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Sommerfeld Faszination Nähmaschine

Von Michael Klug, ddp | 30.09.2009, 01:57 Uhr

Über 250 Nähmaschinen hat Karin Hein zusammen getragen und in einem Museum ausgestellt. Ihre Führungen für Schulklassen haben auch einen pädagogischen Anspruch.

Karin Hein vergleicht die gleichmäßig surrenden Geräusche ihrer Nähmaschinen am liebsten mit Musik. "Das feine Rattern und die Schwingungen sind harmonische Töne. Wie in einem Lied", sagt die 48-Jährige. In der ausgebauten Scheune ihres Vierseithofes im nordbrandenburgischen Sommerfeld könnte die Verwaltungsangestellte demnach ein ganzes Orchester anstimmen.

Über 250 Nähmaschinen aus 150 Jahren hat sie zu einer fulminanten Sammlung zusammengetragen. "Ab Mitte des 19. Jahrhunderts tobte ein weltweiter Kampf um die Hausfrauen. Die waren in der damaligen Zeit ein gigantischer Markt", erklärt Hein die Vielfalt an Maschinen und Herstellern. Auf der langen Liste der Sammlung befinden sich neben den Klassikern Singer und Veritas auch bekannte Namen wie Opel und Peugeot. "Die haben schließlich nicht mit Autos angefangen, sondern mit Nähmaschinen", sagt sie.

Der Grundstein für Karin Heins Leidenschaft liegt in ihrer Kindheit. "Meine Großmutter saß sehr oft in der Stube und nähte. Das war ein fester Bestandteil meines Lebens", erinnert sie sich. Jedoch erst, als sie mit ihrer Familie Anfang der 1990er Jahre vom Berliner Stadtrand aufs Land zog, wurde aus dem Kindheitserlebnis eine Leidenschaft. "Bis zur Wende arbeiteten mein Mann und ich im Stahlwerk. Und in unser Arbeiterschließfach im Plattenbau passten nur wir und die Kinder rein", sagt Hein. Mit dem Umzug nahm die Sammlung gleich mehrfach Fahrt auf.

Plötzlich hatte Hein nicht nur Platz, sondern fand auch gleich die ersten Objekte ihrer Begierde. "Beim ersten Spaziergang habe ich Maschinen gesehen, die auf dem Müll lagen", erzählt Karin Hein. Das tat ihr derart in der Seele weh, dass sie die mit Intarsien besetzten Tischplatten und kunstvoll geschwungenen Eisengussgestelle mit nach Hause nahm. "Früher standen die Maschinen in der guten Stube und waren dementsprechend gearbeitet. Das einfach so vergammeln zu lassen, ging für mich nicht", sagt sie.

Nach fast 20 Jahren hat sie ihre Begeisterung immer noch nicht verloren, die Leidenschaft kennt aber auch Grenzen. "Es gibt Maschinen, die sind unbezahlbar", sagt sie. So wäre zum Beispiel für die berühmte Löwenkopfmaschine ein sechsstelliger Betrag fällig. "Von der Maschine gibt es weltweit nur zwei Stück", erklärt die Expertin. Und so trägt die Sommerfelderin nur zusammen, was sie günstig bekommt oder ihr von Sammlern überlassen wird. Gleichsam befinden sich darunter Raritäten wie Pelz-, Hut- und Stiefelnähmaschinen. Oder Kurioses wie die futuristisch anmutende Strumpfstopfmaschine, deren pilzkopfähnlicher Teller sich rotierend um eine Nadel dreht.

Stolz ist Hein auf die Kindernähmaschinen. Die voll funktionstüchtigen Miniaturen waren einst zu jeder haushaltsüblichen Nähmaschine angeboten worden. "Die Hersteller wollten, dass Mutter und Tochter gemeinsam nähen. So sollten sich die Mädchen später an den Namen erinnern", erklärt Hein das clevere Marketing von damals.

Zu einem echten Museum wird Heins Sammlung zudem durch die vielen Utensilien und Dokumente, die sie aus 150 Jahren Nähmaschinenproduktion zusammengetragen hat.

Zudem bietet sie Führungen an, die sie mit einem pädagogischen Anspruch verbindet: "Wenn Schulklassen kommen, lasse ich die Kinder nähen. Die brauchen wieder ein Gefühl dafür, dass Kleidung keine Pfennigware ist, die man einfach so wegschmeißt".