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Nicht nur hohe Herrschaften im Schloss Kronleuchter und Lehmwände

Von Jeanette Bederke | 26.03.2018, 05:00 Uhr

Ostern ist Saisonstart im Oderbruchmuseum Altranft und im Schloss schaut eine Künstlerin auf eine Gruppe, die früher wenig hatte

Wer die herrschaftlichen Räume im Obergeschoss des Schlosses Altranft (Märkisch-Oderland) betritt, stutzt unwillkürlich. Denn sie zeigen nicht in erster Linie vergangenen Wohlstand der früheren Besitzer, wie es zu vermuten wäre. In den Salon hat Künstlerin Kerstin Baudis aus Schöneiche (Oder-Spree) durch das Zusammenstellen der gediegenen alten Möbel direkt unter den imposanten Kronleuchter einen zweiten Raum gebaut. Er ist eng, von innen mit Lehmwänden ausgekleidet und karg bestückt. „So lebten einst die Landarbeiter, die für das Gut arbeiteten“, sagt die Künstlerin.

Diese Wechselwirkung zwischen Schlossbesitzern und der Landbevölkerung wolle sie darstellen. Auf die festlich gedeckte Tafel im Speisezimmer projiziert sie deshalb mittels Beamer einen Traktor, der scheinbar über Goldrandteller und Kristallgläser fährt oder landwirtschaftliches Arbeitsgerät, das neben dem Silberbesteck auftaucht. „Wir widmen uns in diesem Jahr dem Thema Landwirtschaft“, ergänzt Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation Schiffmühle (Märkisch-Oderland), das beauftragt ist, bis zum Jahr 2020 ein neues Konzept für das ehemalige Freilichtmuseum Altranft zu entwickeln.„Natürlich soll die Einrichtung wieder überregional Besucher anlocken, aber vor allem auch den Bewohnern der Region gefallen, Identität schaffen“ erklärt der Kulturwissenschaftler. Das Konzept scheint anzukommen, zählte das im Umbruch befindliche Museum doch 2017 etwa 10 000 Besucher. Damals ging es um das Jahresthema „Wasser“ naheliegend im größten eingedeichten Flusspolder Deutschlands.

Bewohner des Oderbruchs waren dazu befragt worden. Ihre Zitate zieren als fortlaufender Wandfries die Ausstellungsräume im Schloss. „Daran werden wir in diesem Jahr weiter arbeiten“, erläutert Anders.

Derzeit führen seine Mitarbeiter Interviews mit 25 Landwirten der Region - vom kleinen Einzelbauern bis hin zum Geschäftsführer größerer Genossenschaften. Ihre Antworten sollen an die Wand kommen und zudem die Grundlage bilden für ein Theaterstück, das im Herbst Premiere haben soll. Bereits zur Saisoneröffnung am Ostersonntag können Besucher neben den Installationen von Kerstin Baudis im sogenannten Studierzimmer des Schlosses eine Rübenheber-Ausstellung besichtigen. „Nirgendwo war dieses Arbeitsgerät mehr verbreitet, als im Oderbruch, wo die Zuckerrübe lange Zeit die wichtigste Feldkultur war“, sagt Anders. In der mehr als 16 000 Objekte umfassenden Sammlung des einstigen Freilichtmuseums Altranft haben Mitarbeiter des Projektbüros Dutzende unterschiedliche Rübenheber-Versionen gefunden.

Gemeinsam mit einem Sammlungs-Fachbeirat sind sie dabei, das Inventar vergangener Zeiten nach wissenschaftlichen Aspekten zu sortieren.„Gut die Hälfte der Sammlung hat entweder keinen Bezug zum Oderbruch oder ist so beschädigt, dass sie nicht mehr zu reparieren ist“, macht der Kulturwissenschaftler deutlich. Was zur Illustration der einzigartigen Kulturlandschaft geeignet ist, kommt unter anderem in den „Schaukasten Oderbruch“. In zwölf kleinen, altmodischen Hängeschränkchen finden Besucher Hinweise auf besondere Orte, die die historische Eigenart und Besonderheiten des Landstrichs verdeutlichen. Sie sollen Lust machen, diese Ausflugsziele im Oderbruch im Anschluss direkt zu besuchen.

Ausgewiesen sind sie als Kulturerbe-Orte, denn das Oderbruch soll nach dem Willen des Projektbüros und vieler Kommunen der Region europäisches Kulturerbe werden. Derzeit laufen die Vorbereitungen für eine Bewerbung um diese Zertifizierung im kommenden Jahr. „Wir punkten mit dem einmaligen Wassersystem aus Schöpfwerken, Deichen und Entwässerungsgräben, mit der Kultur der freien Bauern, die nach der Trockenlegung des Oderbruchs mit der Gründung von Kolonistendörfern begann und mit prägnanter Baukultur“, erklärt Anders. Zudem stehe der Landstrich für eine offene ländliche Gesellschaft, die sich gegenüber Fremden nie abgekapselt habe, betont er.

Zu den Kulturerbe-Orten zählt das älteste Kolonistendorf im Oderbruch, Neulietzegöricke, das komplett unter Denkmalschutz steht und die höchste Dichte an Fachwerkbauten in der Mark hat. „Die besondere Geschichte des Oderbruchs ist bei uns komplex erfahrbar“, sagt Bürgermeister Horst Wilke, der als Dorfschulze verkleidet regelmäßig Besucher durch „Lietze“ führt und zudem Sprecher der Arbeitsgruppe „Kulturerbe Oderbruch“ ist. So ein europäisches Qualitätssiegel mache die Region touristisch noch bekannter, glaubt er. „Wo gibt es sonst so eine Landschaft, die abhängig von ihrer Entwässerung ist und deswegen auch so fruchtbare Böden hat.“