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Fürstenwalde Durch Musik in der Mark verwurzelt

Von Jörg Schreiber, dapd | 08.12.2010, 01:57 Uhr

Der Terminkalender von Musiker Alex Ilenko ist prall gefüllt.

"Bis Weihnachten sind alle Wochenenden gebucht, auch danach habe ich viele Termine", sagt der 58-Jährige, der 1997 mit seiner Familie als Spätaussiedler aus Russland eingewandert war. Im brandenburgischen Fürstenwalde fand der studierte Klavierlehrer, Chorleiter und Dirigent nicht nur eine neue Heimat, er engagiert sich als Orchesterchef, Sänger und Musikschullehrer auch stark im Kulturleben der Region. Sein Engagement brachte Ilenko vor kurzem ein Treffen mit dem Bundespräsidenten in Potsdam ein. Gemeinsam mit neun weiteren, ehrenamtlich aktiven Märkern wurde er zu einem Essen mit Christian Wulff eingeladen. Er frage sich bis heute, warum gerade er ausgewählt wurde, sagt der 58-Jährige bescheiden. Eine Antwort gibt ein Blick in seine Vita. Ilenko erwarb sich herausragende Verdienste in der Musikszene der Region, wie die Brandenburger Staatskanzlei die Ehrung begründete.

Schon in Moskau, wo der gebürtige Russe mit seiner deutschstämmigen Frau zuletzt lebte, war er Organist, zuvor in Krasnodar Leiter einer Musikschule gewesen. Nach Übersiedlung nach Deutschland sei er gefragt worden, ob er als Kirchenorganist nach Fürstenwalde kommen wolle, erzählt der evangelische Christ. Er habe sofort zugesagt. "Das Orgelspiel war schon als Kind mein Traum."

Besonders das Dirigieren gehört zu seinen Passionen. "Ich hatte allerdings keine Chance auf eine Stelle als Berufsdirigent", berichtet Ilenko in perfektem Deutsch. So gründete er vor zehn Jahren das Fürstenwalder Kammerorchester, das er dirigiert. Zum Stamm gehören heute rund 15 Hobbymusiker. Bei vielen Konzerten bindet er nach eigenen Angaben Musikschüler ein, schließlich unterrichtet er die Woche über an der Musikschule das Hauptfach Klavier.

Seit 2000 ist Ilenko auch Korrepetitor der Singakademie Frankfurt (Oder). Gemeinsam mit seiner Frau, die heute Rentnerin ist, singt er dort sowie im Kammerchor Fürstenwalde. Singakademie-Direktor Rudolf Tiersch, der den 58-Jährigen seit mehr als zehn Jahren kennt, schätzt Ilenko als äußerst zuverlässigen und musikalischen Menschen. Die Sänger seien von ihm angetan.

"Was ich sehr gerne unterstütze, ist die Oper Oder-Spree", sprudelt es aus Ilenko heraus. Seit zehn Jahren ist er bei dieser Sommerakademie auf Burg Beeskow jedes Jahr als Pianist dabei. "Dort gibt es viele osteuropäische Musikstudenten, denen ich auch als Dolmetscher helfen kann", sagt er. Burg- und Musikschuldirektor Tilman Schladebach bezeichnet Ilenko als "fabelhaft ausgebildet" und "ungeheuer einsatzbereit". Er sei zudem absolut zuverlässig: "Was er zusagt, macht er in sehr guter Qualität."

An der Fürstenwalder Musikschule übt Ilenko schon die dritte Kinderoper ein. In Kinderchor und -orchester seien auch Schüler aus Zuwandererfamilien, sagt er. "Kunst ist international, da fragt keiner, ob da Deutsche oder beispielsweise Muslime singen." Auch im Einzelunterricht nehme er sich Zeit für Schüler aus Einwandererfamilien. "Ich nehme sehr gerne Kinder mit Migrationshintergrund, ich habe das ja am eigenen Leib erlebt", so Ilenko. "Ich hatte viel Glück und immer nette Leute getroffen", sagt er über seine Anfangsjahre in Deutschland. Im Vergleich mit anderen Zuwanderern sieht er sich als Ausnahme: "Ich will immer was Neues machen, bin an allem interessiert." Viele Russlanddeutsche fänden hier keine Arbeit, kämen mit dem Leben schwer zurecht.

Ilenko fühlt sich in Deutschland wohl. Er habe in der neuen Heimat viele russische Spuren gefunden, sagt er dazu. Beide Völker hätten schließlich jahrhundertelange Beziehungen. Die alte Heimat besucht er nur noch selten. "Ich habe keine Sehnsucht nach Russland, das ist schon eine andere Welt", sagt Ilenko.