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Neuhardenberg Religionsunterricht für Atheisten

Von Bernd Kluge, dapd | 23.12.2010, 01:57 Uhr

Rund ein Dutzend Besucher haben sich an diesem Abend wieder in der Neuhardenberger Schinkel-Kirche unter dem berühmten Sternenhimmel des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel versammelt.

Sie sind nicht zu einem Gottesdienst zusammengekommen, auch nicht zu einer Taufe - Sie sind noch nicht einmal gläubig. Dennoch hören sie Pfarrer Thomas Krüger aufmerksam zu, der in der "Bibelstunde für Atheisten" von der Bergpredigt aus dem Neuen Testament und deren Interpretationen spricht.

Krüger ist seit fünf Jahren Pfarrer in Neuhardenberg im Kreis Märkisch-Oderland, auf einer halben Stelle, wie er sagt. Die andere Hälfte seiner Arbeitszeit ist er als Religionslehrer an einer Grundschule und am Gymnasium in Seelow tätig. "Da kann man als studierter Theologe auch anwenden, was man gelernt hat: über Gott und die Welt reden", sagt der 42-Jährige. Im Pfarramt habe er hingegen viel mit "Verwaltung, Pacht und Finanzen" zu tun.

Der aus dem 20 Kilometer entfernten Lietzen stammende Geistliche weiß, dass viele Bewohner in der Gegend Religion oder Kirche ablehnen, weil sie beides nicht kennen. "Sie sind einfach nicht informiert", sagt Krüger. Die alle fünf bis sechs Wochen stattfindende Bibelstunde empfindet er dementsprechend als ein Art Religionsunterricht für Erwachsene. Krüger will vermitteln "wie Christen ticken", warum sie an Gott glauben, was es bedeutet, religiös zu sein. "Ich überlege mir ein Eingangsthema, und daraus entspinnt sich dann ein Gespräch, das erfahrungsgemäß immer sehr persönlich wird", berichtet er.

Gewissermaßen zur weltlichen Illustrierung seiner konfessionslosen "Schüler" zitiert Krüger gerne den Philosophen Friedrich Nietzsche oder den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Das kommt offenbar an bei seinen Zuhörern. "Der Pfarrer erzählt so schön verständlich und macht neugierig, so dass ich jetzt sogar angefangen habe, die Bibel zu lesen", sagt Angelika Wedding. Als Mitglied im Förderverein Schinkel-Kirche Neuhardenberg führt sie oft Besucher durch das sanierte Gotteshaus. Da werde sie auch manchmal mit Fragen zur Religion konfrontiert "und kann die manchmal nicht beantworten", erläutert sie ihre Beweggründe, in die Bibelstunde zu gehen.

Die Idee zur Bibelstunde hatte aber nicht etwa der Pfarrer, sondern Neuhardenbergs Bürgermeister Mario Eska, ein "eingefleischter Sozialist", wie er selbst von sich sagt. "Als gelernter DDR-Bürger hatte man ja kaum Berührungen mit der Kirche. Dadurch gibt es in Sachen Christentum so viele Lücken bei Atheisten. Ich schließe mich da mit ein", erzählt Eska, der inzwischen treuer Bibelstundenbesucher ist.

Pfarrer Krüger erhofft sich von seinem Engagement "Anregungen für meine Zuhörer, um weiter zu denken" und Vorurteile gegenüber Kirche und Christentum abzubauen. "Wenn dabei jemand den Glauben für sich entdeckt, daraus Trost und Hoffnung für sein Leben schöpft, umso besser." Gezielt bekehren aber wolle er niemanden, versichert er.