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Potsdam Stasi-Beauftragte trifft "Romeo" wieder

Von Alexander Fröhlich | 03.12.2010, 01:57 Uhr

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in Brandenburg, wegen seiner laxen Praxis mit dem Stasi-Erbe über Jahre in der Kritik, stößt die Stasi-Beauftragte Ulrike Poppe auf einen früheren Spitzel.

"Ich wusste damals schon, dass er ein Romeo war, einer von dreien, die auf mich angesetzt werden sollten", sagt sie. Gemeint ist Harald Holland-Nell (53), einst Mitarbeiter, Geschäftsführer und heute immer noch Rechtsberater der einst landeseigenen Brandenburgischen BodenGesellschaft (BBG), deren Privatisierung und Verkaufspraxis von Immobilien in Landesauftrag den Untersuchungsausschuss des Landtags beschäftigt.

Als wären die Vorwürfe nicht genug, bei den Geschäften sei dem Land ein Schaden entstanden, wie es der Rechnungshof für die Krampnitz-Kasernen in Potsdams Norden feststellte und wofür der damalige Finanzminister Rainer Speer (SPD) zuständig war, wird nun ein anderer Verdacht von politischer Sprengkraft laut. Dass sich alte Stasi-Seilschaften Landeseigentum zugeschanzt haben könnten, was die Opposition glaubt. Brisant ist das, weil die rot-rote Regierungskoalition die durch Stasi-belastete Linke-Abgeordnete vor einem Jahr ausgelösten Erschütterungen gerade ausgestanden hatte.

Der Potsdamer Rechtsanwalt Harald Holland-Nell, bis 2009 einer von zwei Geschäftsführern der BBG, räumte bereits ein, für die Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) gearbeitet zu haben, Deckname "Fabian". Dessen Stasi-Akte samt Verpflichtungserklärung liegen dieser Zeitung vor. Die Stasi setzte den damaligen Richter am Stadtgericht Berlin 1987 auf die DDR-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe an. Heute sagt sie: "Er war einer von 80 Spitzeln, ich hatte den Namen schon vergessen. Wir waren mal in der Oper." Poppe stand als Mitglied der Initiative für Frieden und Menschenrechte - einer der radikalsten Oppositionsgruppen in der DDR- unter Dauerbeobachtung. Aufmerksam wurde die Stasi auf Harald-Nell im Oktober 1986 bei einer Veranstaltung zu Bürgerrechten in der DDR, auch Poppe war dort, gemeinsam mit vier weiteren "Organisatoren politischer Untergrundtätigkeit". Am Abend, so steht es in der Akte von IM "Fabian", traf Harald-Nell die Bürgerrechtlerin in einer Gaststätte. Fortan war der Richter für die Stasi eine interessante"Kontaktperson". Er sollte in "Maßnahmen zur Zersetzung und Destabilisierung der Ehe" der Bürgerrechtlerin "sowie zu ihrer weiteren politischen Neutralisierung einbezogen" werden. IM "Fabian"sollte Poppe für sich gewinnen, "zielgerichtet ein intimes Verhältnis"zu ihr aufbauen, sie "mit den angenehmen Seiten des Lebens" vertraut machen und ihr die "Errungenschaften" des Sozialismus "in beeindruckender Art und Weise" nahe bringen - um Poppe "in Widerspruch zu ihrem eigenen Milieu zu bringen".

Viele Treffen sind in der Akte nicht belegt. Nach den von den Führungsoffizieren erstellten Berichten sprachen sie über allerlei: Strafrecht, die Perestroika, die Opposition in der Tschechoslowakei. Dem "Romeo" fiel auf, dass Poppe "nur in der Ich-Form sprach und es ablehnte, die Wir-Form zu benutzen". Im November 1989 stellte die Stasi die Zusammenarbeit ein, wegen privater Probleme des IM "konnte die geplante Einsatzrichtung" nicht realisiert werden. Der "Romeo" landete nicht bei Poppe. Allerdings attestierte die Stasi dem Juristen eine gute Zusammenarbeit. "Durch persönliche Konfrontation mit politischen Gegnern gewann er die Einsicht, dass diese Personen unter Kontrolle gehalten werden müssen."

Der zweite mutmaßliche Stasi-Fall dreht sich um Frank Marczinek, 49 Jahre alt, eine schillernde Figur, die sich gern mit Größen aus Wirtschaft, Sport und Politik sehen ließ und enger Freund von Ex-Minister Speer ist. In der ersten frei gewählten DDR-Regierung war er Staatssekretär von Verteidigungsminister Rainer Eppelmann, legte eine steile Karriere in der Wirtschaft hin, kam bei Thyssen und der Vattenfall unter, deren gemeinsame Tochter TVF Altwert GmbH in Lübbenau, einem Abbruch- und Recyclingspezialisten, er ab 1997 führte und 2006 über ein Management-Buy-Out schließlich ganz übernahm. Nach Sichtung von acht Personalkarteikarten hat sich die Behörde festgelegt: Marczinek war von 1985 bis zur Wende Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit (IMS), Deckname "Frank Wulff".

Nun also zwei neue Stasi-Fälle. Angesichts der Debatten über den Umgang mit der Stasi-Vergangenheit in der "kleinen DDR", womit sich auch die Enquetekommission beschäftigt, gewinnt dies zusätzliches Gewicht. Schon im Mai gab es Berichte, wonach zwei Prokuristen der BBG einst Stasi-Zuträger gewesen sein sollen. Andrijan. E. war nach Lage der Akten ein Stasi-Oberleutnant; sein Kollege Alexander R. diente der Stasi als Hauptmann und "Offizier im besonderen Einsatz". In Potsdam geht hinter den Kulissen bereits die Furcht um, die BBG sei nur der Beginn, für die Opposition im Untersuchungsausschuss ein gefundenes Fressen. Mehr Enthüllungen könnten folgen, es geht um die Personalpolitik der 1990er Jahre, als Stasi-belastete Mitarbeiter aus Ministerien in Landesunternehmen untergebracht worden sein sollen.