Ein Angebot des medienhaus nord

Nachwuchsarbeit Immer Richtung Tor, immer weiter nach oben

Von PRI | 26.02.2014, 10:22 Uhr

Deutschlands Fußball ist berühmt für seine Nachwuchsarbeit. Vor einigen Jahren war das freilich noch ganz anders. Doch auch auf dem Dorf in Brandenburg lässt sich gut beobachten, was sich seit der legendären EM-Pleite im Jahr 2000 verändert hat.

Deutschlands Fußball ist berühmt für seine Nachwuchsarbeit. Vor einigen Jahren war das freilich noch ganz anders. Doch auch auf dem Dorf in Brandenburg lässt sich gut beobachten, was sich seit der legendären EM-Pleite im Jahr 2000 verändert hat.

Nichts geht ohne Ball, reines Lauftraining gibt es bei Michael Pohl nur als Bestrafung. Also dribbeln die Zehnjährigen an diesem Mittwochnachmittag in der Odervorlandhalle in Briesen (Oder-Spree) zum Aufwärmen um Slalomstangen. Mal sollen sie den Ball dabei mit der Innenseite des rechten Fußes führen, mal mit der Außenseite des linken. „Und hep! Tempowechsel! Aber nicht wie Oma Kasulke!“, ruft Michael Pohl schließlich. „Den Ball enger führen!“, ermahnt er einen Jungen. „Schneller!“ Und dann wird der Trainer richtig laut. „Jetzt explodieren! Nur noch Richtung Tor!“

Wie gesagt, das ist nur das Aufwärmen bei den E-Junioren von Blau-Weiß Briesen, die derzeit fast alle Gegner schlagen. Energie Cottbus wurde in dieser Saison zweimal deklassiert, den EWE-Wintercup haben sie ebenso gewonnen wie die Landesmeisterschaften in der Halle. Nur Hertha BSC war eine Nummer zu groß. Michael Pohl scheut keine Superlative. „Was Sie hier sehen, ist die Crème de la Crème in Brandenburg“, erklärt er dem Besucher. Und seinen Jungs sagt er in einer Trainingspause: „Ihr seid so gut, weil ihr so viel trainiert.“

Pohl ist nicht nur Coach der Briesener E-Junioren, sondern auch DFB-Stützpunkttrainer und damit ein wichtiges Rädchen in jenem flächendeckenden System, mit dessen Hilfe kein Talent mehr unerkannt bleiben und jeder hoffnungsvolle Nachwuchskicker die bestmögliche Förderung erhalten soll. Insgesamt 366 sogenannte Stützpunkte gibt es im ganzen Land, 17 in Brandenburg. Nächsthöhere Ebene sind die bundesweit 29 Eliteschulen, dazu kommen die Leistungszentren der Profi-Vereine. Nutzen dieses engmaschigen Netzes aus Sichtung und Förderung: Schon vor drei Jahren schwärmte der damalige U 21-Nationaltrainer Dieter Eilts: „Wir haben Talente ohne Ende.“


Elite, Disziplin, Erfolg

Den Grundstein für diese Erfolgsgeschichte legte die deutsche Nationalelf mit einem desaströsen Auftritt bei der Europameisterschaft im Jahre 2000. Ein mageres Unentschieden gegen Rumänien, Niederlagen gegen England und Portugal – Vorrundenaus. Die Sorgen mit Blick auf 2006, die WM im eigenen Land, waren groß. Und so wurde kurzerhand jenes Fördersystem installiert, das nun auch in Briesen jeden Tag neu mit Leben gefüllt wird. Leistung, Elite, Disziplin, Erfolg – darum geht es dem DFB. Für die Zehnjährigen von Blau-Weiß Briesen heißt das: Viermal die Woche Training, am Wochenende Spiel. „Und dabei stets 100 Prozent Einsatz, nicht 70“, sagt Michael Pohl. Üblich sei in dem Alter zwei- mal Training.

