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Atom-Panne vor zehn Jahren : 2007 sorgten Störfälle in Brunsbüttel und Krümmel für Beunruhigung

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Vor zehn Jahren mussten binnen zwei Stunden beide Kernkraftwerke vom Netz. Ein Experte sieht Parallelen zu Harrisburg.

Kiel/Hamburg | Beim Segeln im Urlaub erreicht den Leiter der schleswig-holsteinischen Atomaufsicht, Wolfgang Cloosters, die Nachricht von den beiden Schnellabschaltungen in den Kernkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel an der Elbe. Den Urlaub bricht Cloosters - heute Chef der Atomaufsicht des Bundes - ab, um sich um die „Störfälle“, wie die Pannen in einem Parlamentsbericht später bezeichnet werden, zu kümmern. Ob überhaupt und wie groß damals im AKW Krümmel das Risiko eines Atomunfalls war, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander.

28. Juni 2007, 13.20 Uhr: Im Schaltanlagengebäude des AKW Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen), etwa 70 Kilometer westlich von Hamburg gelegen,  kommt es zu einem Kurzschluss, dann zu einer Netzstörung und Trennung vom Netz. In der Millionenstadt fallen 800 Ampeln aus. Um 15.02 führt auf dem Gelände des AKW Krümmel - es liegt 29 Kilometer östlich von Hamburg - ein Kurzschluss in einem Maschinentransformator zu einem Brand, 70 Tonnen Transformator-Öl gehen in Flammen auf. Erneut fallen Ampeln in Hamburg aus. Doch das ist nebensächlich.

Dicker schwarzer Rauch steigt in Geesthacht vom Gelände des AKW Krümmel (Kreis Herzogtum Lauenburg), des weltweit größten Siedewasserreaktors, in den Himmel und ist kilometerweit zu sehen. Die Feuerwehr löscht den Brand im Transformatorhaus schnell, weißer Löschschaum wabert über den Hof, Fetzen treiben wie Watteflocken über das Gelände. Wegen der großen Hitze ist aber auch Stunden später nicht an ein Betreten des Transformatorenhauses zu denken.

In der Reaktorwarte herrschte, wie später bekannt wird, nach Ausbruch des Brandes praktisch Chaos. Statt fünf sind plötzlich bis zu 20 Menschen dort. Rauch dringt in die Warte, eine Gasmaske kommt zum Einsatz. Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital sieht im Nachhinein eine ganze Reihe von Problemen: „Technisch zeigte sich, dass viele System nicht so funktionierten wie vorgesehen.“ Im Einzelnen listet er auf:

Die Brandbekämpfungsanlage sei völlig unterdimensioniert gewesen - „nur für sechs Minuten ausgelegt, aber erst nach 24 Minuten konnte die Werksfeuerwehr löschen, weil der Transformator vom Netz getrennt und geerdet werden musste“. Die Brandbekämpfung dauerte Stunden. „Rauchgase wurden durch die Lüftung verstärkt in die Reaktorwarte geleitet - also ein konzeptioneller Fehler der Lüftungsanlage. Es fiel eine Speisewasserpumpe aus und damit die gesamte betriebliche Speisewasserversorgung. Fehler traten im IT-System des Prozessrechners auf, er war mit der Datenflut der Störmeldungen überfordert und funktionierte nicht plangemäß.“ Zu den technischen Mängeln kamen organisatorische hinzu. Der stellvertretende Schichtleiter war laut Smital gleichzeitig Staffelführer der Werksfeuerwehr und hätte somit an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig sein müssen, „wohl eine Folge von übertriebenen Personaleinsparungen von Vattenfall“. Unzureichende Kommunikation in der Reaktorwarte, viele Personen in der Reaktorwarte ohne klare Funktion hätten zu zusätzlichem Chaos geführt.

Das komplette Interview mit Heinz Smital

Waren die Vorfälle in Brunsbüttel und vor allem Krümmel am 28. Juni 2007 die gefährlichsten Kernkraft-Pannen in der Bundesrepublik?

