75 Jahre nach der Bücherverbrennung

Feuer, Uniformen, Dunkelheit und tönende Reden – die Organisatoren der Bücherverbrennung aus den Reihen der „Deutschen Studentenschaft“ zeigten, wie gut sie die Bildsprache des neuen Regimes beherrschten.  Foto: dpa
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Feuer, Uniformen, Dunkelheit und tönende Reden – die Organisatoren der Bücherverbrennung aus den Reihen der „Deutschen Studentenschaft“ zeigten, wie gut sie die Bildsprache des neuen Regimes beherrschten. Foto: dpa

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09. Mai 2008, 07:28 Uhr

„Wie es zur Bücherverbrennung gekommen ist, sagt sehr viel über diese Zeit aus“, betont Volker Weidermann. Der Literaturkritiker und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist der Autor des frisch erschienenen „Buches der verbrannten Bücher“. Weidermann hat die damals verfemten Autoren, ihre Biografien und wichtigsten Werke zusammengestellt, dazu die Vorgeschichte der flammend inszenierten Mainacht.

Mancher Autor blieb für immer vergessen

Als damals im Mai die Scheiterhaufenloderten, bedeutete die Verbrennung ihrer Bücher für die betroffenen Autoren meist das Signal zur Flucht, wenn sie nicht ohnehin längst im Exil waren, meist auch den Auftakt zum Elend: Weltweit erfolgreiche Schriftsteller wie Thomas Mann und Erich Maria Remarque konnten in der Schweiz oder in den USA zwar gut leben, viele andere aber verloren mit ihrer deutschen Leserschaft auch ihre Existenzgrundlage. Manche, wie Ernst Toller oder Stefan Zweig, brachten sich um.

„Schätzungsweise die Hälfte aller Autoren sind heute nicht mehr bekannt, und davon hatte wiederum die Hälfte vor 1933 eine breite Leserschaft“, so Weidermann: „Als ich das erste Mal die Liste der verbrannten Bücher sah, hatte ich von der Hälfte der Autoren noch nie gehört.“ Zwölf Jahre Verbot oder Exil hatten gründliche Arbeit geleistet.

Die Vertreibung aus seinem Sprachraum bedeutet für Lyriker, Prosa-Autoren, Journalisten oder Publizisten oft das Todesurteil – in künstlerischer und meist auch in auch wirtschaftlicher Hinsicht. Und auf Dauer: „Als ich für mein Buch über die Geschichte der deutschen Literatur nach 1945 recherchiert habe, fiel mir auf, wie viele von den Nazis vertriebene Schriftsteller 1945 mit den Gedanken an ein künftiges, besseres Deutschland zurückkehrten – aber niemand interessierte sich für sie“, sagt Weidermann. Das, so der Journalist, sei die Geburtsstunde der Idee vom „Buch der verbrannten Bücher“ gewesen.

Weidermann hat exzellente Arbeit geleistet: Nicht wissenschaftlich trocken schreibt er, sondern pointiert, bisweilen mit bösem Humor und sehr lesbar formuliert. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine vergessene Welt, lässt ihn miterleben, wie er die Autoren und ihre Bücher wiederentdeckt, die eigentlich verschwinden sollten; und oft auch so gründlich verschwunden sind, dass antiquarische Ausgaben nur nach langer Recherche auftauchen. Die Kapitel zu nahezu vergessenen Schriftstellern können deshalb durchaus länger ausfallen als zu den noch heute berühmten Großen der erst verbrannten und dann exilierten deutschen Literatur. Und bei aller Kürze: Es muss eine titanenhafte Recherche-Arbeit gewesen sein, die hinter den 253 Seiten steckt.

