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DDR in der Schule: Diskussion mit Birthler "Geschichte ist nicht doof"

Von Katrin Schüler, dapd | 28.02.2011, 08:28 Uhr

Die scheidende Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, dabattierte mit Schülern und Lehrern in Rostock über das Thema "DDR in der Schule".

Der Rostocker Gymnasiast Ludwig hat weder die DDR noch die Wende erlebt. Im Geschichtsunterricht lernt er die Fakten, die - wie er bemängelt - die DDR auf einen Unrechtsstaat reduzieren. "Von Verwandten hören wir dagegen die Alltagsgeschichten, die positiven Erlebnisse ihrer Vergangenheit in Ostdeutschland", sagt Ludwig. Wie solle er die Zeit für sich einordnen? Das sei ein Konflikt, mit dem die Schule junge Leute allein lasse, findet Ludwig, der gestern mit Mitschülern das Thema "DDR in der Schule" debattiert.

Fakten und Erfahrungen

Die scheidende Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, hört den Teenagern aufmerksam zu und nickt. Die Frage, "als was die DDR ins kollektive Gedächtnis eingeht", sei noch lange nicht entschieden, betont sie. Während die DDR für die Einen unzweifelhaft ein Unrechtsstaat war, halten andere das kommunistische System für einen legitimen, wenn auch gescheiterten Versuch einer gerechteren Gesellschaftsordnung.

"Früher hörte man von den Jugendlichen oft eins zu eins die Abendbrotgespräche mit den Eltern", die neue Generation sei kritisch, "sie fordert Informationen ein", sagt Birthler. Umso wichtiger sei die Arbeit an Schulen, die Vermittlung von Fakten und ganz persönlichen Erfahrungen der Lehrer. Sie könne die Pädagogen nur animieren, eigenständig, selbstbewusst und kreativ mit dem Thema DDR umzugehen. Mit den Jahren seien die Schulen dabei nach ihrem Eindruck sicherer geworden. "Lehrer geben auch eigene Denkfehler zu. So lernen Schüler, dass Umwege zum Leben gehören", sagt Birthler. Es gebe aber auch noch Schulen, "da bewegt sich nichts, das ist konservierte DDR", kritisiert Birthler.

Projekt mit Gänsehaut

Einen Weg, Schülern Alltag und Herrschaft in der DDR anschaulich zu vermitteln, glauben Lehrer des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums in Bergen auf Rügen gefunden zu haben. In einem dreitägigen Geschichtsprojekt befassen sich die Kinder gemeinsam mit Lehrern, Zeitzeugen und Partnern von Einrichtungen wie Kirche und Museen mit DDR-Themen. "Sport, Musik, Bausoldaten oder auch Stasi, es gab Projektpräsentationen, bei denen bekamen wir Gänsehaut, so haben sich die Schüler reingekniet", sagt Geschichtslehrerin Jana Romanski. Neben den Lehrern mit ostdeutscher Biografie hätten auch andere Zeitzeugen, darunter ein NVA-Offizier und ein Leistungssportler, die Schüler an ihren persönlichen Erlebnissen teilhaben lassen. "Wir haben gemerkt, so kriegt man die Kinder, so sagen sie später: Geschichte ist nicht doof", sagt die Geschichtslehrerin.

Dem 17-jährigen Hans fehlt im Unterricht Zeit für Diskussionen. "Die reinen Fakten kennt man doch schon aus den Schuljahren vorher: die DDR war ein Unrechtsstaat, der den Bürgern missstraut hat. Aber ich würde gern mehr in die Tiefe gehen, auch über Alltagssituationen reden." Dass damit Ostalgie verbreitet werde, glaubt Hans nicht. "Solche ,Alles war besser-Thesen kann ich schon allein rausfiltern."