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Ein Minnesänger aus Bernau Ungewöhnte Klänge mit Fidel und Gesang

Von Jeanette Bederke | 14.08.2020, 05:00 Uhr

Das Mittelalter liegt im Trend - ob auf Märkten, bei Ritterspielen oder Theaterstücken. Minnesänger Wilfried Staufenbiel hat sich dieser Zeit musikalisch verschrieben.

Wenn Wilfried Staufenbiel in sein langes dunkelblaues Gewand schlüpft und zur selbstgebauten Fidel greift, wird er zum mittelalterlichen Minnesänger. „Ich weiß nicht, ob es Honig wird für Eure Ohren“, warnt der Künstler aus Schönow (Barnim) sein Publikum noch, bevor er kraftvoll zu singen beginnt. Sein Repertoire umfasst Jahrhunderte alte Stücke, die ungewohnt klingen. „Dafür gibt es eingefleischte Fans, Neugierige oder zufällige Zuhörer“, so seine Erfahrung. Alle bräuchten eine gewisse „Anlaufzeit“, um sich darauf einzustellen. „Zufall oder Bestimmung“ sei es gewesen, das sich der gebürtige Sachse bereits während des Musikstudiums für alte Musik zu interessieren begann.


Ende der 1970er Jahre Ensemble gegründet In den 1970-er Jahren erlebte die Musik des 11., 12. und 13. Jahrhunderts laut Staufenbiel eine erste Renaissance, die durch die Mittelaltermärkte ab den 1980-er Jahren noch populärer wurde. Gemeinsam mit gut einem Dutzend Kommilitonen gründete er Ende der 70er das Ensemble „musica mensurata“ für mehrstimmige gotische Musik. „Uns reizten die Motetten, die sind sehr kompliziert zu singen und zu spielen“, erinnert sich der heute 71-Jährige. In der DDR seien sie damit „die absoluten Exoten“, gewesen, erinnert er sich schmunzelnd.

An Original-Stücke zu gelangen sei schwierig. „Im Mittelalter wurden die Lieder hauptsächlich mündlich weiter gegeben, es ist kaum etwas überliefert. Kriege und Brände im Laufe der Jahrhunderte vernichteten die wenigen Unterlagen“, erklärt Staufenbiel. Wohl auch deshalb habe sich lange der Irrglaube gehalten, mittelalterliche Lyrik wäre rezitiert worden. „Das stimmt so nicht, es wurde ausschließlich gesungen“, hat er im Laufe von Jahrzehnten auf etlichen Workshops für alte Musik und durch das Studium historischer Unterlagen herausgefunden. Musik ist für ihn Leidenschaft, auf eine spezielle Richtung ist er nicht festgelegt, wie der Wahl-Barnimer betont.


34 Jahre beim Rundfunkchor BerlinStaufenbiel gehörte 34 Jahre dem Rundfunkchor Berlin an, arbeitete als Gesangsdozent an der Musikhochschule „Hanns Eisler“, verschrieb sich als studierter Cellist der Jazzmusik. Mitte der 1990-er Jahre zog der Künstler aus der Hauptstadt in den Bernauer Ortsteil Schönow auf ein rund 3000 Quadratmeter großes altes Bauerngehöft und begründete vor 20 Jahren seine „Galerie im Hühnerstall“, in der er regelmäßig Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Diskussionsrunden organisiert.

Außerdem leitet Staufenbiel mehrere Chöre in der Region und engagiert sich im Förderverein Schönow. Für sein ehrenamtliches Engagement erhielt er vor fünf Jahren die Ehrenurkunde der Stadt Bernau. „Wir schätzen diesen vielseitigen Musiker, er ist unkompliziert und verlässlich, stiftet mit Musik und Kunst Gemeinschaft“, lobt Kulturamtsleiter Christian Schwerdtner.


Auf diversen Minnesänger-WettbewerbenDie mittelalterliche Musik begleitet ihn dabei immer. „Ich sehe sie als immateriellen Kulturschatz, der bewahrt werden muss“, erklärt er seine Leidenschaft, der er auf diversen Minnesänger-Wettbewerben frönte und die er bei Seminaren gern weiter vermittelt hat. „Deutschlandweit gibt es etwa zwei, drei Dutzend richtig gute Sänger“, schätzt er. Viele von ihnen seien absolute Mittelalter-Experten, könnten die damals verwendeten Instrumente wie Flöten, Lauten oder Schalmeien hervorragend nachbauen. „Meine Stärke ist der Gesang und die klare Sprache. Die Leute sollen die Texte ja verstehen“, erklärt der 71-Jährige.

Um vor heutigem Publikum damit anzukommen, praktiziert Staufenbiel einen Mix aus „authentischem Klangbild und modernen Einflüssen“, wie er beschreibt. „Dazu gibt es von mir ein paar Verdauungshinweise, also Hintergrundinformationen mit Augenzwinkern.“ So erfahren Zuhörer, dass mittelalterliche Minnesänger zumeist über die verzehrende, platonische Liebe zu einer Frau in der Ferne singen, die auch von ihrer gesellschaftlichen Stellung her für den Sänger unerreichbar blieb. Für Staufenbiel hat das durchaus aktuellen Zeitbezug. „Es gibt doch durchaus junge Paare, die sich füreinander aufsparen, längere Zeit Verzicht üben und keinen Sex vor der Ehe haben.“

Seine Präsentation mittelalterlichen Kulturgutes kommt offenbar an, wie der Künstler in diesem Sommer bei einem Konzert auf der Burg Beeskow (Oder-Spree) unter Beweis stellte. „Das war ein vorzüglicher Abend. Die ungewöhnlichen Klänge und Stimmfarben seien eine echte Bereicherung gewesen, auch durch die vielen Informationen, die Staufenbiel dazu lieferte, sagt Arnold Bischinger, Kulturamtsleiter im Landkreis Oder-Spree. „In Berlin und Brandenburg gibt es da keine weiteren Spezialisten.“