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Oranienburg 200. Blindgänger seit 1991 erfolgreich entschärft

Von Harriet Stürmer | 14.12.2016, 21:00 Uhr

So entschärfen Spezialisten Bomben. Gefahr durch die Zünder ist auch nach Jahrzehnten niemals gebannt

Knapp 72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ruhen noch immer unzählige Bomben in Deutschlands Boden. Fast täglich rücken Kampfmittelräumdienste aus, um Blindgänger kontrolliert zu sprengen oder aber zu entschärfen. Gestern wurde in Oranienburg der 200. Blindgänger seit 1991 entschärft. Doch wie geht das eigentlich genau?


Blindgänger finden

Manche Blindgänger schlummern nur knapp unter der Oberfläche, andere liegen in mehreren Metern Tiefe. Einige Bomben werden zufällig gefunden – bei Bauarbeiten, von Landwirten oder Pilzsammlern zum Beispiel.

Wer einen Blindgänger findet, sollte die Munition auf keinen Fall anfassen, sondern sich an die Polizei wenden, die dann den Bergungsdienst informiert – übrigens rund um die Uhr, auch am Wochenende. Mitunter wird nach Blindgängern aber auch gezielt gesucht: im Gleis- und Straßenbau oder vor einem Hausbau. So war es in diesem Jahr in Breese.

Dabei können historische Luftbilder zum Einsatz kommen. Denn die Alliierten flogen im Zweiten Weltkrieg direkt nach der Bombardierung über die Gebiete und dokumentierten die Zerstörung. Anhand der Bilder versuchen die Räumdienste Orte zu lokalisieren, an denen noch scharfe Bomben liegen könnten.

Nach der Wende hatte das Land Brandenburg die Möglichkeit, solche Aufnahmen aus den Archiven in den USA, Großbritannien und Deutschland zu kaufen. Millionen Fotografien waren wahllos in Kisten gepackt und verstaut worden. Der Aufwand, die richtigen Bilder zu finden, war enorm. Nun vergleichen Experten historische und aktuelle Luftbilder, um auf die Fährte der Blindgänger zu kommen. Der Munitionsbergungsdienst spürt die Bomben mithilfe von Metalldetektoren auf.
Zünder entfernen

Vor Ort müssen die meisten Blindgänger auch entschärft werden – sie zu transportieren, wäre in vielen Fällen zu gefährlich. Mit Baggern und Schaufeln wird die Bombe im Boden freigelegt. Dabei müssen die Sprengmeister äußerst vorsichtig vorgehen. Denn wenn Blindgänger bewegt werden, können sie explodieren.

Im nächsten Schritt wird der Zündmechanismus identifiziert. Ein heikler Moment, denn wenn ein Zünder in der Bombe ist, ist sie auf jeden Fall scharf. Er muss unbedingt entfernt werden. Manche der Bomben, die amerikanische und britische Flugzeuge über Deutschland abwarfen, verfügten über einen komplizierten Mechanismus: Statt beim Aufschlag direkt zu explodieren, detonierten sie erst Stunden oder gar Tage später – und wurden so für Feuerwehrleute und Rettungskräfte zur tödlichen Gefahr.

Der Langzeitzünder funktioniert chemisch-mechanisch statt nur mechanisch wie der normale Aufschlagzünder. Damit niemand eine Bombe mit Langzeitzünder rechtzeitig entschärfen konnte, hatten ihre Konstrukteure zusätzlich eine Ausbausperre eingebaut. Jeder Versuch, den Zünder herauszuschrauben, führte zur sofortigen Detonation. Darum müssen die Bomben auf besondere Weise entschärft werden. Mit einem Wasser-Granulat-Schneidegerät wird die Hülle zwischen Schlagbolzen und Sprengstoff getrennt und die Bombe so unschädlich gemacht.
Langzeitzünder

Beim chemisch-mechanischen Langzeitzünder (Foto) hält eine Scheibe aus Zelluloid oder Kunststoff den Schlagbolzen fest. Beim Aufprall auf der Erde zerbricht eine Glas-Ampulle voller Aceton. Das Lösungsmittel löst das Zelluloid auf und löst den Schlagbolzen aus – die Bombe explodiert.

Die Verzögerung nach dem Aufprall kann je nach Dicke des Zelluloids zwischen zwei und 144 Stunden betragen. Die Zündmechanismen haben jedoch häufig versagt, ihr Anteil an den Blindgängern ist besonders hoch.

Kam die Bombe zum Beispiel verkehrt herum zur Ruhe, tropfte das Aceton nicht wie vorgesehen direkt auf das Zelluloid. Von außen lässt sich daher nicht erkennen, ob die Zündvorrichtung versagt hat oder ob die Bombe bisher nur nicht ausgelöst hat.

Experten zählen die Bomben dieses Typs zu den gefährlichsten überhaupt. Und die fortschreitende Verrottung der Zünder erhöht das Risiko von Selbstdetonationen. Oft kann selbst die kleinste Erschütterung zur Explosion des Sprengkörpers führen. Manchmal kann es sogar passieren, dass derartige Bomben ohne jede Außeneinwirkung detonieren.
Sprengstoff zerstören

Haben die Sprengmeister die Zünder aus den Blindgängern ausgebaut, muss nur noch der Sprengstoff vernichtet werden. Das geschieht auf dem Gelände von Brandenburgs zentralem Munitionszerlegebetrieb mit Sprengplatz in Kummersdorf-Gut (Teltow-Fläming).