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Entschädigung nach Absturz Schmerzensgeld nach Todespanik im Ballon

Von Christian Schönberg | 15.12.2016, 05:00 Uhr

Landgericht Neuruppin spricht sich für hohe Entschädigungen nach Unglück aus / Drei Opfer hatten geklagt

Erstmals hat sich ein Gericht mit dem Sommerfelder Ballonabsturz von Anfang Juli 2015 befasst. Drei Opfer haben Schmerzensgeld gefordert. Das Landgericht Neuruppin hat ihnen gestern Entschädigungen zugesprochen und setzt darauf, dass sich die Streitparteien auf die vorgeschlagenen Vergleichssummen einigen.

Zahlen muss die Kyritzer Firma Sun Ballooning. Deren Ko-Geschäftsführer Carsten Krüger steuerte den Unglücksballon. „Ich wurde überrascht von einer Böe, die sich nicht sehen oder vermuten ließ“, erklärte er vor Gericht. Der Landewinkel habe nicht mehr gestimmt, „sodass wir stark ins Sinken gekommen sind“. Beim Aufprall auf dem Boden wurde Krüger herausgeschleudert. „Ich machte eine Vorwärtsrolle und der Korb traf mich am Rücken und am Kopf“, erzählte er. Der Pilot hatte das Seil noch in der Hand, ließ aber los, als ihn der Ballon auf einen Eisendraht-Zaun zuzog. „Das hätte mich stranguliert“, so Krüger.

Im Ballonkorb herrschte indes große Panik, wie sich ein Insasse, ein Berliner Ex-Polizist, vor Gericht erinnerte. „Die Frauen schrien: ‚Der Pilot ist nicht mehr da!‘“, erinnerte er sich. „Wir hatten Angst um unser Leben.“ Sein damaliger Kollege, der mit im Ballon saß, versuchte derweil, die von unten gerufenen Anweisungen umzusetzen. Leine ziehen, Brenner anmachen, wieder Leine ziehen. „Es ging alles so schnell und mir ging viel durch den Kopf“, erinnerte er sich. „Man fühlt sich wie auf einem Hochhaus – und der Pilot unten war nur noch ein sehr kleiner Punkt.“

Der Berliner brachte aber – trotz der Panik, die auch ihn ergriffen hatte – den Korb irgendwie auf die Erde. Doch die Landung war sehr hart. Der Beamte selbst hatte ein geschwollenes Bein. Die Verletzung entpuppte sich einen Monat nach dem Unfall als Schienbeinbruch. Für Behandlungskosten, erlittene Todesängste und materielle Schäden wie dem Verlust der Brille sah der Vorsitzende Richter Michael Pulfrich 6400 Euro als angemessene Entschädigungssumme an.

Sun-Ballooning-Rechtsanwalt Volker Krane zweifelte allerdings an, ob der Schienbeinbruch wirklich auf den Ballon-Unfall zurückzuführen ist – angesichts des Zeitraums zwischen Unglück und Diagnose. „Ein Schmerzensgeld zu zahlen, ist an sich richtig“, räumte er ein. Aber ob er die Vorschlagssumme des Gerichts akzeptiert wird, ließ er noch offen.

Auch der Ex-Polizist erhält wohl eine Entschädigung. Er hatte die Ballonfahrt von seinen Kollegen für den Abschied in die Rente geschenkt bekommen. Schmerzen im Fuß und im Brustbereich plagten ihn nach der Bruchlandung. Erst später sei ihm bewusst geworden, in welche Todesgefahr er sich begeben hatte: „Wenn man den Brenner vor Augen sieht und die Pappelreihe, auf die wir unkontrolliert zusteuerten – das hätte wirklich tödlich enden können“, erzählte er vor Gericht. Die schlimmste diagnostizierte Verletzung war bei ihm ein Meniskusriss. Als Schmerzensgeld bei ihm sieht das Gericht 4500 Euro als angemessen an. Schließlich bekam eine 54-Jährige noch mehr als 11 000 Euro zugesprochen. Eine Haftpflichtversicherung hatte ihr schon 4480 Euro überwiesen – zu wenig befand Richter Michael Pulfrich. Schließlich hatte sie unter anderem einen komplizierten Wirbelbruch erlitten, musste zwei Wochen das Krankenhaus-Bett hüten und danach mehrere Behandlungen über sich ergehen lassen. Ein Jahr lang war sie krank geschrieben. Eine Entschädigungssumme „nicht unter 10 000 Euro sei da angemessen“, so der Vorsitzende Richter und er schlug zusätzlich zur bereits gezahlten Summe noch einen Betrag von 7000 Euro vor.

Inwieweit die Ballonfahrt strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht, ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) hat an einem Gutachten gearbeitet, deren Ergebnis erst diese Woche an die Streitparteien geschickt worden ist. Anwalt Christoph Manthei, der die beiden Polizisten vertrat, zitierte daraus: Demnach lag eine „unzureichende Interpretation von vorliegenden Wetterinformationen“ vor. Außerdem habe es ein „ungeeignetes Landeverfahren“ gegeben, das „den Wiederaufstieg des Heißluftballons erst ermöglichte“.