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Polizeikontrolle Raser auf der Piste und der «Normalfall» Stau

Von Klaus Peters | 30.09.2022, 14:12 Uhr

Mehr als 800 Kilometer Autobahnen überwacht die Brandenburger Polizei - auf der Straße und aus der Luft. Dabei geht es nicht nur um Raser auf der Piste. Ein Schwerpunkt der Kontrolle ist mittlerweile der «Normalfall» Stau.

Polizeihauptmeister Udo Scheil blickt bei der Streifenfahrt auf dem südlichen Berliner Autobahnring in den Rückspiegel und gibt der Kollegin ein Zeichen. Polizeihauptmeisterin Ines Großhanß schaltet das Videomessgerät ein. «Der kommt mit Macht», meint Scheil. Mit mehr als 140 Kilometer pro Stunde rauscht ein Auto im Baustellenbereich auf der linken Spur an dem zivilen Wagen der Verkehrspolizei vorbei. «Fünf Sekunden Messung reichen, um den Geschwindigkeitsverstoß gerichtsfest nachzuweisen», erläutert Scheil. «Heute morgen hatten wir bereits einen mit 178 Stundenkilometern in der 120er-Zone und einen mit 140 in der 80er-Zone.»

Großhanß und Scheil sind am Dienstag auf der Autobahn 10 zwischen Ludwigsfelde und dem Autobahndreieck Nuthetal unterwegs, um Temposünder, unzulässig geladene Sattelzüge und andere Verkehrssünder aufzuspüren. Unterstützt werden sie von zwei Beamten mit Motorrad. Temposünder und auffällige Lastwagen werden auf einen Parkplatz gelotst und dort von Kollegen der Verkehrspolizei überprüft.

Ein Schwerpunkt ist, ob die Lastwagen auf der rechten Spur den Mindestabstand von 50 Metern einhalten. Anhaltspunkte sind dafür die reflektierenden Streckenpfähle, die an den Autobahnen alle 50 Meter gesetzt sind. «Bei Sonne kann man sich an den Schlagschatten der Lkw orientieren», erläutert Scheil. Die Frontkamera zeichnet die Verstöße zuverlässig auf.

Auf dem Parkplatz stellen die Kollegen der Verkehrspolizei bei einem Lastwagen weitere Verstöße fest. Fünf der Gurte für die Sicherung der Ladung sind verschlissen und müssen vom Fahrer ausgetauscht werden. Ein Laster, der auf seinem Auflieger einen Kran transportiert, wird von den Motorradpolizisten herausgewunken. Der Fahrer hat die erforderliche Ausnahmegenehmigung für eine Überlänge bis 20,98 Meter - die Messung der Beamten ergibt 20,78 Meter. Alles in Ordnung.

Kommt es zum Stau, setzt Großhanß das Blaulicht aufs Dach. Dann wird kontrolliert, ob Autofahrer die Rettungsgasse blockieren. Bis zu 320 Euro, zwei Punkte in Flensburg und einen Monat Fahrverbot kann das seit der Gesetzesverschärfung im Oktober vergangenen Jahres kosten. Wie eine Rettungsgasse richtig gebildet wird, erklärt die Polizei Brandenburg in einem Flyer.

Aus Sicht von Scheil eigentlich immer noch zu wenig für Autofahrer, die Rettungskräften womöglich den Weg zu lebensgefährlich Verletzten blockieren. «In der Schweiz und in Österreich klappt das mit der Rettungsgasse hervorragend - aber da liegen die Bußgelder über 1000 Euro», sagt der Polizeihauptmeister.

Allein in der Polizeidirektion West wurden in diesem Jahr bereits 276 Verstöße gegen die Pflicht zur Bildung einer Rettungsgasse angezeigt. Und es könnten noch mehr werden: Zumindest testweise setzt die Polizeidirektion West bereits eine Dohne ein, die den Stau zur Kontrolle der Rettungsgasse überfliegen kann.

