei Burger King an der Kasse gearbeitet. "Ich wollte immer schon mein eigenes Geld verdienen. Dass jemand einfach Geld vom Staat bekommt, ohne zu arbeiten, habe ich damals nicht verstanden. Wenn man will, gibt es immer einen Weg, so dachte ich." Heute würde sie so nicht mehr urteilen. "Mir ist inzwischen bewusst, dass ich privilegiert bin und dass viele Menschen vor deutlich höheren Hürden stehen. Es gibt viele Gründe, warum jemand nicht arbeiten kann und es ist richtig, dass der Staat dann hilft. Ich bin aber immer noch der Meinung, dass für diejenigen, die gesund und fit sind, Hartz IV keine dauerhafte Lösung sein darf." Ihr Vater hat sich nach der Wende als Transportunternehmer selbstständig gemacht, es war nicht immer einfach, auch in ihrer Familie nicht.

Leistungsbereitschaft, Freiheit, Selbstbestimmung - das sind für sie die Werte, die sie zur FDP gebracht haben. "Es ist nicht verwerflich, wenn jemand vorankommen will. Wir sollten es den Menschen, die sich anstrengen, leichter machen."

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FDP-Kandidatin sieht großes Potenzial für ihre Region

Das gilt im übertragenen Sinne auch für ihre Heimat. Wo andere fürchten, dass hier in der Lausitz bald noch mehr Lichter ausgehen könnten, sieht sie "riesige Chancen für die Region". Sie ist eine der wenigen ihres Abiturjahrgangs, die hiergeblieben sind - und sie will bleiben. Die Villa, erzählt sie, habe ihr Mann zu einem Preis gekauft, für den er in Berlin vielleicht eine Ein-Zimmer-Wohnung bekommen hätte. 40 Milliarden Euro sind der Lausitz und anderen vom Kohleausstieg betroffenen Regionen für den Strukturwandel zugesagt. Eine schnelle Zugverbindung zwischen Berlin und Cottbus soll entstehen, ein Universitätsklinikum soll kommen, auch ein großes Stellwerk der Deutschen Bahn. Laura Schieritz glaubt, dass die Region als Wohnort für Leute attraktiv wird, die dann nach Berlin zur Arbeit pendeln könnten.

'Ich möchte, dass auch meine Kinder hier noch eine gute Zukunft haben.' Bei Podiumsdiskussionen ist Laura Schieritz  (2. von rechts, hier in Guben) meist mit Abstand die Jüngste in der Runde. Sie sieht das als Vorteil.
Foto: Rena Lehmann
"Ich möchte, dass auch meine Kinder hier noch eine gute Zukunft haben." Bei Podiumsdiskussionen ist Laura Schieritz (2. von rechts, hier in Guben) meist mit Abstand die Jüngste in der Runde. Sie sieht das als Vorteil.

An diesem Abend ist sie mit den fünf Kandidaten der anderen Parteien in Guben gleich an der polnischen Grenze zur Podiumsdiskussion geladen. Sie ist mit großem Abstand die Jüngste in der Runde, das ist meistens so, sie hat sich längst daran gewöhnt. "Ich nutze das, um die Perspektive der jungen Menschen einzubringen", sagt sie. In Guben hört sich das so an: "Ich möchte unbedingt, dass auch meine Kinder hier noch eine gute Zukunft haben."

Laura Schieritz ist schon lange nicht mehr nervös vor solchen Veranstaltungen mit Publikum. 2017 führte sie mit gerade 19 Jahren ihren ersten Bundestagswahlkampf. Damals allerdings waren die Aussichten auf ein Mandat noch weit unrealistischer als heute.

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