Wegen der Komplexität einer Reaktoranlage kann keine absolute Skala der Gefährlichkeit von Ereignissen aufgestellt werden. Aber die beiden Störfälle sind bedeutende und einschneidende Ereignisse, denn die beiden Reaktoren konnten danach nicht wieder in einen Normalbetrieb zurückkehren.

Wie nah oder wie fern war Deutschland damals von einem Gau entfernt, also einer Kernschmelze, oder dem Austreten von Radioaktivität aus dem Meiler Krümmel?

Die Kombination von scheinbar unbedeutenden Ereignissen kann zur Katastrophe führen. Daher liegen ein Katastrophenereignis und eine kleine Abweichung vom Normalfall gar nicht so weit auseinander. Wenn noch mehr Rauchgase in die Reaktorwarte gelangt wären oder weitere Fehlbedienungen durchgeführt worden wären, hätte der Füllstand im Reaktordruckbehälter weiter abfallen können. Sobald die heißen Brennelemente direkt nach einer Schnellabschaltung nicht mehr im Wasser sind, geht es ganz schnell mit einer teilweisen Kernschmelze. Und dann ist eine Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt auch nicht mehr weit.

Und was bedeutet dies auf den Fall Krümmel bezogen?

Man kann nicht sagen, wie nah man an einer Kernschmelze war, man kann aber umgekehrt zeigen, dass große Reaktorunfälle bei geringfügig anderen Gegebenheiten nicht zur Kernschmelze geführt hätten. Bei Three Mile Island 1979 in den USA hätte die Schichtmannschaft den Zustand des Reaktor richtig erfassen können oder beim Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 in der Ukraine hätte das Experiment einige Sekunden früher abgebrochen werden können, dann wäre wahrscheinlich in beiden Fällen keine Radioaktivität freigesetzt worden.

Was genau passierte 2007 in Brunsbüttel und Krümmel, ist das restlos aufgeklärt worden?

In Brunsbüttel erfolgte eine Schnellabschaltung nach einem externen Kurzschluss in der 380 kV Leitung im Netz. In Krümmel trat um 15 Uhr ein Kurzschluss in einem der beiden Maschinentransformatoren auf, der einen Brand mit etwa 70 Tonnen Transformator-Öl auslöste. Die Ursachen des Kurzschlusses sind bis heute nicht wirklich aufgeklärt worden.

Hat Vattenfall verharmlost und vertuscht?

Auf jeden Fall hat Vattenfall die Ereignisse verharmlost und behauptet, der nukleare Teil der Anlage sei nicht betroffen, dabei wurden Sicherheits- und Entlastungsventile falsch betätigt, der Wasserstand im Reaktordruckbehälter ist dramatisch gesunken und im Kontrollraum sind Rauchgase eingedrungen, so dass teilweise Gasmasken getragen werden mussten.

Wie bewerten Sie das Verhalten von Personal und Atomaufsicht?

Das Krisenmanagement von Vattenfall ist sehr kritisch zu sehen, es wurde eine Kommission gegründet von Reaktorexperten, die wunschgemäß bescheinigten, dass der Reaktor wieder in Betrieb gesetzt werden kann. Die Atomaufsicht hat glücklicherweise sehr sachlich reagiert, sich durch die Vattenfall-Kommission nicht einschüchtern lassen und tatsächlich war der Reaktor, abgesehen von wenigen Betriebstagen im Jahr 2009, nicht wieder betriebsbereit.

Welche Schwierigkeiten hat es in Krümmel gegeben?