Aber am Dienstagvormittag gibt es zumindest auf dem kontrollierten Streckenabschnitt keinen Stau. Der bildet sich 20 Kilometer vorher - nach einem Unfall zwischen einem Lastwagen und einem Auto. Doch Großhanß und Scheil können nicht überall sein.

«Mir macht das Spaß, ich mach das schon seit 2010 und bleibe dabei bis zur Rente», sagt der 61-Jährige. Wichtig sei ihm die Verkehrserziehung im Gespräch mit den erwischten Autofahrern. «Da gibt es immer wieder auch Einsicht in das Fehlverhalten, wenn die Fahrer unseren Film sehen», meint Scheil. «Das ist anders als bei einem Blitzer, wo man Wochen später das Bußgeld per Post bekommt.»

Tipps für und gegen den Stau

Sie sind auf dem Weg zu Ihrem ersehnten Ziel in einen Stau geraten. Was ist zu tun? Abfahren und über Land weiter? Bringen mich häufige Spurwechsel schneller ans Ziel? Auto Club Europa (ACE), ADAC, Automobilclub von Deutschland (AvD), Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR) und Tüv Süd geben Antworten:

Wann starte ich möglichst staufrei in den Urlaub?Nicht fahren, wenn alle fahren. Also schon frühmorgens starten oder abwarten, bis der Höchststand des Verkehrs erreicht ist und erst am späten Abend starten und in die Nacht fahren. Auch der Reisetag kann den Unterschied machen. Hier gelten besonders Dienstag und Mittwoch als Tage mit geringer Verkehrsdichte. Wer also nicht unbedingt von Samstag auf Samstag buchen muss, sollte wochentags losfahren, wenn es sich dabei nicht gerade um den letzten Schul- oder ersten Ferientag handelt. Immer wichtig: Das Auto schon ein, zwei Tage vor Abfahrt volltanken, packen und ausgeschlafen wie ausgeruht starten.

Was sollte an Bord sein?Besonders für längere Fahrten genügend Proviant und ausreichend Wasser mitnehmen, besonders wenn Kinder mitfahren.

Wie kann ich mich schon vor der Reise auf Staus vorbereiten?Die Route im Navi sollte beim Start schon programmiert und der Verkehrsfunk im Radio aktiviert sein. Mit Echtzeit-Infodiensten zur Verkehrslage und -führung, wie ihn viele Navis bieten, lassen sich Staus über alternative Routen umfahren. Um volle Raststätten und Parkplätze zu meiden, plant man am besten entlang der Route geeignete Pausenstationen abseits der Autobahn ein.

Navis mit besagten Infodiensten können Stauwarnungen in Echtzeit liefen - ebenso wie Smartphone-Apps à la Google Maps oder Here We Go. Viele Dienste greifen aber auf die gleichen Infos zurück und schicken Autofahrer auf die gleiche Umfahrung - dort drohen dann auch Staus. Vorsichtshalber und zur besseren Übersicht hat man am besten immer noch einen Straßenatlas oder eine Karte im Auto.

Lohnt sich das Abfahren von der Autobahn überhaupt?Laut einigen Experten lohnt sich ein Abfahren von der Autobahn nur bei einer Vollsperrung oder wenn es der Verkehrsfunk ausdrücklich empfiehlt. Denn die Ausweichstecken, zum Beispiel auf Landstraßen mit Ortsdurchfahrten, seien meist ebenso verstopft - auch weil sie für so einen starken Verkehr nicht ausgelegt sind. Wer dennoch abfährt: Die Verkehrszeichen mit orangenem Pfeil auf weißem Grund geben sinnvolle Umleitungsempfehlungen.

Soll ich die Spur wechseln, wenn der Verkehr auf meiner stockt?Das lohnt nicht. Denn wer dauernd die Spur wechselt, kommt laut Experten in der Regel nicht schneller voran. Ständige Spurwechsel können zudem für weitere Staus sorgen und sind ein Unfallrisiko.

