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Die Warnsignale ignoriert Bürgermeister wartet auf Herz

Von Manja Wilde | 22.02.2019, 05:00 Uhr

Detlef Gasche hat viele Ehrenämter und Interessen, war beruflich sehr aktiv / Ein gesundheitlicher Zusammenbruch setzte ihm Grenzen

Am 27. Dezember ließ sich Detlef Gasche mit Herzproblemen in eine Klinik fahren. Nun wartet der Bürgermeister von Jacobsdorf auf ein Spenderorgan. Das kann dauern. Eine Pumpe soll sein Herz erst mal unterstützen. Von einer erneuten Kandidatur hält das den 60-Jährigen nicht ab.

Der Koffer steht aufgeklappt in der Ecke. Der Laptop aber ist angeschlossen, das Handy griffbereit. „Ich muss doch meine E-Mails checken, Absprachen für das nächste Waldcamp mit dem Amt treffen und mein Tagebuch schreiben“, sagt Detlef Gasche. Es ist das „Tagebuch eines Herzkranken“, das der 60-Jährige führt.

Schläuche führen in seinen Körper. Eine Schwester prüft Werte, nimmt die Urinflasche mit. „Was machen Sie da?“, erkundigt sich Detlef Gasche. Er ist Tierarzt, kennt sich als solcher auch mit dem menschlichen Körper etwas aus, registriert und hinterfragt jedes Medikament, jede Maßnahme. Auf der Station ist er bekannt. Um den Wiedererkennungswert zu steigern, trägt der Bürgermeister außerdem eine grüne Wollmütze. Selbst im Bett. „Das ist mein grüner Punkt: recyceln, nicht gleich wegwerfen.“ Seinen hintersinnigen Humor hat er auch auf dem Krankenbett nicht verloren.

Es ist Montagabend. Seit dem Vormittag liegt der ehrenamtliche Bürgermeister von Jacobsdorf (Oder-Spree) wieder im Deutschen Herzzentrum in Berlin. Von der „Wartestation“ im Paulinenkrankenhaus wurde er dorthin gefahren. Er braucht ein Spenderherz. Weil er es aber nicht auf die „Hochdringlichkeitsliste“ geschafft hat, soll zunächst eine kleine Pumpe sein Herz unterstützen.

„Die Kriterien, um ihn hochdringlich zu listen, sind aktuell nicht erfüllt“, sagt Dr. Felix Schönrath, Oberarzt für Herztransplantation am Deutschen Herzzentrum. Dennoch sei das Risiko, das der Patient die Wartezeit ohne medizinischen Eingriff nicht überlebt, hoch. Zu Hause könne Gasche ohne diesen nicht auf ein Spenderherz warten, weil er Medikamente brauche, die seinen Kreislauf unterstützen. Für die „Hochdringlichkeitsliste“ müssten diese Medikamente aber eine höhere Konzentration haben, erklärt Schönrath.

„Für ein Spenderherz bin ich noch zu gut“, sagt Detlef Gasche und grinst. Zudem sei die „Pumpe“ der kürzere Weg, um wieder fit zu sein. Fit für die Bürgermeisterwahl in der fast 1900 Einwohner starken Gemeinde. Gasche tritt für die „Unabhängigen Bürger Jacobsdorf“ an. Gewinnt er, wäre es seine fünfte Legislaturperiode. Seit 16 Jahren ist er Bürgermeister, doppelt so lange in der Kommunalpolitik aktiv.

Seit 27 Jahren organisiert er zudem das „Waldcamp für Toleranz und friedliches Miteinander“, bei dem jährlich 250 bis 300 Kinder und Jugendliche ihren Spaß haben. Im Karnevalsclub wirkt Detlef Gasche schon fast genauso lange mit,  hält Büttenreden, gibt den Zeremonienmeister und tanzte im Männerballett mal den „sterbenden Schwan“. Außerdem fängt er gern Schmetterlinge, Käfer, Fliegen und andere Insekten – und piekte tausende von ihnen in seinen gut 250 Setzkästen fest. Der Veterinärmediziner durfte sogar einer Schabe, die er auf einem Gebirgspass in Mittelasien fand, seinen Namen geben: Tataroblatta Gaschei heißt das Tier nun. Und, und, und.

Irgendwann wurde es dem Herzen des umtriebigen Mannes offenbar zu viel. 2012/13 diagnostizierten die Ärzte bei ihm eine Linksherz-Insuffizienz. Ein gezerrter Muskel, sagt Detlef Gasche, sei dafür verantwortlich gewesen. Die Gründe habe man nicht gefunden. „Vielleicht“, ergänzt der Bürgermeister, „war es Stress“. Sicherheitshalber überschrieb er die Tierarztpraxis in Jacobsdorf seiner Tochter. Seither arbeitet er dort nur noch als Honorararzt und Berater. Die Ehrenämter behielt er bei.

Schon im August 2013 reiste er wieder nach Thailand. „Sterben kann ich auch woanders“, kommentiert Gasche trocken. „Die Wärme tat mir gut, ich habe Schmetterlinge gefangen, war glücklich.“ 2016 und 2017 leitete er wissenschaftliche Expeditionen in die Mongolei.

2018 plagte die Krankheit ihn erneut. „Auslöser war wahrscheinlich eine Fischvergiftung in Sri Lanka“, vermutet er. Ein Sonnen- und ein Hornissenstich setzten seinem Körper außerdem zu. Dennoch tanzte er auf einer Hochzeit in Panama, angelte in Norwegen, organisierte das Waldcamp  – und klappte schließlich im September zusammen. Die Herzleistung habe damals nur noch 25 Prozent betragen, sagt Gasche, später sei sie auf unter 20 abgesackt. Wieder zu Hause, besorgte er sich ein Atemgerät. In der Nacht zum zweiten Weihnachtsfeiertag zog er schließlich die Reißleine, ließ sich ins Helios-Klinikum fahren, kam von dort ans Deutsche Herzzentrum.

Da liegt er nun wieder. Nun soll die kleine Pumpe eingesetzt werden. „Ich habe Riesenschiss vor den Schmerzen“, gesteht der Veterinärmediziner. Sein Schamgefühl rebelliere immer wieder dagegen, dass Menschen seinen ganzen Körper bearbeiten.