Der Kurzschluss und Brand in einem der beiden Maschinentransformatoren zeigte eine ganze Reihe von organisatorischen und technischen Problemen auf. Technisch zeigte sich, dass viele System nicht so funktionierten wie vorgesehen: Kurzschluss im Maschinentransformator; Brandbekämpfungsanlage völlig unterdimensioniert - nur für sechs Minuten ausgelegt, aber erst nach 24 Minuten kann die Werksfeuerwehr löschen, weil der Transformator vom Netz getrennt und geerdet werden musste; die Brandbekämpfung dauerte Stunden. Rauchgase wurden durch die Lüftung verstärkt in die Reaktorwarte geleitet - also konzeptionelle Fehler der Lüftungsanlage; Ausfall einer Speisewasserpumpe und damit Ausfall der gesamten betrieblichen Speisewasserversorgung; Fehler im IT-System des Prozessrechners, er war mit der Datenflut der Störmeldungen überfordert und funktionierte nicht plangemäß.

Und die organisatorischen Mängel...?

Der stellvertretende Schichtleiter war gleichzeitig Staffelführer der Werksfeuerwehr und hätte somit an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig sein müssen, wohl eine Folge von übertriebenen Personaleinsparungen von Vattenfall; unzureichende Kommunikation in der Reaktorwarte; viele Personen in der Reaktorwarte ohne klare Funktion führten zu zusätzlichem Chaos.

Es hätte also schlimmer kommen können?

Auch der erste schwere Kernschmelzunfall in Three Mile Island 1979 entwickelte sich aus der Kombination von einem einfachen technischen Fehler in einer Ventilsteuerung im Sekundärkreislauf und Bedienfehlern der Schichtmannschaft. Ich kann hier durchaus Parallelen erkennen.

Hat die technische und politische Aufarbeitung Konsequenzen gebracht für mehr Sicherheit der Kernkraftwerke in Deutschland?

Von 2007 bis zur Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 konnten die Probleme und immer neu entdeckten Probleme vom AKW Krümmel und AKW Brunsbüttel nicht behoben werden und haben so sicher wesentlich zum endgültigen Aus der ältesten Atomreaktoren beigetragen. Das ist der endscheidende Sicherheitsgewinn gewesen.

Welches Risiko geht von Krümmel und Brunsbüttel noch aus?

Die Gefahr von laufenden Atomreaktoren ist deutlich größer, weil einwandfrei funktionierende System vorausgesetzt werden müssen, also Stromversorgung und Kühlung müssen funktionieren, um eine Katastrophe zu verhindern. Ein Reaktor, der mehrere Jahre abgeschaltet ist, hat nicht mehr dieses „Eigenleben“ hin zur Katastrophe, jedoch sind die abgebrannten Brennelemente, der hochradioaktive Atommüll, ein Langzeitrisiko, letztlich bis zu einer Million Jahre.

 

 

Heinz Smital (55) ist Atomexperte bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Er hat Kernphysik an der Universität in Wien studiert und bei Siemens gearbeitet. Seit 1991 engagiert er sich bei Greenpeace mit dem Schwerpunkt Energiepolitik. Seit 2006 ist er hauptamtlich für Atom-Kampagnen zuständig. 

Wie nah oder wie fern war Deutschland damals von einem Gau entfernt, also einer Kernschmelze, oder dem Austreten von Radioaktivität aus dem Meiler? Der Betreiber Vattenfall betont heute, die Ereignisse in Krümmel und Brunsbüttel seien von ihrer sicherheitstechnischen Bedeutung her der niedrigsten Stufe zugeordnet worden: „Die Schnellabschaltungen in beiden Kraftwerken haben gerade das Funktionieren der Sicherheitssysteme unter Beweis gestellt. Eine Gefahr für Mensch oder Umwelt bestand nicht.“ Das habe damals auch die Aufsichtsbehörde bestätigt.

