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Eberswalde "Die Lage ist absolut unberechenbar"

Von Redaktion svz.de | 09.02.2010, 01:57 Uhr

Nachdem 70 Rocker der "Bandidos" in der vergangenen Woche zu den verfeindeten "Hells Angels" übergelaufen sind, hat auch Michael Gellenbeck vom Brandenburger Landeskriminalamt (LKA) in Eberswalde alle Hände voll zu tun.

 

Steht jetzt in Berlin und Brandenburg ein Rockerkrieg vor der Tür?

Michael Gellenberg: Die Lage ist absolut unberechenbar. Kadir P. ist jedenfalls zuzutrauen, dass er mit den Hells Angels im Rücken mit den "Bandidos" abrechnen will, die ihn absägen wollten. Und auch umgekehrt ist nicht auszuschließen, dass die "Bandidos" ein Kopfgeld auf P. aussetzen. An einen echten Krieg, wo mehrere hundert Leute aufeinander treffen, glaube ich nicht. Woran ich glaube sind punktuelle Auseinandersetzungen.

Hat Sie der Übertritt des "Bandidos"-Chapters Centro zu verfeindeten "Hells Angels" überrascht?

Wenn mir das einer vor einer Woche erzählt hätte, dann hätte ich sofort abgewunken. Nie im Leben hätte ich gesagt. Manchmal passieren im Leben ganz merkwürdige Dinge. Doch im Nachhinein macht der Wechsel zu den "Hells Angel" für mich jetzt einen Sinn. Wir wissen, dass Kadir P. bereits im Herbst vergangenen Jahres als Centro-Präsident abgesetzt werden sollte.  Mit seinem Wechsel ist er vermutlich seiner Absetzung zuvorgekommen.

 Wann schwappte die Welle von Skandinavien nach Deutschland und Berlin-Brandenburg?

Die Hochzeit war in Skandinavien zwischen 1994 und 1997. Da haben sich vor allem in Dänemark "Bandidos" und "Hells Angels " massiv bekriegt. Mit Panzerfäusten, Maschinengewehren und Mörser-Granaten sind die aufeinander los. In Deutschland gab es Rocker schon immer. Jedoch wurden die neuen Bundesländer schnell als weiße Flecken ausgemacht. Der Rockerclub "Gremium" war 2004 der erste in unserer Region, der in Frankfurt (Oder), Cottbus und Potsdam Fuß fasste.

2006 sind dann 50 Kampfsportler und Türsteher in Cottbus den "Hells Angels" beigetreten. Fast zur gleichen Zeit ist  das Cottbuser "Gremium"-Chapter  wegen interner Querelen komplett zu den "Bandidos" übergelaufen. Seit Mitte 2006 war die Lausitz unser erster Brennpunkt. In Berlin waren die Kapazitäten viel schneller hochgefahren. Auch in Oberhavel ging es zwischen den "Hells Angel"-Supportern  "Red Devils" und den "Bandidos"-Unterstützern "Flying Demons" hoch her. Vergangenes Jahr gab es in Berlin den ersten Toten, der auf offener Straße erschossen wurde. Seit 2006 ist die Szenerie in Berlin-Brandenburg immer brutaler und gewalttätiger geworden.

 Warum bekämpfen sich "Bandidos" und "Hells Angels"?

Diese Gruppen haben die gleichen Geschäftsinteressen, gleiche Einkommensquellen.  Es geht um Verteilungskämpfe. Beide kontrollieren die Rotlichtszene, auch den Drogenhandel und nehmen Schutzgeld ein.

Warum wurde die Sonderabteilung beim LKA eingerichtet?

Die Ereignisse haben uns dazu gezwungen, als die Situation im Land immer gewalttätiger wurde. 2005 haben wir eine Ermittlungskonzeption entwickelt, die die Zusammenarbeit mit den Polizeipräsidien im Land und dem LKA enger verzahnt hat. Seit Juni 2008 haben wir am LKA eine eigene Aufbauorganisation geschaffen. Darin sind jetzt sämtliche Kräfte der Landespolizei zusammengefasst, die sich mit Rocker-Kriminalität beschäftigen. Ich habe jetzt zehn hauptamtliche Mitarbeiter.