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Kinder Familien stoßen an Grenzen

Von Christina Spitzmüller | 03.04.2020, 05:00 Uhr

Kinder und Eltern sind rund um die Uhr Zuhause. Dazu kommen womöglich noch finanzielle Sorgen.

Einrichtungen und Sozialarbeiter in Brandenburg sind alarmiert. Sorgen wachsen, dass es während der Corona-Krise vermehrt zu Kindesmissbrauchsfällen kommt. „Erfahrungen beispielsweise aus der Weihnachtszeit zeigen, dass die Gefahr steigt“, sagt Hans Leitner, Leiter der Fachstelle Kinderschutz in Brandenburg.

Vier Monate dauert es ihm zufolge, bis entdeckt wird, dass es einem Kind nicht gut geht. „Deshalb ist es wichtig, früh zu reagieren“, betont Leitner. Nachbarn, die den Verdacht haben, dass Kinder vernachlässigt, geschlagen oder anders misshandelt werden, sollen sich ans Jugendamt wenden - das gehe auch anonym. „Das Jugendamt weiß immer mehr als der einzelne Nachbar“, so Leitner. Es könne prüfen, ob Polizeianzeigen gegen Familienmitglieder vorliegen oder andere Nachbarn, Lehrer oder Erzieher sich bereits gemeldet haben. Nachbarn könnten der Familie auch Hilfe anbieten, zum Beispiel, ab und an Essen vorbeizubringen. „Selbst, wenn das Angebot abgelehnt wird, zeigt das: Wir bekommen mit, was hier passiert.“

Ganz praktische Hilfe bietet die Arche in Potsdam an. Die Einrichtung gehört zur bundesweiten christlichen Kinderstiftung „Die Arche“. Normalerweise können Kinder dort Mittag essen, Hausaufgaben machen und ihre Freizeit verbringen - vor allem solche aus sozial schwachen oder sogenannten Problemfamilien. Jetzt halten die fünf Mitarbeiter per Messenger und Telefon zu allen Kindern und Jugendlichen Kontakt, die das Angebot normalerweise nutzen. Jedes Kind wird mindestens zweimal pro Woche von einem Mitarbeiter angerufen, erklärt Standortleiter Christoph Olschweski.

Rund 90 Familien im Potsdamer Süden begleitet die Arche, darunter 120 Grundschulkinder und 30 Jugendliche. Während der Corona-Krise laufen die Angebote virtuell ab: Es gibt eine Hausaufgabenhilfe per Chat. Außerdem werden die Kinder täglich eine Stunde lang im Livestream unterhalten, um die Eltern zu entlasten.

Weil viele Familien nach Angaben von Olschweski derzeit auch große finanzielle Sorgen haben, liefern Mitarbeiter einmal pro Woche Lebensmittel und Hygieneartikel aus. 25 Familien nutzen das Angebot derzeit, oft müsse dafür aber zunächst einmal große Scham überwunden werden. „Manchmal melden sich auch Kinder und sagen: Der Kühlschrank ist leer“, erklärt Olschewski.

Er sorgt sich besonders um die Familien, die „bislang nicht auf dem Radar sind“. Kitas und Schulen, wo Missbrauch oder Vernachlässigung auffallen könnten, sind geschlossen. „Da sind jetzt die Nachbarn gefragt“, sagt Olschewski. Wenn es hart auf hart käme, könne man auch die Polizei rufen - die könne sofort eingreifen.

Bei den Arche-Kindern habe es bislang noch keine ganz brenzligen Situationen gegeben. „Aber wir bereiten uns als Team darauf vor, dass es härter wird“, so Olschewski. Außerdem arbeitet das Team präventiv: Mitarbeiter erklären den Familien, dass es in der aktuellen Situation dazugehört, an seine Grenzen zu stoßen - und dass man dann auch um Hilfe bitten darf.

Um die Lage in besonders gefährdeten Familien zu entschärfen, können nach Angaben des Sozialministeriums seit dieser Woche auch solche Kinder in der Notfallbetreuung untergebracht werden, deren „Kindeswohl es erfordert“. Auch die Familien- und Einzelfallhilfen der Jugendämter laufen demnach weiter.

Jacqueline Eckhardt betont, dass Überforderung in diesen Wochen jede Familie treffen kann - auch solche, die sonst nicht als Problemfamilien gelten. Die ehrenamtliche Kinderbeauftragte von Frankfurt (Oder) befürchtet, dass sich die Situation mit Beginn der Osterferien nochmals verschärft - dann fallen die Schulaufgaben weg, die den Tagesablauf der Kinder bislang noch strukturieren.

Ab kommender Woche will die Stadt Frankfurt (Oder) deshalb eine Hotline für Eltern einrichten. Ein solches Eltern-Stress-Telefon gibt es im Landkreis Uckermark bereits. Zudem ist das bundesweite Elterntelefon unter der Nummer 0800 111 0550 täglich einige Stunden lang besetzt. Eltern können sich auch an die Erziehungs- und Familienberatungsstellen der Landkreise wenden. Für Kinder und Jugendliche ist die „Nummer gegen Kummer“ unter 116 111 stundenweise besetzt - dort gibt es auch Hilfe und Beratung per Chat und Mail.

Eckhardt empfiehlt Eltern, sich Mechanismen zurechtzulegen, um bei Konflikten nicht „den nächsten Schritt zu gehen“. Man könne die Situation verlassen, kurz raus auf den Balkon gehen oder sich einen Kaffee kochen. Sie verstehe, dass das nicht ganz einfach sei, aber: „Ich hoffe, dass Eltern mutig genug sind, sich Hilfe zu suchen.“