Foto: dpa
 

Smital hat eine andere Einschätzung: „Die Kombination von scheinbar unbedeutenden Ereignissen kann zur Katastrophe führen. Daher liegen ein Katastrophenereignis und eine kleine Abweichung vom Normalfall gar nicht so weit auseinander. Wenn noch mehr Rauchgase in die Reaktorwarte gelangt wären oder weitere Fehlbedienungen durchgeführt worden wären, hätte der Füllstand im Reaktordruckbehälter weiter abfallen können. Sobald die heißen Brennelemente direkt nach einer Schnellabschaltung nicht mehr im Wasser sind, geht es ganz schnell mit einer teilweisen Kernschmelze und dann ist eine Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt auch nicht mehr weit.“

Die Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel in Zahlen
  • Brunsbüttel gehört zu 66,7 Prozent Vattenfall und zu 33,3 Prozent Eon. An Krümmel sind beide Energiekonzerne mit jeweils 50 Prozent beteiligt.
  • Brunsbüttel ging 1977 in Betrieb, Krümmel 1984.
  • In Brunsbüttel liegt die installierte Bruttoleistung bei 806 Megawatt, in Krümmel sind es 1402.
  • Bis 2011 wurden in Brunsbüttel 124.211 Gigawattstunden Strom erzeugt, in Krümmel waren es 208.031.
  • Seit der Inbetriebnahme gab es im „Pannenmeiler“ Brunsbüttel 484 meldepflichtige Ereignisse (deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt), in Krümmel waren es 341.
  • Brunsbüttel war während 55,6 Prozent der gesamten Betriebszeit „arbeitsverfügbar“, in Krümmel waren es 70,3 Prozent.
  • Nach der Atomkatastrophe von Fukushima wurden 2011 beide Kraftwerke im Zuge einer Änderung des Atomgesetzes formell endgültig stillgelegt.

Hätte es also schlimmer kommen können? Auch der erste schwere Kernschmelzunfall im Atomkraftwerk Three Mile Island 1979 bei Harrisburg in den USA habe sich aus der Kombination von einem einfachen technischen Fehler in einer Ventilsteuerung im Sekundärkreislauf und Bedienfehlern der Schichtmannschaft entwickelt, sagt Smital. „Ich kann hier durchaus Parallelen erkennen.“ Cloosters will sich zu den Vorfällen von damals mit Rücksicht auf seine Rolle als Zeuge in einem schwebenden Verfahren nicht öffentlich äußern. Grundsätzlich stellt er aber fest: „Flammen in einem Kernkraftwerk, Eintreten von Rauchgasen in die Warte eines Kernkraftwerkes - das sind schon gravierende Vorgänge, so etwas darf einfach nicht passieren, das muss unter allen Umständen vermieden werden, und zwar durch entsprechende vorsorgende Planung und durch vorsorgende Instandhaltung.“ Im Kreuzfeuer der Kritik stand damals Vattenfall. Der Konzern habe die Situation zumindest verharmlost, resümiert Smital, manche sprechen gar von Vertuschen und Vorenthalten von Informationen. „Das Informationsverhalten von Vattenfall ist damals ja auch in den Medien als desaströs kritisiert worden, was auch zur Folge hatte, dass bei Vattenfall Köpfe gerollt sind“, erinnert Cloosters.

Jahrelang prüfte die Atomaufsicht in Kiel die Zuverlässigkeit von Vattenfall als Kernkraftwerksbetreiber - erst sechs Jahre nach den Störfällen, am 28. Juni 2013, erklärte Cloosters, nachdem Vattenfall „erforderliche Maßnahmen“ umgesetzt hatte: „Die entstandenen Zweifel an der atomrechtlichen Zuverlässigkeit sind damit ausgeräumt.“

Vattenfall zeigt sich bis heute wenig zerknirscht: „Dass Bilder von Qualm und Rauch in einem Kernkraftwerk dazu geeignet sind, die Menschen zu verunsichern, verstehen wir und wir haben für unsere Kommunikationsarbeit daraus die Lehre gezogen. Es liegt uns aber fern, die Arbeit unserer Vorgänger zu kommentieren oder gar zu kritisieren.“

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erstellt am 23.Jun.2017 | 07:47 Uhr

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