Darf ich bei stockenden Verkehr rechts überholen?Im Stau dürfen Autofahrer auf der rechten Spur überholen. Das gilt aber nur, wenn der Verkehr auf der linken Spur steht oder höchstens 60 km/h fährt. Die Differenzgeschwindigkeit darf zudem nicht mehr als 20 km/h betragen, so dass man auf der rechten Spur nicht schneller als 80 km/h fahren darf. Wer das nicht beachtet, riskiert 100 Euro Geldbuße und einen Punkt.

Wann und wo muss eine Rettungsgasse gebildet werden?Ganz wichtig: Bereits bei stockendem Verkehr und vor dem absoluten Stillstand. Und der Korridor muss immer zwischen dem linken und den übrigen Fahrstreifen gebildet werden. Sonst drohen Bußgelder ab 200 Euro aufwärts.

Der Stau ist da - was nun?Vor dem Stauende sanft abbremsen und das Auto ausrollen lassen. Besonders an unübersichtlichen Stellen die Warnblinker anstellen und den nachfolgenden Verkehr konzentriert beobachten. Denn es droht die Gefahr von Auffahrunfällen. Das eigene Auto lenkt man mit ein bis zwei Fahrzeuglängen Abstand zum Vordermann leicht in Richtung der seitlichen Begrenzung. Im Notfall kann man so hoffentlich noch rechtzeitig auf den Standstreifen ausweichen, falls das nachfolgende Fahrzeug nicht bremst.

Darf ich im Stau auf der Autobahn aussteigen?Nein. Nur wer eine Unfallstelle sichern muss, darf die Fahrbahn betreten. Ansonsten sind 10 Euro Bußgeld fällig. Weder ein menschliches Bedürfnis noch das Wickeln eines Kindes stellen beispielsweise vom Gesetzgeber anerkannte Notfälle dar. Im Zweifel hilft nur die Geduld bis zum nächsten Parkplatz weiter. Steht aber der Verkehr etwa bei einer Vollsperrung lange still, dürfte die Polizei den Experten zufolge in aller Regel auf eine Anzeige verzichten, wenn sich jemand kurz neben seinem Auto die Beine vertritt. Doch selbst dann bleibt das Betreten der Autobahn gefährlich: Denn durch die Rettungsgasse können immer Rettungsfahrzeuge nachrücken. Wichtig: Nie weit vom Auto weggehen und keine Rettungskräfte behindern.

Darf ich auf der Standspur zur nächsten Ausfahrt rollen?Nein. Wer das dennoch macht, riskiert ein Bußgeld von 75 Euro und einen Punkt. Ausnahme: Wenn Verkehrszeichen das Befahren ausdrücklich erlauben. Auch Halten auf der Standspur ist bei 30 Euro Strafe verboten. Ebenfalls tabu auf der Autobahn: Rückwärts fahren oder gar wenden - es sei denn die Polizei fordert dazu auf. Ansonsten drohen bis zu 200 Euro, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot für diese gefährlichen Aktionen.

Darf ich mich auf dem Motorrad durch den Stau schlängeln?Nein. Motorradfahrer dürfen sich nicht zwischen den anderen Fahrzeugen nach vorn durchschlängeln. Wer es dennoch macht, muss mit 100 Euro Geldbuße und einem Punkt rechnen. Links überholen dürfen Biker zwar, aber meist bleibt nicht genügend Platz, um einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu den Fahrzeugen einzuhalten.

Wie werde ich meine Anspannung im Stau los?Aggressiver Trommelwirbel auf dem Lenkrad löst den Stau nicht schneller auf. Die Lieblingsmusik oder ein Hörbuch können da schon eher beim Entspannen helfen. Verkehrspsychologen raten auch zum gezielten An- und Entspannen von Muskeln oder einfach zum Kauen von Kaugummi. Besonders, wenn viele Personen zusammen im Auto unterwegs sind, ist es Gold wert, Streit zu vermeiden. Man sollte sich bewusst machen, dass keiner etwas für die Unterbrechung kann. Kinder an Bord lassen sich mit Spielen wie «Ich packe meinen Koffer» oder «Ich sehe was, was Du nicht siehst» ablenken und bei Laune halten.