„Da trennt sich die Spreu vom Weizen“, betont der Trainer. Wer etwas werden wolle, müsse eben mehr tun. Früher hätten die Guten jeden Tag auf dem Bolzplatz gekickt. Da es das in dieser Form leider nicht mehr gibt, müsse man mehr Trainingstermine ansetzen. „Kinder wollen sich anstrengen, sie wollen Herausforderungen“, ist Pohl überzeugt. Und der Spaß sei ja auch garantiert. „Was gibt es schöneres, als zu gewinnen, Tore zu schießen?“

Zieht ein Junge bei ihm mal nicht mit, nimmt ihn der Trainer zur Seite und redet ihm ins Gewissen: „Du machst diesen Übersteigertrick im Spiel so selten, weil du ihn nicht automatisch drauf hast, weil du ihn nicht oft genug übst.“ Wer zu spät zum Training kommt oder in der Umkleidekabine nicht aufräumt, muss Strafrunden drehen. Die Ausrede „keine Lust“ gibt es für Pohl nicht, nicht einmal der eigene Geburtstag oder der der Eltern ist ein Grund, das Training zu verpassen. „Da wird eine Tüte Gummibärchen mitgebracht, kurz gratuliert, und dann geht das Training los.“ Eine Mutter am Spielfeldrand bestätigt mit einem Lachen: „Den Geburtstag unseres Jungen haben wir seit Jahren nicht mehr richtig gefeiert.“

Die Eltern der Spieler unterstützen Pohls Ansatz. Alle Väter haben früher selbst gespielt, den Durchbruch nicht geschafft, auch deshalb wollen sie eine Top-Förderung für ihre Söhne. Dafür müssen auch sie Disziplin zeigen. „Übermotivierte Eltern sind ein Problem im Nachwuchsfußball“, erzählt Michael Pohl. „Wenn bei mir ein Vater während des Spiels reinbrüllt, wechsle ich seinen Sohn sofort aus.“


Nur eines ist wichtiger als Fußball

Nur eines ist in dieser Welt wichtiger als Fußball: Schule. Wer dort Probleme hat, muss beim Training kürzer treten, stellt der Trainer klar. Der 44-Jährige ist kein Drillmeister, kein herzloser Schleifer, er setzt einfach das Konzept des DFB um, von dessen Erfolgschancen er überzeugt ist. Seit vier Jahren ist er lizensierter Stützpunkttrainer auf Honorarbasis, hält Vorträge vor anderen Trainern, an die er die DFB-Philosophie weitergibt. Er predigt, die Trainingszeit effektiv zu nutzen. „Eine Viertelstunde Spielauswertung vom vergangenen Wochenende ist Quatsch. Die Kinder haben längst vergessen, was da los war“, sagt Pohl. Auch durch häufige Pausen und mitunter lange Wege zu den Trinkflaschen leide die Trainingsintensität. „Die Minuten, in denen man nichts Vernünftiges tut, summieren sich.“ Eine weitere Prämisse: Möglichst immer mit dem Ball arbeiten, auch die Sprintfähigkeit lässt sich mit Spielformen trainieren. „Was denken Sie, wie die Kinder rennen, wenn sie die Aufgabe haben, einen anderen Spieler am Torschuss zu hindern.“ Beim Training ohne Ball hingegen bestehe die Gefahr, dass Spieler die Lust verlieren.

