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Berlin/Potsdam Droht eine neue Welle der Gewalt?

Von Susann Fischer, ddp;und Alexander Fröhlich | 05.02.2010, 01:57 Uhr

Rund 70 Berliner Anhänger des Rockerklubs "Bandidos MC" sind zu den verfeindeten "Hells Angels" gewechselt.

Der Präsident der "Hells Angels" Deutschland, Frank H., sei dazu am Mittwochabend nach Potsdam gekommen, erfuhr die Nachrichtenagentur ddp gestern aus Polizeikreisen. Beamte kontrollierten am Abend rund 70 Personen vor dem Klubhaus der Potsdamer "Hells Angels" in der Innenstadt. Dabei wurden unter anderem Baseballschläger und Messer beschlagnahmt. Nach Angaben eines Berliner Polizeisprechers montierten die übergelaufenen Rocker gestern bereits neue Schilder an ihrem Klubheim in der Residenzstraße in Reinickendorf.

Das Überlaufen einer so großen Gruppe von Rockern zu einem konkurrierenden Club ist in der Szene sehr ungewöhnlich. "Das hat uns überrascht", sagte ein Brandenburger Ermittler. Die Hintergründe seien noch unklar. Es sei ungewöhnlich, dass sich Leute verbündeten, die sich bislang noch massiv bekämpft hätten.

Auch der Berliner Polizeisprecher sagte, der Übertritt eines ganzen Chapters zu einem bislang verfeindeten Club sei ungewöhnlich. Das habe es in Deutschland noch nie gegeben. Die Kräfteverhältnisse zwischen den Motorradgangs in der Hauptstadt würden sich damit verschieben. Zwar blieben die "Bandidos" weiterhin die größere Gruppe, doch die "Hells Angels" seien deutlich gestärkt. Ende 2008 hatten die Berliner "Bandidos" laut Polizei rund 240 Mitglieder, während die "Hells Angels" nur auf 70 Anhänger kamen.

Wie der "Prignitzer" aus Ermittlerkreisen erfuhr, ist die Polizei wegen des Übertritts des Bandidos-Chapters seit zwei Tagen in Alarmbereitschaft. Gestern gab es eine Krisensitzung von Vertretern der Landeskriminalämter Berlins und Brandenburgs.

Nach blutigen Auseinandersetzung um Geschäftsinteressen zwischen Bandidos ist die vor allem von Türken und Arabern dominierte Abteilung bei einem von einem Polizei-Großaufgebot begleiteten Treffen in Potsdam am Mittwochabend offiziell von den "Hells Angels" aufgenommen worden. Zuvor hatten die Rocker symbolisch die als heilig geltenden "Bandidos"-Westen mit Messern zerschnitten - ein Affront. Dies dürfte als Kriegserklärung verstanden werden, hieß es. Folge des Übertritts könnten brutale Racheakte sein, wie die Polizeisprecher sagten. Es sei nicht ausgeschlossen, dass "Bandidos" ihre ehemaligen Mitglieder angreifen.

Die Brisanz des Übertritts zeigen auch die von Rockergruppen selbst anberaumten Krisentreffen anberaumt, "zu der Leute aus den Europastrukturen erwartet werden", sagte ein Ermittler. "So etwas hat es noch nicht gegeben." Die Furcht bei der Polizei vor einer Eskalation der Rockergewalt ist groß.

Jedenfalls stehen die Niederlassungen der Gruppierung unter besonderer Beobachtung der Polizei. Es geht um die "Bandidos" in Perleberg, Lauchhammer und Hohen Neuendorf, bei den "Hells Angels" um Potsdam. Nach Auskunft der Prignitzer Polizei hätte Beamte gestern im Zuge des regulären Streifendienstes das Perleberger "Bandidos"-Gelände am Ortsrand besucht, dabei aber keine Aktivitäten festgestellt.

Fraglich ist, wie sich die Unterstützerklubs der "Bandidos", die "Chicanos", verhalten und ob sie ebenfalls zu den "Hells Angels" übertreten, was die Ermittler für möglich halten. Der 2009 verbotene aber weiter aktive "Chicanos MC Barnim" etwa wird den nun übergetreten Berliner "Bandidos" zugeordnet.

Besonders brisant an dem Fall ist, dass Mitglieder des zu den "Höllenengeln" gewechselten "Bandidos-Chapters" an einem Überfall auf "Hells Angels"-Größen im Sommer 2009 bei Finowfurt beteiligt waren. Dabei wurde einem "Hells Angels"-Mann beinahe das Bein abgehackt. Der Grund für den Übertritt könnte daher ein geschickter Schachzug der "Hells Angels" sein, die ihre Position stärken, indem sie ihre Gegner aufnehmen. "Wenn mir jemand nach dem Leben trachtet, dann mache ich ihn zu meinem Freund und kann damit meine Macht verdoppeln", lautet die Interpretation eines Ermittlers.

In der Vergangenheit war es in Berlin und Brandenburg wiederholt zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern verfeindeter Rockerclubs gekommen. Bei den Konflikten geht es vor allem um die Vorherrschaft beim illegalen Handel mit Drogen und Waffen sowie um Prostitution.

Die Brandenburger CDU forderte angesichts der zunehmenden Rivalitäten und kriminellen Aktivitäten ein Verbot der Rockerbanden. Der rechtspolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Danny Eichelbaum, sagte: "Die Rockerkriminalität ist in weiten Teilen Brandenburgs ein grundsätzliches Problem und stellt eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung dar." Rockerbanden gingen mit höchster Gewaltbereitschaft vor. Die Kommunen seien damit völlig überfordert.