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Neuruppin Abriss mit Konzept verhindert

Von Georg-Stefan Russew | 31.12.2010, 01:57 Uhr

Kirchen sind im weiteren Sinne Veranstaltungszentren der Kirchgemeinden.

Gottesdienste, Andachten oder auch kleinere Konzerte gehören zu ihrem Potpourri. Doch die Neuruppiner Pfarrkirche ist aus diesem Zusammenhang schon lange ausgebrochen. Sie firmiert heutzutage als Kultur- und Kongresszentrum; viele Offizielle der Fontanestadt sprechen sogar von "ihrer" Kulturkirche. Rockkonzerte, Theateraufführungen oder Disco-Abende für die Ü-30-Generation stehen in regelmäßigen Abständen auf dem Spielplan. Ein echtes Gotteshaus ist die Pfarrkirche schon lange nicht mehr. Sie ist Ende der 1990er Jahre entwidmet worden.

Der erbarmungswürdige Bauzustand hat diese Entwicklung stark befördert, weiß der ehemalige Generalsuperintendent Leopold Esselbach zu berichten. "Neuruppin hat zwei große Kirchengebäude, die Pfarr- und die Klosterkirche. Beide Gebäude zu unterhalten und zu sanieren, hat schlicht unsere finanziellen Möglichkeiten überfordert", so Esselbach. Die Evangelische Kirche habe sich dann dazu entschlossen, sich nur noch auf die Klosterkirche zu konzentrieren und habe Ende der 1990er Jahre das andere Gotteshaus der Stadt Neuruppin zu 51 Prozent überschrieben, so der Generalsuperintendent.

Die Pfarrkirche ist nach dem großen Stadtbrand von 1787 entstanden. Baumeister Francois Philipp Berson hat sie von 1801 bis 1804 als Simultankirche errichtet. Neuruppins großer Sohn, Karl Friedrich Schinkel, soll Sankt Marien, wie die Pfarrkirche im 19. Jahrhundert genannt wurde, in vieler Hinsicht für misslungen gehalten haben. Er mochte sich nicht so recht mit der eigenwilligen Gestalt des Baus anfreunden.

Doch gerade ihre ungewöhnliche Form mache heute die Attraktivität der Kirche aus. Sie ist der einzige erhaltene klassizistische Quersaal der Mark Brandenburg. Dazu kommt noch der monumentale überkuppelte Mittelbau, der im Volksmund nur Bienenkorb genannt wird. Eine gewisse Verwandtschaft mit den knobelsdorffschen Werken des Rokoko, besonders seinem nicht mehr erhaltenen Berliner Dom, ist nicht zu verleugnen, sagt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz.

Eigentlich grenze es fast an ein Wunder, dass die Pfarrkirche heute in ihrem alten Glanz erstrahlt, so Esselbach. 1970 haben DDR-Behörden das Gotteshaus baupolizeilich gesperrt. Nach 1990 gab es dann Fördermittel, um den Erhalt zu sichern. Doch Gelder für die Totalsanierung blieben aus. Der ehemalige märkische Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) habe jedoch Unterstützung für die Kirche zugesagt, wenn es eine touristische Lösung mit wirtschaftlichem Konzept gebe, erinnert sich Esselbach. Darauf sei die Tourismus-Forum GmbH gegründet worden. Dass in der Pfarrkirche heute getanzt und gefeiert wird, stört Leopold Esselbach nicht. "Ich bin froh, dass auf diesem Wege ein Baudenkmal erhalten geblieben ist." Ein Zuschussgeschäft ist die Pfarrkirche für die Stadt Neuruppin dennoch geblieben. Das sei aber zu erwarten gewesen.