Hauptamtlich arbeitet Michael Pohl als Polizist. Fußballerisch hat er es einst nur bis in die vierte Liga geschafft. „Ich war ein guter Spieler, aber es fehlte jemand, der mir Druck macht, wirklich das Beste aus mir herauszuholen.“ Auch das ist natürlich Motivation für ihn. Sein Sohn, der zum Team der Briesener E-Junioren gehört, soll es besser haben. So hatte der Vater bei ihm Sprintdefizite ausgemacht. Der Junge nahm Nachhilfe bei den Leichtathleten, jetzt gehört er zu den schnellsten im Team. „Geschwindigkeit ist im heutigen Fußball ganz entscheidend, und das muss man sich früh erarbeiten.“

Für die Frage, ob er nicht vielleicht übertreibt, die Kinder unter zu großen Druck setzt, hat Michael Pohl durchaus Verständnis. Er gehe davon aus, dass er das Richtige tut, sagt er. „Aber wenn in drei Jahren die Hälfte meiner Mannschaft mit Fußball aufhört, habe ich natürlich etwas falsch gemacht.“ Seine größte Sorge ist, Kinder an die Playstation zu verlieren. Pohls etwas eigenwillige Logik: „Wenn die Kinder viel trainieren, kommen sie gar nicht erst auf den Gedanken, sich in ihrer Freizeit mit etwas anderem als Fußball zu beschäftigen.“


Ab September wird es Ernst

Abgerechnet werde in sechs Jahren. Wenn dann fünf Kicker aus diesem Jahrgang auf einer Sportschule sind, habe sich der Aufwand gelohnt. Immerhin: Zwei zwölf Jahre alte Spieler aus der ebenfalls von Pohl gecoachten Briesener D-Jugend haben gerade den Sprung an eine Sportschule geschafft. Hinter diesen Erfolgen stehen gute Trainingsbedingungen in dem 3000-Einwohner-Ort und ein ganzes Team hoch motivierter ehrenamtlicher Trainer und Funktionäre. Selbst Eltern aus Fürstenwalde schicken ihre Kinder täglich nach Briesen.

Mächtig Eindruck macht an diesem Nachmittag in der Halle auch das Torschusstraining der E-Junioren. Die Jungs schießen nicht nur erstaunlich hart, sondern auch platziert. Als Pohls Bester aus vollem Lauf einen Ball fulminant mit links im Tor versenkt, lächelt der Trainer stolz: „Das war gerade sein schwacher Fuß.“ Aber am Beispiel seines Top-Spielers verdeutlicht der Trainer auch, dass noch viel dazwischen kommen kann auf dem Weg in den bezahlten Fußball. „Er hat bei Auswärtsspielen oft Heimweh. Ich weiß nicht, ob er es so auf die Sportschule schafft.“ Ab September wird es auf jeden Fall für die jetzigen E-Junioren ernst. In drei Testrunden entscheidet sich, wer ein Jahr später zur Sportschule darf. Vor allem die Stützpunkttrainer sind dann gefragt.

Michael Pohl zum Beispiel bekommt eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft, ohne seine Jungs aus Briesen, deren Spieler er benoten muss. Hinzu kommen Gespräche mit den Kindern. Und es wird viel gemessen. Sprintfähigkeit, Gewandheit, Dribbling, Passspiel, Torschuss. Mit A, B oder C werden die jeweiligen Leistungen bewertet und im bundesweiten DFB-Netz ausgewertet. „Meine Spieler sind alle im A-Bereich“, ist Michael Pohl überzeugt.

In die erste Testrunde gehen etwa 100 Spieler aus ganz Brandenburg, in die zweite 50, und davon bleiben vielleicht 25 übrig, die nach Frankfurt (Oder) oder Cottbus an die Sportschule gehen. Dort wird dann achtmal die Woche trainiert. Und dort brauchen die Jungs mehr Aggressivität. Daran arbeitet Michael Pohl gerade intensiv. Er vereinbart viele Spiele mit Berliner Teams, denn dort weht ein anderer Wind.

Mitte Juni dann steht ein Highlight an. Die E-Junioren von Blau-Weiß Briesen sind dann zu einem Turnier in Hannover eingeladen, an dem auch Inter Mailand teilnimmt. Michael Pohl wird ihnen vor den Spielen das mit auf den Weg geben, was er immer sagt: „Habt Spaß, spielt Fußball!“