Zurück im Jahr 1933, Ende April. Die „Bücherverbrennung“ war nicht zentral vom noch frisch installierten Regime geplant. Es waren auch keine tumben SA-Schlägertrupps oder intellektuell gescheiterte Existenzen, die Feuer an die Literatur legten – sondern die deutsche Geisteselite, Studenten und Hochschulprofessoren. Freiwillig, ungezwungen, ehrgeizig. Weidermann: „Das waren nicht irgendwelche Splittergruppen, das kam aus der Mitte der Gesellschaft.“

Geist und Intelligenz versagten, gehorchten vorauseilend, als das Regime längst nicht unverrückbar installiert war. Hitler war Reichskanzler, Goebbels Propagandaminister, aber noch standen die Nazis am Anfang. Die „Gleichschaltung“, das Unterwerfen aller Gliederungen des Staates, aller Organisationen, Vereine und Zusammenschlüsse unter die die NS-Ideologie, war längst nicht abgeschlossen. Und: Am 1. April hatten die Nazis mit dem zentral gesteuerten und inszenierten Boykott gegen von Deutschen jüdischen Glaubens betriebene Geschäfte ein Desaster erlebt. Es war nicht gelungen, die Bevölkerung aufzustacheln. Die Leute auf der Straße verhielten sich eher reserviert.

Studenten als willige Vollstrecker
Die „Deutsche Studentenschaft“ (DSt) lag aber bereits voll auf NS-Linie und kündigte im April 1933 die Organisation der „Aktion wider den undeutschen Geist“ an. Ziel: Missliebige Hochschullehrer denunzieren, jüdische Professoren natürlich besonders, und private und öffentliche Bibliotheken von allem zu säubern, was nicht ideologiekonform war oder dafür angesehen wurde. Am 10. Mai sollten feierliche Bücherverbrennungen nach einem von den Studenten festgelegten Drehbuch den Abschluss der Aktion bilden.

Der Zeitplan der stramm braunen Intellektuellen war straff. Deshalb griffen die Organisatoren auf eine Liste des Bibliothekars und überzeugten Nationalsozialisten Wolfgang Herrmann (1904-1945) zurück, die dieser damals aus eigener Initiative zur „Säuberung“ der Bibliotheken und Buchhandlungen erarbeitet hatte. „Der Mai 1933 war seine große Stunde“, sagt Volker Weidermann: Es waren die immer wieder neu aktualisierten und verschickten Listen Herrmanns, mit denen Studenten und SA-Männer durch Bibliotheken und Buchläden zogen.

Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ entwickelte sich überraschend erfolgreich – und schließlich sprang auch die Regierung auf: Joseph Goebbels, selbst promovierter Germanist, sagte kurzfristig zu, als Festredner aufzutreten. Ähnlich wie in Berlin lief die Bücherverbrennung auch in anderen Universitätsstädten ab, etwa in Rostock auf dem Blücherplatz und in Greifswald auf dem Marktplatz: Erst eine Kundgebung der Studentenschaft, dann ein Fackelzug mit Lastwagen voller Bücher, begleitet von NS-Studenten, Blaskapellen der SA, Burschenschaftlern in vollem „Wichs“, Professoren in Festgarderobe, Hetzreden und reichlich Schaulustigen.

Ein Autor bat ausdrücklich: „Verbrennt mich!“
In Berlin in der Menge: Erich Kästner. Der Autor von „Emil und die Detektive“ gehörte zu den Autoren, die auf der Verbrennungsliste standen – und hatte die Traute, persönlich auf dem Berliner Opernplatz anwesend zu sein, als seine Bücher unter den Goebbelschen Tiraden ins Feuer geworfen wurden. „Eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation“, so schrieb Kästner später bitter, habe er den „schmalzigen Tiraden“ gelauscht.

Mancher Autor schaffte es, sich nach der Verbrennung mit den Nazis zu arrangieren. Auch das dokumentiert Weidermann. Oskar Maria Graf, der Vollblut-Bayer, dagegen saß im Mai 1933 schon im österreichischen Exil und hatte keinerlei Neigung zur Liebedienerei gegenüber den Nazis. Trotzdem standen einige seiner Werke nicht auf der Hoffmann-Liste und spätere Zusammentellungen empfahlen die Bücher sogar als unbedenklich. Graf war empört, publizierte den Aufruf „Verbrennt mich!“ und wütete: „Ich bin also berufen, einer der Exponenten des neuen deutschen Geistes zu sein. Womit habe ich diese Schmach verdient?“

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